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Auch neue Arzneimittel ohne Zusatznutzen werden häufig verordnet

Dienstag, 17. Februar 2015

dpa

Berlin – Neue Arzneimittel mit einem vom Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) festgestellten Zusatznutzen werden nicht zwangsläufig häufiger verordnet als neue Arzneimittel ohne Zusatznutzen. Das geht aus dem AMNOG-Report der DAK hervor, der heute in Berlin vorgestellt wurde. Ein Beispiel dafür ist das Arzneimittel Fampyra mit dem Wirkstoff Fampridin, ein Medikament gegen multiple Sklerose. Der Umsatz dieses Mittels verzehnfachte sich dem AMNOG-Report zufolge in den beiden Jahren nach der frühen Nutzenbewertung durch den G-BA, obwohl kein Zusatznutzen festgestellt wurde.

Für den AMNOG-Report hat die Universität Bielefeld im Auftrag der DAK die 58 neuen Wirkstoffe analysiert, für die bis zum 31. Dezember 2013 eine frühe Nutzenbewertung vorgenommen wurde. In 50 Prozent der Fälle habe der G-BA dabei einen Zusatznutzen anerkannt, erklärte Wolfgang Greiner, einer der Autoren des Reports.

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Arzneimittel ohne Zusatznutzen häufiger verordnet als Arzneimittel mit Zusatznutzen
Insgesamt stieg das Verordnungsvolumen im Jahr nach der G-BA-Bewertung bei Arzneimitteln ohne Zusatznutzen im Durchschnitt um etwa 18 Prozent. Um denselben Wert stieg das Verordnungsvolumen von Arzneimitteln mit einem geringen Zusatznutzen. Medikamente mit einem beträchtlichen Zusatznutzen legten hingegen nur um etwa 14 Prozent zu.

„Die kritische wissenschaftliche Bewertung der Präparate würde ein anderes Verord­nungs­verhalten der Ärzte erwarten lassen“, kommentierte der Vorstandsvorsitzende der DAK, Herbert Rebscher, das Ergebnis. Über die Gründe, warum Ärzte sich häufig nicht an der wissenschaftlichen Bewertung orientierten, lasse sich dabei nur spekulieren: Möglicherweise spielten hier Informationsmängel eine Rolle.

Ludwig: „Wir müssen uns stärker um eine unabhängige Fortbildung kümmern“
Dieser Ansicht ist auch der Vorsitzende der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ). „In Deutschland dominiert weiterhin das Pharmamarketing“, sagte Wolf-Dieter Ludwig. Das Monopol der Arzneimittelhersteller auf die Vermittlung von Informationen über neue Arzneimittel habe durch das AMNOG nicht beseitigt werden können. „Jede Woche bekomme ich von Pharmafirmen zwei bis drei Zeitschriften, in denen sogenannte Experten Ergebnisse von klinischen Studien aufbereiten. Das geht häufig nicht konform mit den Ergebnissen der Nutzenbewertung“, kritisierte Ludwig.

Auch Fortbildungsveranstaltungen, die von Pharmaunternehmen bezahlt werden, verhinderten, dass die Informationen aus der frühen Nutzenbewertung die Ärzte erreichten. „Wir müssen uns stärker um eine unabhängige Fortbildung kümmern“, forderte Ludwig. „Es kann nicht sein, dass wir für Veranstaltungen Fortbildungspunkte vergeben, von denen wir wissen, dass sie eigentlich Marketingveranstaltungen der Industrie sind.“

Ludwig: Keine neuen Arzneimittel ohne Zusatznutzen verordnen
Ludwig appellierte an die Ärzte, keine neuen Arzneimittel zu verordnen, die keinen Zusatznutzen zugesprochen bekommen haben: „Diese Medikamente wurden häufig nur an wenigen Patienten geprüft, und es gibt keine langfristigen Studien über sie.“ Die Wirkungsweise von Standardmedikamenten sei hingegen gut bekannt.   

Der AkdÄ-Vorsitzende forderte zudem die Einrichtung eines Runden Tisches, an dem alle zusammenkommen sollten, die ein Interesse an der Vermittlung unabhängiger Informati­onen über Arzneimittel hätten. Zusammen müsse man versuchen, die Informationsflüsse zu zentralisieren, damit die Erkenntnisse aus dem AMNOG-Verfahren auch bei den Ärzten ankämen.

Mehr Informationen aus der Versorgungspraxis erfassen
Ludwig betonte, dass zum Zeitpunkt der frühen Nutzenbewertung viele Informationen über neue Arzneimittel noch gar nicht vorliegen. „Unser Problem ist, dass wir am Ende der frühen Nutzenbewertung mitunter mehr offene Fragen haben als beantwortete“, sagte er. Deshalb müssten nach der Zulassung mehr versorgungsrelevante Studien initiiert werden, mit denen diese Fragen beantwortet werden könnten.

Greiner erklärte, dass entsprechende Informationen aus der Versorgungspraxis bislang nur in einem Viertel der Fälle drei Jahre nach der frühen Nutzenbewertung erfasst würden. „Das müssen wir ausbauen, damit das zum Standard wird“, forderte er.   

Kein Zusammenhang zwischen Zusatznutzen und Erstattungsbetrag
Greiner wies zudem darauf hin, dass Arzneimittel mit einem deutlichen Zusatznutzen bei den Preisverhandlungen nicht automatisch einen hohen Erstattungsbetrag erzielten. „Die bislang vereinbarten Erstattungsbeträge weisen in Relation zum Zusatznutzen eine deutliche Varianz auf. Eine Abhängigkeit vom Zusatznutzenausmaß kann dabei zunächst nicht beobachtet werden“, heißt es dazu im Report.

Sieben Hersteller wählten bis Ende 2013 das Opt-Out
Bis zum Ende des Jahres 2013 haben dem AMNOG-Report zufolge sieben Hersteller die sogenannte Opt-Out-Option gewählt und ihr Präparat in Deutschland vom Markt genommen. „Bei Einführung des AMNOG wurde von Seiten der Pharmaindustrie befürchtet, dass es durch breite Marktrücknahmen zu Versorgungsengpässen kommt“, kommentiert die DAK. Auch wenn nun ein Teil der Präparate vom Markt verschwunden sei, habe dies bisher nicht zu Engpässen in der Versorgung geführt.

Beispielsweise bei den Gliptinen habe die Umstellung auf andere Arzneimittel reibungslos funktioniert, ergänzte Greiner: „Im ersten Quartal nach dem Rückzug aus dem Markt waren schon 71 Prozent der Patienten umgestellt.“  

Breite Kritik an der Abschaffung des Bestandsmarktsaufrufs
Auf breite Kritik stieß, dass die Bundesregierung Anfang vergangenen Jahres den Bestandsmarktaufruf wieder abgeschafft hat. „Dadurch haben wir einen zweigeteilten Markt“, sagte Rebscher. „Medikamente ohne Nutzenbewertung haben weiterhin ihren angestammten Platz. Und wenn der Patentschutz ausläuft, werden auch entsprechende Generika produziert, die mit Medikamenten konkurrieren, deren Nutzen belegt werden musste.“

„Es ist bedauerlich, dass eine systematische Bewertung des Bestandsmarktes und die daraus resultierenden Informationen nicht erhoben werden“, meinte auch Greiner. In der Folge blieben zweifelhafte Medikamente auf dem Markt.

Und Ludwig betonte: „Sowohl im Hinblick auf die zu erzielenden Einsparungen als auch auf die Verbesserung der Arzneimittelversorgung wäre der Aufruf des Bestandsmarktes unverzichtbar gewesen.“ © fos/aerzteblatt.de

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