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Ärzteschaft

„Wir brauchen mehr Versorgungsforschung zur Umsetzung von Leitlinien!“

Freitag, 27. Februar 2015

Köln – Mehr als 150 wissenschaftliche medizinische Fachgesellschaften engagieren sich in Deutschland bei der Entwicklung und Fortschreibung ärztlicher Leitlinien. Diese sind mittlerweile als Wissensgrundlage für zahlreiche Qualitätsinitiativen in Klinik und Praxis akzeptiert. Dennoch gibt es Verbesserungsbedarf.

Fünf Fragen an Corinna Schaefer. Sie ist im Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) für die Leitlinienentwicklung zuständig.

DÄ: Leitlinien scheinen mittlerweile breit akzeptiert zu sein. Oder bestehen weiterhin Ängste, dass Leitlinien zu einer „Medizin nach Kochrezept“ führen?
Schaefer: Leitlinien sind tatsächlich im Bereich der Wissensvermittlung gut angekommen. Die ursprüngliche Sorge mancher Ärzte, sie würden die Therapiefreiheit einschränken, scheint inzwischen beruhigt. Denn den meisten ist klar: Leitlinien sollen die individuelle Therapie unterstützen. Sie zwingen ja auch zum Nachdenken: Warum weiche ich in einem speziellen Fall von den Empfehlungen ab? Kann ich das gut begründen? Außerdem sind Leitlinien als Wissensgrundlage ein schnelles Instrument. Der Blick in die Leitlinie ist viel effektiver als eine aufwendige Datenbank-Recherche. Als Wissensgrundlage sind Leitlinien also breit akzeptiert, ob sie aber auch in der Versorgung angekommen sind, ist nicht so klar.

DÄ: damit meinen Sie…?
Schaefer: Es fehlen Evaluationen, es fehlt Forschung dazu, ob die Leitlinien­empfeh­lungen im Alltag umgesetzt werden. Wir wissen zum Beispiel, dass Ärzte positive Leit­linien-Empfehlungen, das heißt, Empfehlungen für eine Maßnahme, akzeptieren und gern umsetzen. Negative Empfehlungen werden dagegen nicht so leicht angenommen – also die Empfehlung, auf eine spezielle Diagnostik oder Therapie zu verzichten.

Zum Beispiel spricht die nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz eine ganze Reihe von Negativempfehlungen für die Bildgebung aus. Es kann aber mehrere Gründe geben, weswegen Ärzte sich schwer tun, diesen Empfehlungen zu folgen: Patientenerwartungen, Vergütungsstrukturen oder auch die Angst, etwas Wichtiges unterlassen zu haben. Hier bräuchten wir mehr Wissen dazu, was Ärzten bei der Umsetzung von Leitlinien-Empfeh­lungen hilft und was sie hindert.

DÄ: Wie steht es mit der Finanzierung von Leitlinien? Gibt es hier Defizite?
Schaefer: Bislang sind Leitlinien freiwillige Leistungen der ärztlichen Fachgesellschaften beziehungsweise von ärztlichen Körperschaften und Verbänden wie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Bundes­ärzte­kammer. Zusammen leisten sie Enormes, kostet eine hochwertige Leitlinie doch durchaus 150.000 bis 300.000 Euro. Aber viele Ärzte und Wissenschaftler stehen auf dem Standpunkt, dass es eine ärztliche Aufgabe ist, sich Gedanken über die beste Behandlung und Versorgung zu machen und diese auch für ihr Fach niederzulegen.

Eine zusätzliche Finanzierung wäre aber zum Beispiel für mehr unabhängige Begleit-und Versorgungsforschung sinnvoll.

DÄ: Wie profitieren die Leitlinienautoren selbst von ihrer Arbeit?
Schaefer: Die Autoren der Leitlinien aus den Fachgesellschaften arbeiten ehrenamtlich. Bedauerlich ist, dass die aufwändige Leitlinienarbeit im Augenblick für die akademische Karriere der Experten wenig nutzbar ist. Zum Beispiel gibt es für diese intensive Arbeit keinen Impact-Faktor. Hier fehlen Konzepte, die aufwändige Arbeit an den Leitlinien wissenschaftlich zu honorieren.

: Das ÄZQ koordiniert für etliche große Leitlinien auch die Erstellung von begleitenden Patientenleitlinien. Hat sich dieses Konzept durchgesetzt?
Schaefer: Patientenleitlinien, die Empfehlungen ärztlicher Leitlinien in Patienten verständliche Sprache übertragen, werden international erst entdeckt. In Deutschland haben wir schon seit zehn Jahren Erfahrungen damit. Bei den nationalen Versorgungs­leitlinien und im Leitlinienprogramm Onkologie sind sie obligat, auch immer mehr Fachgesellschaften erarbeiten begleitende Patientenleitlinien. Dabei unterstützen wir gern. © hil/aerzteblatt.de

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