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Medizin

Nach Zeckenstich: Mann stirbt an neuer Viruskrankheit

Montag, 23. Februar 2015

dpa

Fort Collins – In den USA ist in einer ländlichen Region ein zuvor kerngesunder Mann nach einer elf-tägigen schweren Erkrankung mit Fieber, Leukopenie und Thrombo­zytopenie verstorben. Forscher der Centers for Disease Control and Prevention isolierten im Blut des Patienten ein bisher unbekanntes Virus. In den Emerging Infectious Diseases (2015; doi: 10.3201/eid2105.150150) bringen sie die Erkrankung mit einem Zeckenstich des Patienten in Verbindung.

Der Todesfall ereignete sich bereits im letzten Spätfrühling in dem Bezirk Bourbon im US-Staat Kansas. Der Patient, ein gesunder Mann von über 50 Jahren, war einige Tage vor dem Erkrankungsbeginn von mehreren Zecken gebissen worden. Ein Exemplar auf der Schulter hatte sich bei der Entfernung bereits mit Blut vollgesaugt. Die Erkrankung begann mit körperlicher Abgeschlagenheit und Durchfall. Am nächsten Tag stellten sich Fieber, Appetitlosigkeit, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und Gelenk­schmerzen ein. Der am dritten Krankheitstag konsultierte Hausarzt vermutete eine durch Zecken übertragene bakterielle Infektion und behandelte den Patienten empirisch mit Doxycyclin.

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Am nächsten Morgen wurde er wegen einer weiteren Verschlechterung in einem örtlichen Krankenhaus aufgenommen und aufgrund einer weiteren Verschlechterung am achten Tag in eine Klinik der tertiären Versorgung verlegt. Den Ärzten gelang es dort nicht, den Zustand des Patienten zu stabilisieren. Am elften Tag starb er an einem Multior­ganversagen.

Aufgrund des zeitlichen Zusammenhangs vermuteten die Ärzte eine durch Zecken übertragene Erkrankung, doch die serologischen Tests auf Rocky-Mountain-Fieber, Lyme-Borreliose und Ehrlichiosis verliefen negativ. Später wurden auch Tularämie, Brucellose, Babesiose und Q-Fieber sowie Pilzinfektionen ausgeschlossen. Auch ein Nachweistest für das Heartland-Virus, das 2009 im US-Staat Missouri entdeckt wurde verlief negativ.

Die Mikrobiologen entdeckten jedoch eine unspezifische Reaktion und das Serum zeigte in einer Zellkultur eine zytopathische Wirkung. Beides deutete auf eine Virusinfektion hin. Als dann im Elektronenmikroskop Viruspartikel mit den typischen Merkmalen eines Ortho­myxovirus entdeckt wurden, führten die Forscher spezielle Gentests durch. Sie stießen dabei auf virale Gene mit einer 70-prozentigen Übereinstimmung mit der Spezies Dhori-Virus, die zum Genus Thogotovirus aus der Familie der Orthomyxoviridae gehört.

Die Unterschiede zum Dhori-Virus waren so groß, dass das Team um J. Erin Staples von einem Labor der Centers for Disease Control and Prevention in Fort Collins/Colorado eine eigenständige Virus-Spezies vermutet. Sie wurde nach dem Ort der Infektion Bourbon-Virus getauft. Eine phylogenetische Untersuchung ergab nur eine entfernte Verwandtschaft mit dem Dhori-Virus und dem Batken-Virus, das ebenfalls zu den Thogotoviren gehört.

Symptomatische Infektionen von Menschen mit anderen Thogotoviren waren bislang äußerst selten. Laut Staples wurden bisher nur sieben Fälle bekannt, von denen die meisten neurologische Befunde (Meningitis, Enzephalitis) hatten. Leukopenie und Thrombozytopenie, die möglicherweise für das Bourbon-Virus kennzeichnend sind, fehlten bei den anderen Erkrankungen durch Thogotoviren. Da der Patient nach seinem Tod nicht obduziert wurde, bleibt unklar, welche Gewebe infiziert waren. Die Symptome Leukopenie und Thrombozytopenie deuten allerdings auf eine Beteiligung des Knochenmarks hin.

Unklar ist, ob es sich um einen Einzelfall handelt oder ob das Virus weiter verbreitet ist. Hohes Fieber in Verbindung mit Leukopenie und Thrombozytopenie nach einem Zeckenstich sind für Staples Verdachtsmomente, die auf die Erkrankung hindeuten könnten. Es sei allerdings nicht bewiesen, dass das Virus durch Zecken übertragen wird. Der Nachweis des Virus in Zecken steht noch aus. Nach der Entwicklung eines Antikörpertests könnte die Verbreitung der Erkrankung beim Menschen untersucht werden. © rme/aerzteblatt.de

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