NewsMedizinWHO: „Kluge“ Spritzen sollen mehrfache Injektionen verhindern
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

WHO: „Kluge“ Spritzen sollen mehrfache Injektionen verhindern

Montag, 23. Februar 2015

dpa

Genf – Die ausschließliche Verwendung von „klugen“ Spritzen, die nach einmaliger Benutzung unbrauchbar sind, soll künftig die hohe Zahl von Mehrfachinjektionen unterbinden, die vor allem in ärmeren Ländern immer wieder zur Übertragung von Krankheiten führen. Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) legte hierzu eine Leitlinie vor und fordert von den Mitgliedsländern, den Wechsel bis 2020 abzuschließen.

Was in den entwickelten Ländern eigentlich nur unter Drogenabhängigen üblich ist, scheint in der dritten Welt vielerorts noch gang und gäbe zu sein: Aus Nachlässigkeit oder um Kosten zu sparen werden Spritzen mehrfach verwendet. Die Folge ist absehbar. Die WHO illustriert sie an vier Beispielen, von denen das erste – man höre und staune – aus den USA stammt.

Anzeige

Im US-Staat Nevada kam es 2007 zu einem Ausbruch von Hepatitis C, weil ein Arzt ein und dieselbe Kanüle für mehrere Lokalanästhesien verwendet hatte und das Betäu­bungsmittel dabei aus der gleichen Durchstechflasche entnommen hatte. In Kambodscha wurden 2014 in einer Serie mehr als 200 Kinder und Erwachsene durch Mehrfach­nutzung von Injektionsnadeln infiziert. Aus Kirgisistan wurden 2007 und 2008 ähnliche Fälle berichtet. In Indien wurden 2009 in einer Epidemie gleich 400 Menschen mit Hepatitis B angesteckt.

Es handelt sich aber keineswegs um Einzelfälle: Dass Ägypten die weltweit höchste Prävalenz von Hepatitis C hat, führt die WHO auf die häufige Mehrfachverwendung von Spritzen zu medizinischen Zwecken zurück. Jacques Pépin von der Université de Sherbrooke in Kanada schätzte im letzten Jahr in PLOS ONE (2014: 9: e99677), dass sich im Jahr 2010 durch unsichere Injektionen bis zu 1,7 Million Menschen mit dem Hepatitis B-Virus und 315.000 mit dem Hepatitis C-Virus und bis zu 315.000 mit dem HI-Virus infiziert haben.

Dies ist umso bedauerlicher, als weltweit die allermeisten Injektionen medizinisch unnötig sind. Von weltweit jährlich 16 Milliarden Injektionen entfallen laut WHO 5 Prozent auf Impfungen und weitere 5 Prozent auf Transfusionen und injizierbare Kontrazeptiva. Bei den restlichen 90 Prozent werden Arzneimittel in den Muskel (intramuskulär) oder in die Haut (subkutan oder intradermal) injiziert. Viele dieser Injektionen sind nach Einschätzung der WHO nicht erforderlich, da es häufig oral verfügbare Medikamente gibt.

Viele Medikamente würden nur deshalb als Injektion verabreicht, weil die Patienten glauben, dass die Mittel dann besser wirken oder weil die Ärzte dann ein höheres Honorar abrechnen können. Die Mehrfachverwendung einzelner Spritzen kann dann den Mehrwert erhöhen. Dieser Missbrauch lässt sich nach Einschätzung der WHO durch sogenannte kluge Einmalspritzen („smart syringes“) verhindern.

Die Leitlinie erwähnt gleich mehrere unterschiedliche Modelle. Bei einer ist der Kolben so schwach, dass er beim Versuch, ihn nach der Injektion zurückzuziehen, zerbricht. Andere haben eine Metallklammer, die den Kolben nach der Injektion blockiert. In einem anderen Modell wird die Nadel in den Kolben gezogen, was auch Nadelstichverletzungen beim Anwender verhindert.

Die WHO fordert die Mitgliedsländer auf, die bisher benutzten Spritzen während einer Übergangszeit bis 2020 durch die „smart syringes“ zu ersetzen. Ausnahmen sollten nur dann erlaubt sein, wenn es, wie etwa bei Infusionspumpen, keine Alternativen gibt.

© rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

26. Oktober 2020
Berlin – Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat Forderungen aus der Union zurückgewiesen, das geplante Arbeitsschutzkontrollgesetz zu verwässern. „Wir müssen den Sumpf in Teilen der
Heil weist Unionsforderungen nach Abschwächung von Arbeitsschutzgesetz zurück
23. Oktober 2020
Frankfurt/Main – Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat ein nationales Hygienerahmenkonzept für sichere Sportveranstaltungen in Zeiten anhaltender SARS-CoV-2-Pandemie vorgelegt. „Die Gesundheit
Sicheres Sporttreiben: DOSB legt Hygienekonzept für Wettkämpfe vor
19. Oktober 2020
Amsterdam – Der Medizintechnikkonzern Philips hat im dritten Quartal deutlich mehr verdient als im Vorjahr. Dabei profitierte der Konkurrent von Siemens Healthineers von einer großen Nachfrage nach
Philips profitiert von großer Nachfrage nach Beatmungsgeräten
13. Oktober 2020
Venlo – Das Biotechnologieunternehmen Qiagen profitiert weiter von seinen Produkten für Coronatests. Die Erlöse stiegen im dritten Quartal sowohl nominal als auch wechselkursbereinigt im Vergleich zum
Coronatests steigern Umsatz von Qiagen
12. Oktober 2020
Sydney – Auf glatten Oberflächen wie von Handydisplays und Bankautomaten kann das Coronavirus SARS-CoV-2 unter bestimmten Laborbedingungen bis zu 28 Tage überleben. Das schreibt zumindest die
Studie: Coronavirus kann unter Laborbedingungen bis zu 28 Tage auf Oberflächen überleben
9. Oktober 2020
Nürnberg – Hände nass machen, rundherum für mindestens 20 Sekunden einseifen, gründlich abwaschen, sorgfältig abtrocknen. Dieses Ritual steht derzeit besonders im Fokus. Während Händewaschen früher
Nicht nur wegen Corona: Händewaschen nicht vergessen
6. Oktober 2020
Dresden – Die Sächsische Lan­des­ärz­te­kam­mer (SLÄK) hat die große Bedeutung von Hygienemaßnahmen und Infektionsschutz im Praxisalltag erneut unterstrichen. Anlass sind vermehrte Rückmeldungen von
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER