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Politik

„Hier Maßnahme, dort Wirkung – so einfach ist es leider nicht“

Dienstag, 24. Februar 2015

Köln - Wie schafft man es, dass Angebote zu Prävention und Gesund­heits­förder­ung noch mehr bewirken? Die neue Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hält es für wichtig, gemeinsam mit den Krankenkassen Strategien zu Prävention und Gesund­heits­förder­ung abzustimmen und die Chancen zur Aufklärung in Kindergärten und Schulen zu nutzen. Aber auch die Möglichkeiten, die der niedrig­schwellige Zugang von Jung und Alt zu Ärzten in Klinik und Praxis bietet, solle man für Angebote dort und zur Steigerung von deren Akzeptanz im Auge behalten.

5 Fragen an … Heidrun Thaiss, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

: Frau Dr. Thaiss, was halten Sie derzeit, am Beginn Ihrer Tätigkeit an der Spitze der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, für die größte Herausforderung?
Thaiss: Die Bundeszentrale hatte bisher schon eine Vielzahl von Aufgaben zu bewältigen. Wenn das Präventionsgesetz wie geplant 2016 in Kraft tritt, übernimmt die BZgA noch weitere, unter anderem die Geschäftsführung in einer neuen Präventionskonferenz. Und sie wird die Krankenkassen bei der Umsetzung von Präventionsvorhaben in Lebenswelten unterstützen. Es ist eine Herausforderung, den bisherigen Weg erfolgreich weiterzugehen und neue, zusätzliche Aufgaben zu bewältigen. 

DÄ: Was würden Sie gern noch verbessern?
Thaiss: Ich habe selbst erlebt, wie viele erfolgreiche und effektive Einzelprojekte es im Bereich von Prävention und Gesund­heits­förder­ung gibt. Es läuft allerdings manches parallel. Und viele Projekte sind zwar wissenschaftlich fundiert, werden aber ohne die notwendige Nachhaltigkeit aufgesetzt. Die vielen erfolgreichen Projekte zu bündeln und sie einheitlich strategisch auszurichten, das würde ich gern erreichen.

Mir ist außerdem wichtig, dass unsere Arbeit ein solides, evidenzbasiertes Fundament hat. Wenn wir Strategien erarbeiten, sollten neben Vertretern der Gesundheits­wissen­schaften auch Repräsentanten der medizinischen Grundlagenforschung, der Naturwissenschaften und der Psychologie beteiligt werden. Das ist erforderlich, wenn es um Themen geht wie beispielsweise Einflüsse im Verlauf der Schwangerschaft auf die spätere Entwicklung eines Diabetes Typ 1 beim Kind. Oder in der betrieblichen Gesundheits­förderung um die besonderen Bedürfnisse von Schichtarbeitern. Aber auch bei einem Thema wie der nachhaltigen Förderung der Bereitschaft zur Organspende ist umfassende Expertise wichtig.

: Sie haben das Thema Nachhaltigkeit angesprochen. Viele Krankenkassen starten Projekte zur Gesund­heits­förder­ung, die selbst dann nicht weitergeführt werden, wenn sie erfolgreich waren. Oder sie bezuschussen zweifelhafte Angebote, um ihre Versicherten zufriedenzustellen. Wie wollen Sie das ändern?
Thaiss: Ich kenne das Problem aus meiner Arbeit als Leiterin der Leitstelle Prävention und Gesund­heits­förder­ung im schleswig-holsteinischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Aber ich bin optimistisch. In Schleswig-Holstein konnte die Landesvereinigung für Gesund­heits­förderung einen Qualitätsprüfungsservice für Präventionsangebote etablieren, den die Krankenkassen gern in Anspruch genommen haben.

Dieses Prüfverfahren hat sich inzwischen auch bundesweit durchgesetzt, weil es den Kassen Sicherheit gibt, welche Angebote sie ihren Versicherten anbieten können. Die BZgA kann zukünftig ihre langjährige Expertise im Bereich der Qualitätssicherung in der Wirksamkeit von Präventionsstrategien einbringen und die Kooperationspartner darin unterstützen. Solche Qualitätssicherungsverfahren brauchen wir zukünftig, wenn es um Strategien zur Wirksamkeit von Angeboten geht.

Im geplanten Präventionsgesetz ist ja auch vorgesehen, dass Bundeszentrale und Krankenkassen in einen Dialog treten sollen. Ich denke, dass die Krankenkassen hierfür offen sind. Wir haben die Chance, gemeinsam Prävention und Gesund­heits­förder­ung strategisch auszurichten und noch mehr qualitätsgesicherte Projekte aufzulegen als bisher.

: Die BZgA soll mit ihren Kampagnen große Teile der Bevölkerung erreichen. Dafür müssen die Botschaften und Informationen einfach sein. Doch viele gesundheitliche Themen sind komplex. Ist es im Grunde unmöglich, gerade diejenigen durch Kampagnen zu erreichen, die im Gesundheitssystem zu den benachteiligten Gruppen gehören?
Thaiss: Prävention und Gesund­heits­förder­ung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, und zwar eine große und facettenreiche. Hier Maßnahme, dort Wirkung – so einfach ist es nun mal leider nicht. Deshalb werden wir in Zukunft noch zielgruppenspezifischer als bisher analysieren müssen, über welche Informationskanäle man Menschen erreichen kann, um dann die passenden Maßnahmen zu konzipieren.

Nehmen Sie ein Beispiel aus der Kinder- und Jugendmedizin, die sogenannten neuen Morbiditäten. Damit ist die Zunahme chronischer Erkrankungen beziehungsweise psychosozialer und emotionaler Auffälligkeiten bei Kindern gemeint. Neue Morbiditäten haben vielfältige Ursachen, zum Beispiel veränderte soziale Strukturen, und führen zu vielfältigen Herausforderungen, unter anderem in der vorschulischen Betreuung und im schulischen Alltag. Darauf müssen wir reagieren, aber nicht nur im Medizinsystem. Eine meiner wichtigen Erfahrungen und festen Überzeugungen ist, dass Bildung und Gesundheit ganz eng zusammen gehören. Diesen Schulterschluss können und sollten wir forcieren.

Die Betreuung von Kindern in Krippen, Kindertagesstätten und Ganztagsschulen bietet große Chancen, Angebote der Prävention und Gesund­heits­förder­ung zu etablieren. Dazu müssen wir aber ein Bewusstsein bei Lehrern und Erziehern schaffen, dass sinnvolle gesundheitsfördernde Maßnahmen nicht in erster Linie Projekte sind, die man auch noch zusätzlich  in den Unterricht integrieren muss, obwohl ihre Effekte bald wieder verpuffen. Solche Angebote muss man so gestalten, dass ihre Effekte es den Lehrern erleichtern, ihren eigentlichen pädagogischen Auftrag besser zu erfüllen. Ideal ist es, wenn gelungene Projekte am Ende noch die Akzeptanz ähnlicher präventiver und gesundheitsfördernder Ansätze in anderen Lebensbereichen fördern. Dabei dürfen wir natürlich nicht die Eltern aus dem Blick verlieren oder aus der Verantwortung entlassen.

: In der Diskussion um einen neuen Anlauf zu einem Präventionsgesetz haben Vertreter der Ärzteschaft darauf hingewiesen, dass Arztpraxen in zu geringem Maß als Vermittlungsorte für Prävention und Gesund­heits­förder­ung genutzt werden. Kritiker halten dagegen, dass man viel stärker die Lebenswelten von Versicherten in den Fokus nehmen müsste. Wie ist Ihre Meinung?
Thaiss: Ich meine, dass wir generell – ähnlich wie beim Kinderschutz – ein Bewusstsein dafür schaffen müssen, wie sinnvoll präventive und gesundheitsförderliche Maßnahmen für den Einzelnen sein können. Ärztinnen und Ärzte bieten meiner Meinung nach einen guten Zugangsweg zu diesen Themen, ob in Praxen oder Kliniken. Ich halte diesen Zugang für ganz wesentlich, weil zwischen Arzt und Patient ein oft über lange Zeit gewachsenes Vertrauensverhältnis besteht und weil der Weg zum Arzt für den Patienten niedrigschwellig möglich ist. Das sollten wir auf jeden Fall nutzen, zum Beispiel auch im System der Frühen Hilfen.

Über solche Zugangswege, unterstützt durch verbindliche Einladungen zu den Früherkennungsuntersuchungen, können Eltern und Kinder regelmäßig erreicht und informiert werden. Und zwar auch über passgenaue Hilfen oder Präventionsangebote aus ganz anderen Bereichen als dem Gesundheitssystem. © Rie/aerzteblatt.de

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