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Medizin

Niemann-Pick Typ C: Therapieansatz aus der Drogerie

Freitag, 27. Februar 2015

New York – Ein Lösungsmittel, das als Geruchsneutralisierer in Drogerien angeboten wird, hat in Tierexperimenten überraschenderweise das Fortschreiten der Niemann-Pick-Krankheit vom Typ C, einer Stoffwechsel-Transportstörung, die oft bereits im Kindesalter zur Demenz führt, verlangsamt. Die in Science Translational Medicine (2015; 7: 276ra26) vorgestellten Ergebnisse an einem Tiermodell haben in den USA eine erste klinische Studie veranlasst.

Mit einer Inzidenz von 1:130.000 ist die Niemann-Pick-Krankheit vom Typ C sehr selten. Ursache sind Mutationen in zwei unterschiedlichen Genen (NPC1 und NPC2). Sie kodieren Proteine, die am Transport von Cholesterin innerhalb der Zelle beteiligt sind. Ihr Ausfall hat eine Ablagerung von Cholesterin in den Lysosomen zur Folge.

Betroffen sind neben Leber und Milz (Hepatosplenomegalie) vor allem das Gehirn. Die Speicherstörung hat neurologische Ausfälle und schließlich eine Demenz zur Folge. Meistens manifestiert sich die Erkrankung bereits im Kleinkindalter und endet dann nach wenigen Jahren tödlich.

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Bislang gibt es keine zugelassene Behandlung. In den USA suchen – gesponsert auch von Selbsthilfeorganisationen – mehrere Forscherteams nach einer Behandlungs­möglichkeit. Als hilfreich hat sich dabei erwiesen, dass es ähnliche Erkrankungen bei Mäusen und Katzen gibt, die sich als Tiermodelle eignen.

Bei einem der Experimente hatte Steven Walkley vom Albert Einstein College of Medicine in New York frühere Untersuchungsergebnisse überprüft. Dort hatte sich ein potenzieller Wirkstoff in 2-hydroxypropyl-beta-Cyclodextrin (kurz: Cyclodextrin) gelöst bei Mäusen als wirksam erwiesen. Die neuen Experimente ergaben überraschenderweise, dass nicht der potentielle Wirkstoff, sondern das Lösungsmittel dafür verantwortlich war, dass die Ablagerung von Cholesterin in den Zellen gestoppt wurde.

Dies war umso erstaunlicher, als Cyclodextrin kein kompliziertes Molekül ist. Es handelt sich um ein zyklisches Oligosaccharid, also um einen zu einem Kreis geformten Mehrfachzucker. Cyclodextrin hat die Eigenschaft, Gerüche zu binden. Es ist beispielsweise Bestandteil eines in Drogerien angebotenen Geruchsneutralisierers (Febreze von Procter & Gamble).

Nach der Zufallsentdeckung hat Walkley begonnen, die Wirkung von Cyclodextrin an Katzen zu untersuchen, die aufgrund eines Gendefekts an einer Niemann-Pick-Krankheit vom Typ C erkranken. Cyclodextrin verhinderte bei den Katzen, dass es zu Abla­gerungen in der Leber kam. Um die neurologischen Schäden zu verhindern, musste die Dosis allerdings deutlich erhöht werden.

Dann kam es bei den Versuchstieren regelmäßig zu schweren Lungenschäden. Die Forscher lösten das Problem, indem sie Cyclodextrin über einen Katheter in die Cisterna magna applizierten, einer mit Liquor gefüllten Erweiterung des Subarachnoidalraums unterhalb des Kleinhirns.

Dadurch konnte die pulmonale Toxizität vermieden werden, die Ablagerungen in den Hirnzellen wurden deutlich reduziert und die Überlebenszeit der Katzen wurde deutlich verlängert. Tiere, die normalerweise in den ersten sechs Monaten verendeten, erreichten jetzt ein ausgewachsenes Alter.

Da keine lebensgefährliche Toxizität auftrat und da es keine Alternative gibt, haben die Forscher das Eunice Kennedy Shriver National Institute of Child Health and Human Development von der Durchführung einer klinischen Studie überzeugen können. Die Phase 1-Studie hat bereits im letzten Jahr begonnen. Demnächst will Vtesse, eine eigens für die klinische Prüfung von Cyclodextrin gegründete Firma, mit einer Phase 2/3-Studie beginnen.

Klinische Ergebnisse liegen noch nicht vor. Die jetzt publizierten tierexperimentellen Befunde weisen allerdings auf eine mögliche schwere Komplikation hin, die sich bei den Katzen durch die Applikation in den Liquorraum nicht vermeiden ließ. Bei den meisten Tieren kam es zu einer Innenohrschwerhörigkeit. Die Forscher haben deshalb zu den klinischen Experimenten mit der Suche nach Substanzen gesucht, die wie Cyclodextrin die Ablagerungen verhindern, das Innenohr aber nicht beschädigen. © rme/aerzteblatt.de

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