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Medizin

ECDC: Bornavirus könnte für Todesfälle unter Tierzüchtern verantwortlich sein

Sonntag, 1. März 2015

Stockholm – Der Tod von drei Tierzüchtern aus Sachsen-Anhalt wirft weiterhin Fragen auf. Die Halter von Bunthörnchen waren zwischen 2011 und 2013 an einer Enzephalitis gestorben. Später waren die Gene einer bisher unbekannten Spezies eines Bornavirus im Gehirn der Patienten und den Bunthörnchen eines Halters nachgewiesen worden. Das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) hält in einer Risikobewertung einen Zusammenhang für möglich. Halter werden vorsichtshalber vor einem Kontakt mit lebenden oder toten Exemplaren von Sciurus variegatoides gewarnt.

Die drei Züchter waren beim ihrem Tod zwischen 62 und 72 Jahre alt und befanden sich vor der Erkrankung in einen altersentsprechenden Gesundheitszustand. Als Züchter der seltenen Bunthörnchen kannten sie sich, lebten aber nicht in Nachbarschaft zueinander. Ob sie untereinander Tiere ausgetauscht haben, ist unbekannt.

Alle erkrankten nach einer Prodromalphase von zwei Wochen oder länger mit Fieber und Schüttelfrost, Müdigkeit, körperlicher Schwäche und Schwierigkeiten beim Gehen. Aufgrund einer zunehmenden Verwirrtheit und psychomotorischen Störungen wurden sie auf die neurologische Station unterschiedlicher Krankenhäuser eingewiesen. Dort verschlechterte sich ihr Krankheitszustand innerhalb weniger Tage und sie verstarben trotz mechanischer Beatmung auf der Intensivstation. Die Untersuchungen des Liquors und von Gewebeproben des Gehirns auf die üblichen (nicht-eitrigen) Enzephalitis-Ursachen, die am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg durchgeführt wurden, blieben ergebnislos.

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Nach dem Tod des dritten Patienten untersuchten Wissenschaftler des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Insel Riems den Kadaver eines Bunthörnchens dieses Halters. Mittels einer umfassenden Genanalyse – Metagenomik – wurde im Gehirn des Tieres Genmaterial eines Bornavirus gefunden. Die Sequenzanalyse ergab eine Überein­stimmung von weniger als 77 Prozent mit bekannten Bornaviren, weshalb die Wissenschaftler davon ausgehen, dass das Tier mit einem neuartigen Virus infiziert war.

Die molekulare und immunhistochemische Analyse von Hirngewebe der drei verstorbenen Patienten bestätigte, dass sie mit dem gleichen Virus infiziert waren. Derzeit wird unter Personen, die Bunthörnchen halten, nach möglichen weiteren Infektionsfällen gesucht. Das BNITM führt außerdem Analysen in Liquor- und Gewebeproben von Patienten mit Gehirnentzündungen ungeklärter Ursache durch.

Trotz der ungewöhnlichen Häufung bei Züchtern der gleichen Spezies ist für das ECDC nicht erwiesen, dass die Viren für den Tod der Patienten verantwortlich sind. Auch am Nachweis der Viren bestehen Zweifel, da Bornaviren seit wenigstens 40 Millionen Jahren Säugetiere infizieren und einige Virusgene den Weg in das Genom ihrer Wirte, einschließlich des Menschen gefunden haben. Humangenetiker gehen davon aus, dass ein erheblicher Anteil des menschlichen Erbguts von Viren übernommen wurde.

Die Zweifel gründen sich auch darauf, dass bisher nicht erwiesen ist, dass Bornaviren beim Menschen Erkrankungen auslösen können. Eine Arbeitsgruppe des Robert Koch-Instituts hatte 2007 ihre Tätigkeit eingestellt, nachdem trotz jahrelanger Bemühungen kein schlüssiger Hinweis auf eine Gefährdung des Menschen durch das Virus gefunden wurde. Zeitweise wurde ein Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen vermutet. Er konnte aber niemals belegt werden.

Die meisten Erkrankungen durch Bornaviren treten bei Pferden und Schafen auf. Die Tiere erkranken an einer Meningoenzephalitis, die zu motorischen Störungen führt. Die Tiere fallen durch Verhaltensauffälligkeiten auf und sterben häufig an der Erkrankung. Als „hitzige Kopfkrankheit“ wurde die Erkrankung erstmals 1885 bei Kavalleriepferden in der sächsischen Stadt Borna beschrieben, nach der die Bornasche Krankheit und schließlich auch das erst in den 1970er Jahren identifizierte Virus benannt wurde.

Das Reservoir wird in kleinen Tieren vermutet, zu denen auch die Bunthörnchen gehören könnten. Die Tiere sind in Südamerika heimisch. Es ist jedoch unklar, ob sie das Virus von dort nach Deutschland eingeschleppt haben, oder ob sie sich hier infiziert haben. Die Übertragung auf den Menschen erfolgt nach Einschätzung der Experten wahrscheinlich durch Kratz- oder Bissverletzungen. Eine Übertragung über die Luft sei aber nicht auszuschließen, heißt es in der Risikoabschätzung der ECDC.

Den Haltern der Tiere wird geraten, den direkten Kontakt zu den  Bunthörnchen zu vermeiden. Bei kranken oder mit unklarer Ursache verstorbenen Bunthörnchen sollten Tierhalter ihren Tierarzt informieren, der gegebenenfalls weitere Untersuchungen einleiten kann. Das Friedrich-Loeffler‐Institut hat bereits ein Testverfahren zum Virusnachweis entwickelt und zur Verwendung freigegeben. © rme/aerzteblatt.de

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