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Ausland

„Schnelle Diagnostik und eine unverzügliche Behandlung stehen an erster Stelle“

Donnerstag, 5. März 2015

Berlin – Seit dem Höhepunkt der Epidemie im Herbst hat die Zahl der Neuansteckungen nach UN-Angaben deutlich abgenommen. Wurden damals rund 900 Neu-Infektionen pro Woche gemeldet, sind es jetzt noch etwa 100 neu Fälle pro Woche. Rund 9.700 Menschen starben laut der Welt­gesund­heits­organi­sation bislang an Ebola.

5 Fragen an Tankred Stöbe, Vorstands­vorsitzender der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen

: Sie sind vor kurzem aus dem Behandlungszentrum von „Ärzte ohne Grenzen“ in Freetown, Hauptstadt der Republik Sierra Leone, zurückgekehrt. Wie ist die Situation vor Ort?
Stöbe: Bis Ende Januar hat sich die Lage deutlich verbessert. Die Zahlen der neu mit Ebola Infizierten sind zurückgegangen, wie in allen drei am schwersten betroffenen Ländern. Dennoch dürfen wir die Ebola-Krise nicht als beendet ansehen. Schließlich haben wir erst im Februar erlebt, dass vor allem in Sierra Leone und Guinea die Infektionszahlen wieder anstiegen. Ein wichtiges Problem ist, dass das sogenannte contact tracing, also das Nachverfolgen von Kontaktpersonen der infizierten Ebola-Erkrankten, nicht funktioniert. Neuinfizierte Ebola-Patienten stehen oft nicht auf den Listen mit Kontaktpersonen der zuvor Erkrankten. Das besorgt uns, weil wir niemand weiß, wo sie sich angesteckt haben könnten. Erst wenn sich 42 Tage lang niemand neu infiziert hat, wird Ebola als beendet erklärt. Wenn wir etwas von der Ebola-Epidemie gelernt haben, dann ist es, dass es eine tückische Infektionskrankheit ist, die wir nicht weiter unterschätzen dürfen.

DÄ: Was passiert aktuell mit den neu infizierten Menschen: Werden sie direkt in ein Holding Center überführt?
Stöbe: Wir sind den Holding Center gegenüber kritisch eingestellt. Wir meinen, jeder Verdachtsfall muss schnellstmöglich getestet werden. Wenn sich der Ebola-Verdacht bestätigt, muss der Patient sofort isoliert und behandelt werden – wenn nicht, muss die Person sofort zurück in ihr normales Leben können. Die Situation in den Holding Centern und die noch immer praktizierte Zwangsquarantäne ist aus unserer Sicht nicht hilfreich, weil es die Angst und auch die Ausgrenzung von Ebola-Patienten befördert. Ganz klar: Schnelle Diagnostik und eine unverzügliche Behandlung stehen an erster Stelle. Je länger sich die Behandlung verzögert, desto schlechter sind die Überlebenschancen und desto mehr Menschen können sich infizieren. –  Das kann Leben kosten.

DÄ: Wie konnte es Ihrer Einschätzung nach dazu kommen, dass dieser Ausbruch mit 23.000 Infizierten und 9.000 Toten derart außer Kontrolle geraten konnte?
Stöbe: Vereinfacht dargestellt, sind drei Länder von der Epidemie betroffen, die mit einem ohnehin schon sehr schwachen Gesundheitssystem nicht darauf vorbereitet waren. Ich war vor zehn Jahren in Liberia, da war gerade das Ende eines langen Bürgerkrieges. Diese Länder hatten gar nicht die Möglichkeit, wirklich umfassend auf eine neue Krise zu reagieren. Dann gab es zusätzlich noch kulturelle Faktoren, die die Verbreitung der Epidemie begünstigen, wie das Beerdigungsritual mit engem Haut­kontakt.

Das Gespräch mit Hawanatu Jah, Ärztin im Ebola-Einsatz mit Cap Anamur: „Wichtig ist die Art, wie man hilft“

Hawanatu Jah hat auf dem Höhepunkt der Ebola-Epidemie in einem Kinderkrankenhaus in Sierra Leone gearbeitet. Die Ärztin spricht unter anderem darüber, was Aufklärung bewirken kann und dass Kooperation auf Augenhöhe der nachhaltigste Weg der Hilfe ist.

Hinzu kommen eine hohe Mobilität der Bevölkerung in Westafrika und eine viel zu späte und spärliche westliche Hilfe. Die Weltgemeinschaft trägt eine große Verantwortung, weil die Ebola-Krise erstens eine Katastrophe mit Ansage war – es gab viele Wochen und Monate Zeit, sich auf diese einzustellen. Zweitens lag keine politische Krise vor, es gab keine Gefährdung der Helfer durch einen bewaffneten Konflikt. Das heißt, es wäre für die Weltgemeinschaft mit einfachen medizinisch-humanitären Mitteln möglich gewesen, effektiv einzugreifen. Auch das ist über viele Monate hinweg nicht erfolgt.

DÄ: Worauf muss sich die Hilfe jetzt konzentrieren?
Stöbe: Wir brauchen keine weiteren großen Behandlungszentren. Das war im August 2014 noch das Gebot der Stunde. Was wir jetzt brauchen, sind kleine, flexible Teams, die sehr schnell an die neuen Hotspots gehen und dort die Patienten aufspüren. Es muss hinterfragt werden, wie deutsche Hilfsmaßnahmen tatsächlich zeitnah effektiver zum Einsatz kommen können. Wir begrüßen, dass die Bundesregierung und die interna­tionale Gemeinschaft Konsequenzen aus der verspäteten Reaktion auf die Ebola-Epidemie ziehen und in Zukunft schnell abrufbare medizinische Kapazitäten bereitstellen wollen.

Ebola: „Die letzte Meile ist die schwierigste“

Die Nothilfe der Bundeswehr in Westafrika soll im März eingestellt werden. Im Vordergrund stünden jetzt die Maßnahmen, die die Infektionskette endgültig durchbrechen, erklärte der Ebola-Sonderbeauftragte der Bundesregierung.

Eine solche Krisenreaktionsgruppe muss aber effizient arbeiten, international koordiniert und vor allem sofort einsetzbar sein. Ob die von der Bundesregierung geplante "Weißhelmtruppe" das leisten kann, hängt von der konkreten Ausgestaltung ab. Ärzte ohne Grenzen bewertet  die Bezeichnung "Weißhelmtruppe" aber als unpassend. Wir brauchen weder Helme noch Truppen, sondern zivile Kräfte, die ganz klar von militärischen Truppen unterscheidbar sein müssen. Wir haben tolle Kapazitäten in Deutschland: vom Deutschen Roten Kreuz angefangen bis hin zu den Tropeninstituten. In Zukunft müssen wir bei so einem Desaster schlichtweg schneller und sinnvoller helfen.

: Wie vielversprechend ist die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen?
Stöbe: Momentan befindet sich ein antivirales Medikament in der Studienphase. Da  gibt es eine gewisse Hoffnung. Aber wir sehen nur eine Verbesserung bei Ebola-Patienten mit einer niedrigen Viruslast. Diese Patienten haben eine vergleichsweise gute Überlebens­chance, die durch dieses Medikament noch einmal deutlich verbessert wird. Kinder und Patienten mit einer hohen Viruslast profitieren hingegen von dem Medikament nicht.

Eine wirkliche Hilfe ist nur das, was uns Ärzten als fertiges einsetzbares Produkt vor Ort tatsächlich zur Verfügung steht – und dann auch in großen Mengen. Das ist weder bei Impfstoffen noch bei Medikamenten bisher der Fall. Ebola gehört leider zu den in der Forschung vernachlässigten tropischen Erkrankungen. Diese Epidemie sollte zumindest dazu führen, dass alles getan wird, damit es in absehbarer Zeit ein Medikament zur Heilung der Krankheit gibt. Wir sind es den Menschen in Westafrika schuldig, dass wir Fortschritte machen. © HK/aerzteblatt.de

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