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Medizin

MERS-Import bei schwelender Epidemie in arabischen Ländern

Montag, 9. März 2015

Foto: National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID dpa

Genf/Berlin – Die Erkrankung eines deutschen Touristen, der derzeit mit einer schweren MERS-Erkrankung in einer Klinik in Osnabrück behandelt wird, ist kein Einzelfall. Ende Februar war es in Saudi-Arabien innerhalb von drei Tagen gleich zu zehn Erkrankungen gekommen. Experten der Vereinten Nationen (UNO) hatten der saudischen Regierung jüngst vorgeworfen, zu wenig gegen die Epidemie zu unternehmen.

Die ersten nachgewiesenen Infektionen mit dem Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus (MERS-CoV) traten im April 2012 auf. Seither sind der Weltgesundheits­organisation (WHO) 1.040 labormedizinisch bestätigte Fälle gemeldet worden, davon 383 mit tödlichem Ausgang. Alle bisherigen Erkrankungen konnten direkt oder nach einer kurzen Übertragungskette beim Menschen auf die arabische Halbinsel oder benachbarte Länder zurückverfolgt werden.

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Als wahrscheinliches Reservoir gelten Dromedare. Die Zucht wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend intensiviert, wobei sich die Aufzuchtstationen zunehmend in der Nähe größerer Städte befinden. Dromedare kalben in der Regel in den Wintermonaten. Die Kälber werden im Frühjahr vom Muttertier entwöhnt, was nicht selten eine Durchfall­erkrankung zur Folge hat.

Celine Gossner vom European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) in Stockholm und Mitarbeiter haben kürzlich die Hypothese aufgestellt, dass eine ungewöhnliche Häufung, zu der es im April und Mai letzten Jahres kam – zeitweise wurden wöchentlich bis zu 100 neue Fälle gemeldet – auf die Entwöhnungsphase der Kälber zurückzuführen ist (Zoonoses Public Health 2014; doi: 10.1111/zph.12171). Zu den hohen Fallzahlen haben allerdings auch Krankenhaus­ausbrüche beigetragen, die die saudischen Gesundheitsbehörden erst nach einigen Wochen unter Kontrolle brachten.

Auch in diesem Jahr steigt die Zahl der Infektionen seit Februar an, was eine Gruppe der UNO, darunter Vertreter der WHO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) zu einem Besuch in Saudi-Arabien veranlasste. Die Gruppe um den WHO-Experten Keiji Fukuda stellte fest, dass es weitere erhebliche Wissenslücken zu den Übertragungswegen gibt. So konnte bei vielen Erkrankungen kein Kontakt zu Dromedaren oder deren Aufzuchtbetrieben eruiert werden. Eine Befürchtung geht derzeit dahin, dass sich in den nächsten Wochen der Peak des letzten Jahres wiederholen könnte.

Damit steigt das Risiko importierter Erkrankungen, die es seit 2012 immer wieder gegeben hat. Die ECDC listet in ihrer letzten Risikoeinschätzung 14 Erkrankungsfälle in Europa auf, von denen sieben tödlich ausgingen. Darunter waren allerdings einige Patienten, die bereits in arabischen Ländern erkrankt waren und zur Behandlung nach Europa geflogen wurden, so auch zwei Patienten, die 2012 und 2013 aus Katar beziehungsweise aus den Vereinigten Arabischen Emiraten in Deutschland behandelt wurden: Ein Patient konnte später als genesen entlassen werden, der andere starb an der Erkrankung.

Der jetzt in Osnabrück behandelte Patient ist der dritte Erkrankungsfall in Deutschland und der erste, der das Virus während der Inkubationszeit nach Deutschland ein­schleppte. Der 65-jährige Mann war Anfang Februar von einer Urlaubsreise aus Abu Dhabi nach Deutschland zurückgekehrt. Als sich erste Symptome der Erkrankung bemerkbar machten, wurde er von seinem Hausarzt zunächst auf einen grippalen Infekt behandelt. Nachdem sich sein Zustand verschlechterte, wurde er auf die Intensivstation einer Klinik in Ostercappeln bei Osnabrück eingewiesen. Seit dem 23. Februar wird er im Marienhospital in Osnabrück behandelt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient nach der Einreise andere Personen angesteckt hat, wird von den Gesundheitsbehörden als gering eingestuft. Zunächst gebe es keine Hinweise, dass das Virus vor Ausbruch der Erkrankung übertragen werden kann. Auch nach dem Auftreten von Symptomen ist das Risiko begrenzt. Die bisherigen Erfahrungen im Umgang mit dem Virus würden darauf hinweisen, dass für die Übertragung von Mensch zu Mensch sehr enge Kontakte erforderlich sind, wie sie zum Beispiel innerhalb der Familie oder auch bei der Pflege von Erkrankten auftreten, teilte das nieder­sächsische Ge­sund­heits­mi­nis­terium mit. Auch das Robert Koch-Institut (RKI) betrachtet die Gefahr von längeren Infektionsketten als minimal.

Ganz auszuschließen ist eine Übertragung jedoch nicht. Die Gesundheitsdienste haben deshalb begonnen, Personen im Familien- und Klinikumfeld des Patienten zu testen. Bis zum Wochenende wurden rund 100 Menschen überprüft. Bei 14 Personen konnte bereits am Sonntag Entwarnung gegeben werden. Das RKI erinnerte die Ärzte am Wochenende an die geltende Falldefinition. Als definitiver Fall gelten Patienten mit labordiagnostischem Nachweis von MERS-CoV. Ein wahrscheinlicher Fall liegt vor, wenn ein Patient klinische Zeichen einer MERS hat und Kontakt zu einem MERS-Patienten bestand.

Das klinische Bild umfasst ein respiratorisches Syndrom (mit oder ohne Fieber und mit oder ohne Husten), klinische, radiologische oder histopathologische Hinweise auf ein entzündliches Infiltrat sowie den Verdacht, dass die unteren Atemwege betroffen sind (z.B. Pneumonie oder Akutes Atemnotsyndrom). Als abklärungsbedürftig gelten alle Patienten mit Symptomen, die Kontakt zu einem bestätigten oder wahrscheinlichen Fall hatten oder die sich in den 14 Tagen vor Erkrankungsbeginn in einem Risikogebiet, sprich der arabischen Halbinsel, aufgehalten haben.

Bei der Betreuung von „Patienten unter Abklärung“ rät das RKI zu einer erweiterten Basishygiene mit zusätzlichem Schutz der Atemwege. Hierfür sollten vorzugsweise Atemschutzmasken (FFP1/FFP2) Verwendung finden. Als Behelf könne ein dichtanliegender, mehrlagiger Mund-Nasen-Schutz (MNS) genutzt werden. © rme/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 9. März 2015, 19:52

Forschungsergebnisse bleiben unberücksichtigt!

Hier fehlt der Hinweis auf eine auch im DÄ referierte Studie:
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/61470/Infektion-von-Fernreisenden-mit-multiresistenten-Keimen-keine-Seltenheit?s=ukl+fernreisende

Entscheidende Risikofaktoren, wie hier aktuell mit dem Titel: "MEDIZIN - MERS-Import bei schwelender Epidemie in arabischen Ländern" berichtet, lieferten Infektiologen und Mikrobiologen aus Leipzig mit Daten von Fernreisenden: Die Erreger werden oft mit nach Hause gebracht (J Med Microbiol 2015; 305: 148).

Über 12 Monate wurde in einer infektiologischen Studie am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) das Risiko des Erreger-Imports durch Fernreisen untersucht. "Wir konnten dabei erstmals für Deutschland in einer größeren Kohorte zeigen, dass fast ein Drittel der Reisenden nach der Heimkehr aus Gebieten mit hoher Erregerdichte tatsächlich Träger multiresistenter Erreger ist", so Dr. Christoph Lübbert, Leiter des Fachbereichs Infektions- und Tropenmedizin am UKL.

In den Arbeitsschwerpunkten Gastroenterologie, Infektiologie und Tropenmedizin ergab eine Datenanalyse von 225 Reisenden zwischen Mai 2013 und April 2014 vor und nach einer Fahrt in Gebiete mit hohem Vorkommen multiresistenter Erreger (MRE): "Colonization with extended-spectrum beta-lactamase-producing and carbapenemase-producing Enterobacteriaceae in international travelers returning to Germany". C. Lübbert et al. belegten, dass Fernreisende häufig multiresistente Keime beherbergen können, wenn sie nach Deutschland zurückkehren

Multiresistente Keime kommen also nicht aus heiterem Himmel und werden auch nicht ausschließlich von unsachgemäß hantierenden, "unhygienischen" Krankenhaus- und Praxismitarbeitern auf arglose Patienten übertragen. Sondern diese Keime müssen s e l b s t irgendwo her kommen. Und sie werden offensichtlich zu einem relevanten Anteil von a u ß e n in Klinik und Praxisräume hinein getragen. Der englische Fachbegriff "communicable diseases" trifft den Sachverhalt: übertragbare Krankheiten, die durch interagierende, kommunizierende Personen übertragen werden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Mauterndorf/A)

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