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Medizin

Stillen erhöht IQ und späteres Einkommen der Kinder

Mittwoch, 18. März 2015

dpa

Pelotas – Kinder, die nach der Geburt über 12 Monate oder länger von ihren Müttern gestillt wurden, hatten in einer brasilianischen Kohorte im Alter von 30 Jahren einen um fast 4 Punkte höheren Intelligenzquotienten als nicht-gestillte Kinder. Laut der Studien in Lancet Global Health (2015; 3: e199–e205) waren sie besser ausgebildet und verfügten über ein deutlich höheres Einkommen.

Muttermilch unterscheidet sich in ihrer Zusammensetzung von Kuhmilch und anderen Ersatznahrungen, und möglicherweise enthält sie gerade die Substanzen, die für die Entwicklung des Gehirns benötigt werden, dessen Gewicht im ersten Lebensjahr von 400 Gramm auf 1000 Gramm zunimmt.

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In dieser Zeit bilden sich die Myelinscheiden aus, deren Bauteile die an langkettigen Fettsäuren reiche Muttermilch vielleicht eher anbietet als kommerzielle Alternativen. Eine Studie in NeuroImage (2013; 82: 77-86) hatte in einem bildgebenden Verfahren sogar sichtbar gemacht, dass Stillen die Myelinisierung im Gehirn beschleunigt.

Ein Einfluss auf den späteren Intelligenzquotienten wurde in mehreren Studien gefunden. Ein WHO-Gutachten schätzt, dass gestillte Kinder später einen im Durchschnitt um 3,5 Punkte höheren IQ haben. In Weißrussland, wo es einen Mangel an hochwertiger Ersatznahrung gibt, wurde in einer Studie sogar eine Differenz von 7,5 Punkten gefunden. Die zugrunde liegenden Beobachtungsstudien sind jedoch nicht immer frei von Verzerrungen. Ein wichtiger Einwand lautet, dass Frauen aus gebildeteren Schichten in Kenntnis der Vorteile ihre Kinder häufiger stillen. Der höhere IQ könnte deshalb auf einer besseren Erziehung oder einer Vererbung der Intelligenz beruhen.

Dieser Einwand trifft auf die Kohorte von fast 6.000 Kindern, die 1982 an fünf Frauenkliniken in Pelotas/Brasilien geboren wurden, nicht unbedingt zu. Wie die Aufzeichnungen zeigen, die Bernardo Lessa Horta von der Universidade Federal de Pelotasa ausgewertet hat, war damals die Stillquote nach 6 Monaten – sie lag damals bei 30 Prozent – nicht abhängig von der sozialen Schicht der Mütter. Außerdem gab es damals in der Bevölkerung kein Bewusstsein für die potenziellen Vorteile des Stillens, betont der Epidemiologe.

Die Datenlage erlaubte es ihm, insgesamt zehn mögliche Störfaktoren wie Geschlecht, Geburtsgewicht, Schulerziehung der Mutter und Einkommen zu berücksichtigen. Am Ende hatten Kinder, die über 12 Monate oder länger gestillt worden waren, im Alter von 30 Jahren einen um 3,76 Punkte höheren IQ (im Wechsler Adult Intelligence Scale). Sie hatten im Durchschnitt 0,91 Jahre mehr an schulischer Bildung genossen und ihr Monatseinkommen war um 341 Reais (derzeit 98,5 Euro, etwa ein Drittel des Durchschnittseinkommens) höher als bei den Erwachsenen, die als Kind nicht gestillt worden waren.

Die Studie zeigt laut dem Editorialisten Erik Mortensen von der Universität Kopenhagen erstmals, dass die günstigen Auswirkungen des Stillens auf die kognitive Entwicklung bis ins Erwachsenenalter anhalten und den späteren beruflichen Erfolg beeinflussen. Mortensen bleibt aber skeptisch und fordert, dass die Auswirkungen in weiteren Studien untersucht werden sollten.

In Deutschland werden 82 Prozent der Kinder anfangs gestillt. Die meisten Mütter wechseln aber nach wenigen Tagen oder Wochen auf eine Ersatznahrung. Es gibt ein starkes Bildungsgefälle. Nach jüngsten Ergebnissen der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts werden Kinder von Müttern mit niedriger Bildung im Alter von sechs Monaten nur zu 33 Prozent gestillt. Bei mittlerer Bildung steigt die Quote auf 47 Prozent und bei hoher mütterlicher Bildung auf 65 Prozent. Die im Bundesgesundheitsblatt (2014; 57: 849-859) veröffentlichten Zahlen beziehen sich auf Mütter, die anfangs zum Stillen bereit waren.

© rme/aerzteblatt.de

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