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Terre des Femmes fordert koordiniertes Vorgehen gegen weibliche Genitalverstümmelung

Mittwoch, 25. März 2015

Köln – Die meisten Mädchen und Frauen, die an ihren Genitalien verstümmelt wurden, leben in Teilen Afrikas, Asiens und im Süden der arabischen Halbinsel. Dort gilt die Praktik als Voraussetzung für die Aufnahme in die Gemeinschaft und für eine Heirat. Doch die Folgen sind oft dramatisch: Die Welt­gesund­heits­organi­sation geht davon aus, dass bis zu 25 Prozent der betroffenen Mädchen und Frauen an den direkten oder langfristigen Folgen der Genitalverstümmelung sterben.

5 Fragen an Sibylle Schreiber von der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes über betroffene Frauen in Europa

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DÄ: Weltweit sind rund 125 Millionen Frauen und Mädchen von Genitalverstümmelung betroffen. Wie groß ist das Problem in Europa beziehungsweise in Deutschland?
Schreiber: In der Europäischen Union leben Studien und Dunkelzifferberechnungen zufolge etwa eine halbe Millionen von FGM betroffene Mädchen und Frauen, sowie 180.000 von FGM gefährdete Mädchen und Frauen. Davon leben unseren Schätzungen nach knapp 25.000 Betroffene und 2.500 gefährdete Mädchen in Deutschland.

DÄ: Welchen Einfluss hat die steigende Zahl an Flüchtlingen und Migrantinnen auf die Prävalenz von FGM in Europa?
Schreiber: Die steigende Anzahl an Flüchtlingen wirkt sich in geringem Maße auf die Prävalenzrate von FGM in Europa aus. Seit 2008 ist ein stetiger Anstieg von Asyl­ge­suchen aus Ländern zu verzeichnen, in denen FGM praktiziert wird, insbesondere aus Somalia, Eritrea, Nigeria, Irak, Guinea, Ägypten, Äthiopien und Mali. Im Jahr 2013 haben 25.000 Frauen und Mädchen aus entsprechenden Ländern in Europa Asyl beantragt, wohingegen es im Jahr 2008 noch 18.110 Personen waren.

DÄ: Welche Beratungs- und Hilfsangebote gibt es für betroffene Frauen und deren Ärztinnen und Ärzte?
Schreiber: In Deutschland gibt es verschiedene Organisationen, die Informationen und Beratung zur weiblichen Genitalverstümmelung sowie Unterstützung und Begleitung von Betroffenen anbieten. Doch leider sind es nur sehr wenige Institutionen. Auch Terre des Femmes beantwortet Fragen zum Thema und hilft mit Einzelfallberatung über unsere Beratungsstelle. Dazu kommt das Integra-Netzwerk, eine Plattform deutscher Organisa­tionen, die sich für die Abschaffung von FGM engagieren und besonders bei juristischen Fragestellungen Hilfe leisten. Eine umfassende Liste aller Beratungs- und Informations­stellen in Deutschland gibt es auf www. Frauenrechte.de

Genitalverstümmelung: Hilfe für Mädchen und Frauen

125 Millionen Mädchen und Frauen weltweit sind an ihren Genitalien verstümmelt. Die meisten leben in Afrika. In Deutschland geht man von 25 000 Betroffenen aus. In einem Berliner Krankenhaus finden Frauen medizinische und psychosoziale Hilfe.

Medizinische Hilfe nach einer weiblichen Genitalverstümmelung erhalten Frauen neben dem Desert Flower Center des Berliner Krankenhauses Waldfriede auch bei Dr. Dan mon O’Dey im Zentrum für Rekonstruktive Chirurgie weiblicher Geschlechtsmerkmale im Luisenhospital in Aachen. Da weibliche Genitalverstümmelung endlich in den medizi­nischen Diagnoseschlüssel (ICD-10-GM) aufgenommen wurde, werden die medizinisch notwendigen Behandlungen in Zukunft hoffentlich einfacher abzurechnen sein.

Für Fachkräfte in medizinischen und sozialen Berufen wurde im Rahmen des EU-geför­derten und von Terre des Femmes koordinierten Change-Projekts ein Leitfaden erstellt. Unter dem Titel „Weiblicher Genitalverstümmelung begegnen“ bietet er unter anderem Ärztinnen und Ärzten eine Hilfestellung im Umgang mit von FGM betroffenen oder gefährdeten Frauen und Mädchen.

DÄ: Welche Fortschritte gibt es im Bemühen, die Praktik weltweit abzuschaffen?
Schreiber: Es gibt weltweit zahlreiche Organisationen, die sich für die Abschaffung von FGM einsetzen. Darüber hinaus existieren viele Dokumente der Vereinten Nationen, die einige Länder bereits unterzeichnet haben, um FGM abzuschaffen. Verstärkte Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit sind dabei wichtige Aspekte. In Deutschland wäre die Schaffung lokaler Runder Tische hilfreich, um verschiedene Behörden miteinander zu vernetzen, um gefährdete Mädchen besser zu schützen. In Hamburg existiert bereits ein solcher Runder Tisch.

Auch das von Terre des Femmes koordinierte Change-Projekt stellt einen Beitrag für die europaweite Abschaffung dieser Praktik dar. Durch die Initiative einflussreicher Mitglieder direkt in den praktizierenden Communities stößt es in Europa den kulturellen Wandel an und beschleunigt ihn.

DÄ: Wie kann man hier lebende Mädchen und Frauen vor Genitalverstümmelung schützen?
Schreiber: Rechtlich ist die Situation in Deutschland wie folgt geregelt: Strafrechtlich verfolgt werden können die Täter und Täterinnen über den seit September 2013 bestehenden § 226a im Strafgesetzbuch (StGB). Eltern können nach § 26 StGB als Anstifter oder als Täter durch Unterlassen nach § 13 StGB zur Verantwortung gezogen werden. Sie können auch nach § 171 StGB auf Grund der Verletzung ihrer Fürsorge- und Erziehungspflichten bestraft werden. Andere Beteiligte können als Mittäter oder Mittäterinnen nach § 25 II StGB rechtlich belangt werden. Eine Einwilligung der Mädchen und Frauen oder auch ihrer Eltern ist nach § 228 StGB ausgeschlossen.

Ist ein Mädchen oder eine Frau akut in Gefahr verstümmelt zu werden, muss das Jugendamt und/oder die Polizei eingeschaltet werden. © HK/aerzteblatt.de

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