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Politik

IQTiG-Leiter: Wir müssen die Qualitätssicherung entschlacken

Freitag, 20. März 2015

Christof Veit /Lopata

Berlin – Der Leiter des neuen Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTiG), Christof Veit, hat erklärt, worum sich das Institut als erstes kümmern will: „Eine der ersten Fragestellungen, die wir angehen werden, ist, eine gute methodische Grundlage für unsere Arbeit zu finden, die auch justiziabel ist“, sagte Veit heute auf dem 14. Nationalen DRG-Forum in Berlin. „Die Qualitätssicherung, die wir heute betreiben, ist sehr aufwendig, und es ist sehr viel Bürokratie dabei, die nicht dienlich ist. Ich kann die Kollegen verstehen, die sagen: Das hat mit Qualitätssicherung nichts mehr zu tun. Wir müssen uns also erst einmal selber fragen, wie gut das ist, was wir machen. Und wir müssen entschlacken.“

„Wir sind alle Weltmeister der Divergenz. Was wir brauchen, ist aber eine Konvergenz“, fuhr Veit fort. „Und dabei muss man auch mal den Mut haben, sich festzulegen.“ Die Kunst werde sein, das Mittelmaß zu finden zwischen einer Klarheit der Darstellung, die auf der anderen Seite aber nicht zu grob vereinfache. „Außerdem wollen wir Inter­netplatt­formen benennen, auf denen Patienten zuverlässige Gesundheitsinformationen erhalten können“, erklärte Veit.

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„Wir müssen die Daten so aufbereiten, dass die Ärzte sie in ihrem Alltag umsetzen können“
Der Vorstandsvorsitzende der DAK, Herbert Rebscher, gab dem neuen IQTiG-Leiter recht: „Wir sollten uns in diesem Jahr darauf konzentrieren, die methodischen Grundlagen zu legen. Natürlich gehört zur Qualitätsmessung dabei auch eine gute Risikoadjustierung. Die ist aber verdammt aufwendig.“ Für die Risikoadjustierung müssten als erstes „ein paar zentrale Kriterien“ festgelegt werden.

Einheitliche Kriterien müssten auch geschaffen werden, damit die Qualität bundesweit verglichen werden könne, forderte Rebscher. Diese Kriterien einzuhalten, müsse man das System zwingen. Die Krankenkassen könnten darüber hinaus mit Krankenhaus­trägern trotzdem noch eigene Verträge machen mit Kriterien, die über den bundesweiten Standard hinausgingen.

„Ich kann nur davor warnen, jetzt in kleinteilige Detaildiskussionen zu gehen“, fuhr Rebscher fort. „Wir müssen jetzt vier, fünf große Probleme angehen. Wenn ich zum Beispiel einen Schlaganfall habe, kann mich eine Stroke Unit retten. Um wieder gesund zu werden, muss aber genauso auch die Logopädie im ambulanten Bereich funkti­onieren.“

In Deutschland würden schon heute sehr viele Daten produziert, aber so richtig könnten diese Daten bislang keine Veränderung der Abläufe im System herbeiführen. „Wir müssen es schaffen, dass die Ärzte die neuen Erkenntnisse auch in ihren Workflow aufnehmen können“, betonte Rebscher. „Dafür können wir dem Arzt aber nicht sagen, lies mal die neue Studie von 50 Seiten, sondern wir müssen die Daten so aufbereiten, dass die Ärzte sie auch in ihrem Alltag umsetzen können.“

„Alles, was wir nicht messen können, können wir auch nicht verändern“
„Um eine qualitative Veränderung der Abläufe herbeiführen zu können, müssen wir vorher die Abläufe gemessen haben. Alles, was wir nicht messen können, können wir auch nicht verändern“, meinte der Vorstandsvorsitzende der Sana Kliniken AG, Michael Philippi. „Mit dem Messen ist es aber so eine Sache. Wir brauchen eine Schneise durch die ganzen Qualitätsindikatoren, die wir heute haben.“ Als Unternehmen wie Sana habe man es da leichter als eine einzelne Klinik. Bei Sana könne man zum Beispiel messen, wie viel Handdesinfektionsmittel in den Kliniken verbraucht wurden. Und wenn es dabei große Unterschiede zwischen den Kliniken gebe, könne man handeln.

„Wir dürfen nicht denken, nur weil etwas messbar ist, ist es auch wichtig“, entgegnete Franziska Diel von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). „Gerade, wenn wir uns mit chronischen Krankheiten befassen, mit psychischen Erkrankungen, kommen wir in Bereiche, die nicht so einfach zu messen sind. Wir dürfen da aber nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern wir müssen uns fragen, wie wir uns auch den Fällen nähern können, die nicht so einfach messbar sind.“ Um Verhaltensänderungen herbeizuführen, sei es übrigens wichtig, die Ärzte zu begleiten, immer wieder Impulse zu setzen und gemeinsam in eine Selbstreflexion einzutreten. „Das dauert einige Zeit, aber es lohnt sich. Wir sehen das jetzt zum Beispiel bei den sinkenden Zahl von Antibiotikaver­ordnungen“, sagte Diel.

„Sektorenübergreifende Betrachtung von Behandlungsabläufen funktioniert noch immer nicht“
„Es gibt sicher Regionen, in denen die Zusammenarbeit über Sektorengrenzen sehr gut funktioniert“, betonte Philippi in diesem Zusammenhang. „Das hängt dann auch mit den Personen vor Ort zusammen. Aber ich glaube, grundsätzlich sind wir bei der sektoren­übergreifenden Betrachtung von Behandlungsabläufen noch nicht sehr weit gekommen. Ich sehe auch nicht, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird. Wenn wir zum Beispiel schauen wollen, ob es 90 Tage nach der Entlassung aus dem Krankenhaus Komplikationen gegeben hat, geht das gar nicht, weil wir die Daten nicht bekommen.“ Da sei man in Deutschland in den letzten zehn Jahren nicht sehr viel weiter gekommen. „Wenn man international schaut, wie Qualität gemessen wird, bleibt das nie an den Sektorengrenzen hängen“, sagte Philippi. © fos/aerzteblatt.de

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