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„Antibiotika-Resis­tenzen sind eine extrem große Bedrohung“

Dienstag, 24. März 2015

Berlin – Gestern hat Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) einen 10-Punkte-Plan zur Bekämpfung multiresistenter Keime vorgelegt. Auch die Europäische Union arbeitet derzeit an einer Richtlinie zur Eindämmung von Antibiotika-Resistenzen. Der Arzt und Europaabgeordnete Peter Liese erklärt die Pläne der EU und wie Ärzte und Patienten eine Post-Antibiotika-Ära verhindern können. 

Fünf Fragen an… Peter Liese, gesundheitspolitischer Sprecher der Europäischen Volkspartei (EVP)-Fraktion im Europäischen Parlament

DÄ: Herr Liese, wie bewerten Sie den 10-Punkte-Plan von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Gröhe?
Liese: Der Plan ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Darin wird ja auch von einer „One Health“-Strategie gesprochen, also davon, Maßnahmen zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen sowohl im human- als auch im veterinärmedizinischen Bereich zu ergreifen – und das in einem internationalen Rahmen. Denn Keime machen nun einmal an keinen Grenzen Halt.

DÄ: Wie versucht die Europäische Union, Antibiotika-Resistenzen einzudämmen?
Liese: Zurzeit berät das Europäische Parlament drei Gesetzgebungsvorschläge der Europäischen Kommission zu Tierarzneimitteln und Arzneifuttermitteln. Darin sind zwölf konkrete Maßnahmen genannt, von der Definition einer Antibiotika-Resistenz bis hin zu strengeren Regeln hinsichtlich der Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel, die auch Antibiotika in der Tiermedizin umfassen.

Besonders wichtig sind aus meiner Sicht zwei Aspekte. Eine der wichtigsten Maßnahmen ist, dass Reserve-Antibiotika, die beim Menschen eingesetzt werden, wenn herkömmliche Antibiotika nicht mehr wirken, in der Tierzucht verboten oder auf ganz spezielle Anwen­dungen beschränkt werden. Das ist sehr vernünftig. Denn es gibt einen eindeutigen Bezug zwischen dem Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht und Antibiotika-Resistenzen beim Menschen.

DÄ: Und der zweite?
Liese: In den letzten 25 Jahren sind praktisch keine neuen Antibiotikawirkstoffe auf den Markt gekommen. Das ist ein großes Problem. Ein Grund dafür ist, dass die Hersteller mit neuen Antibiotika nicht viel Geld verdienen können, weil sie als Mittel der letzten Wahl gelten werden: Nur, wenn alle anderen Antibiotika nicht wirken, wird man sie einsetzen. Man muss den Herstellern also finanzielle Anreize bieten, damit sie neue Wirkstoffe entwickeln. Der Vorschlag der EU ist es nun, den Unterlagenschutz für neue Antibiotika für Tiere von zehn auf 18 Jahre zu verlängern. Das halte ich für sinnvoll, und wir brauchen ähnliche Anreize auch in der Humanmedizin.  

DÄ: Was können Ärzte und Patienten tun, um die Situation zu verbessern?
Liese: Bevor Antibiotika verordnet werden, müssten Ärzte bei jedem Patienten eigentlich mit Hilfe eines Abstriches bestimmen, ob er überhaupt einen bakteriellen Erreger in sich trägt. Im Labor würde es heute einige Stunden dauern, den Erreger zu bestimmen. Viele Patienten haben aber nicht die Geduld, auf das Ergebnis zu warten. Viele kommen auch mit der Erwartungshaltung in die Praxis, ein Antibiotikum verschrieben zu bekommen. Und manche Ärzte verschreiben es ihnen dann auch – obwohl sie gar nicht wissen, ob es helfen kann. Denn gegen Viren helfen Antibiotika natürlich nicht. Es ist deshalb sehr wichtig, einen Schnelltest zu entwickeln, mit dem Ärzte in kurzer Zeit feststellen können, ob ihre Patienten überhaupt einen bakteriellen Erreger in sich tragen.

Und die Patienten sollten in jedem Fall das ihnen verordnete Antibiotikum zu Ende einnehmen. Manche Patienten setzen es leider ab, wenn es ihnen ein wenig besser geht. Oder sie geben die übrig gebliebenen Tabletten an Freunde oder Verwandte weiter, die Halsschmerzen haben und dann ein, zwei Tabletten einnehmen. Dadurch verursachen sie natürlich erst die Resistenzen. Aus meiner Sicht wäre es wichtig, auf den Beipack­zetteln an exponierter Stelle darauf hinzuweisen, dass Patienten Antibiotika zu Ende nehmen müssen. Eine solche Medikamenten-Fakten-Box hat auch schon die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft gefordert.

DÄ: Wie ernst ist die Situation heute?
Liese: Die Situation ist leider sehr ernst. Das Europäische Institut für Seuchenbe­kämpfung hat ermittelt, dass jedes Jahr 25.000 EU-Bürger an multiresistenten Keimen sterben. Wahrscheinlich sind es sogar mehr. Die WHO spricht mittlerweile sogar davon, dass wir vor einer Post-Antibiotika-Ära stehen könnten, in der Antibiotika gegen Keime nicht mehr helfen. Das ist eine extrem große Bedrohung.

Im April wird es eine Anhörung zu den Vorschlägen der Kommission geben. Voraus­sichtlich im Herbst gibt es die erste Lesung im Parlament. Wenn dann der Ministerrat schnell zu einer Position findet, könnte die Richtlinie schon zum Jahresende in Kraft treten. Ich hoffe, dass wir die Situation dadurch verbessern können. © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 25. März 2015, 12:37

Höhere Erwartungen an einen Kollegen!

Von einem Mediziner-Kollegen Dr. med. Peter Liese, Arzt aus dem Sauerland und MdEUP, würde ich m e h r Differenziertheit und Sachverstand bei der Diskussion zum Thema „Antibiotika-Resistenzen sind eine extrem große Bedrohung“ erwarten.
Vgl.
http://www.aerzteblatt.de/archiv/157489/Das-Gespraech-mit-Dr-med-Peter-Liese-gesundheitspolitischer-Sprecher-der-EVP-Fraktion-im-Europaeischen-Parlament-In-der-EU-loesen-wir-Alltagsprobleme

Denn von einer "Post-Antibiotika-Ära" kann gar keine Rede sein. Im "human- als auch im veterinärmedizinischen Bereich" mit einer „One Health“-Strategie herumdoktern zu wollen, ist schlichtes Herumstochern in Symptomen und keine intelligente, kurative Strategie: Viel zu disparat und divergent sind die Antibiotika-Interessenlagen bei Mensch und Tier.

Während in der Zucht- und Massentierhaltung, in Fisch-Aufzuchtanlagen und der gesamten Fleisch- und Fischverarbeitung Antibiotika teilweise o h n e veterinärmedizinische Einzelverordnung und/oder über Futtermittel flächendeckend und unkontrolliert verabreicht werden, gibt es in Klinik und Praxis, wie dem Kollegen Peter Liese wohl bekannt ist, nur individuelle und gezielte Einzelverordnungen von Antibiotika nach angemessener Untersuchung und Beratung.

So werden allein in Deutschland nach offiziellen Angaben 1.700 Tonnen Antibiotika pro Jahr veterinärmedizinisch verordnet. In der Humanmedizin dagegen maximal 700 Tonnen. Dies allein soll die Position des Kollegen P. Liese begründen "Denn es gibt einen eindeutigen Bezug zwischen dem Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht und Antibiotika-Resistenzen beim Menschen"? Doch allein die veterinärmedizinische Haltung ist europaweit zu lasch!

Ein modernes Märchen sind auch die Aussagen: "In den letzten 25 Jahren sind praktisch keine neuen Antibiotikawirkstoffe auf den Markt gekommen. Das ist ein großes Problem. Ein Grund dafür ist, dass die Hersteller mit neuen Antibiotika nicht viel Geld verdienen können, weil sie als Mittel der letzten Wahl gelten werden: Nur, wenn alle anderen Antibiotika nicht wirken, wird man sie einsetzen." Abgesehen davon, dass es eine Reihe von Neu- und Weiterentwicklungen der Antibiotika gibt, wird mit dem Bestandsmarkt in der Pharmaindustrie immer noch sehr gut verdient.

Wie peinlich, wenn Kollege P. Liese sich dann zum Chef-Lobbyisten einer 'notleidenden' Pharmaindustrie machen will: "Man muss den Herstellern also finanzielle Anreize bieten, damit sie neue Wirkstoffe entwickeln" ist bei der bereits vorhandenen europaweiten Förderung der universitären und gesundheitsamtlichen infektiologischen Grundlagenforschung eine Verkennung der globalisierten Forschungs-, Entwicklungs- und Vermarktungsstrategien.

Praxis- und Medizin-bildungsfern zu behaupten: "Bevor Antibiotika verordnet werden, müssten Ärzte bei jedem Patienten eigentlich mit Hilfe eines Abstriches bestimmen, ob er überhaupt einen bakteriellen Erreger in sich trägt. Im Labor würde es heute einige Stunden dauern, den Erreger zu bestimmen, verkennt die Realität. Erreger u n d Resistenzbestimmungen dauern immer noch einige Tage. Dieses Abwarten ist bei akuten Krankheitsbildern u. U. ein medizinisch-haftungsrechtliches Problem und nicht immer 'lege artis'. Auch BB, BSG, CRP und Pro-Calcitonin-Bestimmungen führen nicht immer zu Antibiotikaverordnungs-leitenden Befunden.

Die Aussage: "Die Situation ist leider sehr ernst. Das Europäische Institut für Seuchenbe­kämpfung hat ermittelt, dass jedes Jahr 25.000 EU-Bürger an multiresistenten Keimen sterben. Wahrscheinlich sind es sogar mehr", kann so nicht stehenbleiben bzw. bedarf einer Erläuterung. In der EU leben etwa 500 Millionen Menschen. Gesamt-Europa hat auf einer Fläche von 10.180.000 km² eine Bevölkerungszahl von 742,5 Millionen (Stand 2013) Menschen. Wenn allein für Deutschland mit 81 Millionen Einwohnern bis zu 15.000 Tote durch Krankenhausinfektionen mit multiresistenten Keimen geschätzt werden ist diese Zahle absolut unseriös und populistisch zu hoch geschätzt, weil EU-weit bei 500 Millionen insgesamt 25.000 Todesfälle errechnet wurden.

EU-Richtlinien können bis zum Jahresende nur dann entwickelt werden, in Kraft treten und die problematische Antibiotika-Resistenz-Situation verbessern helfen, wenn sie auf empirisch-begründete R e a l i t ä t e n bauen und n i c h t auf vordergründig populistisch-naive und spekulativ-mediale Sensationslüsternheit setzen würden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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