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Medizin

Genmutation macht Grippe lebensgefährlich

Freitag, 27. März 2015

dpa

New York – Der Ausfall eines einzelnen Gens hat dazu geführt, dass ein zweieinhalb Jahre altes Mädchen beinahe an der ersten Grippe ihres Lebens gestorben wäre. Eine in Science (2015; doi: 10.1126/science.aaa1578) publizierte Genom-Analyse deckt die Ursache auf und liefert eine mögliche Grundlage für eine Therapie.

Das Mädchen war im Januar 2011 während der jährlichen Grippewelle an einer Influenza erkrankt. Während sich die Personen aus ihrer Umgebung rasch erholten, glitt sie in ein akutes Atemnotsyndrom und musste zwischenzeitig beatmet werden. Derartig schwere Verläufe der Influenza sind ungewöhnlich und treten in der Regel nur bei älteren Menschen oder solchen mit schweren Begleiterkrankungen auf. Das Mädchen war jedoch unauffällig und es hatte auch keine Abwehrschwäche gegen bakterielle Infektionen.

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Auf der Suche nach der Ursache entschlüsselte das Team um Jean-Laurent Casanova von der Rockefeller University in New York den gesamten protein-kodierenden Anteil des Genoms bei dem Mädchen und ihren beiden Eltern. Dabei stellte sich heraus, dass beide Eltern heterozygot auf sogenannte Loss-of-Function-Mutationen im Gen für den „transcription factor interferon regulatory factor 7“ (IRF7) waren.

IRF7 gehört zu einer Gruppe von Proteinen, die die Bildung von Interferonen nach einer Virusinfektion anregen. IRF7 stimuliert sowohl die Bildung von Typ I- als auch Typ III-Interferonen. Die Untersuchungen von Casanova ergaben, dass die plasmazytoiden dendritischen Zellen, ein Vorposten des Immunsystems im Blut und im lymphatischen Gewebe, bei dem erkrankten Kind kein Interferon alpha2 (gehört zu den Typ I-Interferonen) bildeten.

Die Immunreaktion beider Eltern war dagegen normal, da die Gendefekte bei ihnen nur auf einem der beiden homologen Chromosomen vorhanden waren. Vater und Mutter hatten übrigens unterschiedliche Mutationen. Beide sind extrem selten. Die Mutation beim Vater war bisher nicht in Datenbanken aufgetaucht. Die Mutation bei der Mutter wurde einmal unter 122.972 Chromosomen gefunden. Dass beide Mutationen bei der Tochter zusammentrafen, war deshalb ein extrem seltener Zufall.

Wäre der Gendefekt vorher bekannt gewesen, hätte eine Substitution des fehlenden Interferons möglicherweise den Krankheitsverlauf günstig beeinflusst. Experimente an Epithelzellen der Lunge, die die Forscher aus induzierten pluripotenten Stammzellen des Mädchens erzeugt hatten, ergaben, dass die Behandlung mit Interfern alpha die Virusver­mehrung blockierte.

Das Mädchen ist heute 7 Jahre alt und abgesehen von der Anfälligkeit für schwere Grippeerkrankungen gesund. Sie wird laut Casanova jedes Jahr gegen die saisonale Grippe geimpft. Aufgrund des Preisverfalls bei der Gensequenzierung dürften in den nächsten Jahren weitere Gendefekte im Immunsystem gefunden werden, die die Anfälligkeit auf Infektionskrankheiten erhöhen. Ob sie für die klinische Medizin relevant sind, dürfte jeweils von der Häufigkeit der Mutationen abhängen. © rme/aerzteblatt.de

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