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Politik

Heilmittelerbringer: Unionsfraktion will Blankoverordnung und bessere Ausbildungsstandards

Donnerstag, 2. April 2015

dpa

Berlin – Die Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Bundestagsfraktion hat Ende März ein Positionspapier beschlossen, das insbesondere für die Physiotherapie eine bessere Vergütung und eine direktere Einbindung in die Versorgungsverantwortung vorsieht. Zwischenergebnisse aus Modellvorhaben zur physiotherapeutischen Versorgung wiesen auf effektivere Behandlungsabläufe und bei Blankoverordnung auf eine geringere Anzahl an Behandlungseinheiten hin, heißt es in dem Positionspapier.

Blankoverordnung bedeutet, dass der Arzt dem Therapeuten nicht mehr vorschreibt, welche Anwendung ein Patient erhalten soll. Die bisherigen Zwischenergebnisse zeigten auch, dass der Patient von autonom erbrachten Behandlungen, zum Beispiel in der Physiotherapie, in stärkerem Ausmaß profitiere  als von Behandlungen, die durch eine vertragsärztliche Verordnung vorgegeben würden.

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Eine der Kernforderungen in dem Konzept lautet, die Vergütung qualifizierter Heilmittel­erbringer von der Grundlohnsummensteigerung zu entkoppeln. Durch diese Koppelung habe es im Heilmittelbereich in den letzten Jahren so gut wie keinen Einkommens­zuwachs gegeben. Folge: Die Gehälter tariflich entlohnter Physiotherapeuten an Kranken­häusern lägen mittlerweile circa 40 Prozent über den Vergütungen freier Physiotherapeuten.

Ausbildungsstandards verbessern
Die CDU/CSU-Arbeitsgruppe Gesundheit spricht sich zudem dafür aus, die Ausbildungs­standards der Heilmittelerbringer zu verbessern, damit sie den steigenden Anforderungs­profilen gerecht würden: „Notwendige Zusatzqualifikationen, wie eine Weiterbildung für Screening, Diagnosestellung, Erstellung von Therapieberichten oder die Überweisungs- und Verordnungskompetenz, müssen zwingend in die Curricula integriert werden.“

Auf Grundlage der Ergebnisse der aktuell noch laufenden Modellvorhaben wollen die CDU/CSU-Gesundheitspolitiker im Jahr 2016 die Verhandlungen zur Umsetzung der Blankoverordnung aufnehmen. Zudem wollen die Unionspolitiker prüfen, ob der Direktzugang für Patienten ohne vorherigen Arztkontakt und Verordnung, so wie es ihn schon in verschiedenen europäischen Ländern gibt, eine gesteigerte Behandlungs­qualität nach sich zieht und gegebenenfalls auch hierzulande umgesetzt werden soll.

SPD: Hausarzt soll "Lotsenfunktion" behalten
Auch nach den Vorstellungen der SPD-Gesundheitsexpertin Hilde Matheis soll der Heilmittelerbringer künftig selbst über Art und Umfang der Behandlung entscheiden können. Allerdings sollte der Hausarzt weiterhin der erste Ansprechpartner bei Beschwerden bleiben und seine „Lotsenfunktion“ ausüben, forderte die SPD-Bundestags­abgeordnete.

KBV: Arzt hat eine unverzichtbare Entscheidungs- und Koordinierungsrolle
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sieht die Pläne der Unionsfraktion kritisch. Die Diagnose- und Indikationsstellung sowie die Festlegung der notwendigen Menge müssten in jedem Fall beim behandelnden Vertragsarzt verbleiben, betonte die KBV. Da nur der Arzt die gesamte Krankheitsgeschichte des Patienten kenne, habe er eine unverzichtbare Entscheidungs- und Koordinierungsrolle.

Ein Wegfall des ärztlichen Verordnungsvorbehalts könnte zu einem Schaden für Patienten führen, da die erforderliche differenzialdiagnostische Betrachtung nicht sichergestellt wäre und so möglicherweise Krankheiten nicht erkannt werden könnten, hieß es aus der KBV.

Diagnostik muss beim Arzt liegen
Die Pläne der Unionsfraktionen im Deutschen Bundestag, die Stellung von Physio­therapeuten, Logopäden oder Masseuren im deutschen Gesundheitswesen aufzuwerten, bezeichnet der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL), Theodor Windhorst, als überlegenswert, solange die Diagnostik beim Arzt liege. „Wenn beispielsweise Physiotherapeuten oder Logopäden darüber entscheiden, welche Maßnahmen für einen Patienten gut sind, kann dies zielführend sein.

Es kann aber nicht sein, dass jemand anderes als ein Arzt eine Diagnose dazu stellt. Dies ist und bleibt eine urärztliche Aufgabe“, betont der Kammerpräsident. Er warnt in diesem Zusammenhang vor einer „verdeckten Substitution“ ärztlicher Leistungen. „Wir wehren uns dagegen, dass ärztliche Kompetenz durch Substitution zugunsten anderer Berufe aufgelöst wird. Davon profitiert die Patientenversorgung in keiner Weise.“ © TG/aerzteblatt.de

Leserkommentare

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Avatar #698313
Logopädist
am Mittwoch, 22. April 2015, 10:40

"Wir wehren uns...!"

Wenn der Kammerpräsident schreibt, die Ärzte würden sich gegen ein Kompetenzbeschneidung durch die Heilmittelerbringer wehren, dann hinkt da der Anspruch der Realität hinterher! Denn bei allem Respekt vor der ärztlichen Tätigkeit: es ist doch nicht mehr so, dass der Arzt die Kompetenz im Bereich der Therapien hat, das Wissen um die Behandlungskonzepte zum Beispiel im Bereich der Physiotherapie ist so hochspeziell, dass sogar innerhalb der einzelnen Behandlungsfelder eine Spezialisierung notwendig ist; ein Logopäde kann sich kaum in allen Störungsbildern fit machen, die er behandeln können soll. Wie soll dann ein verordnender Arzt bitte beurteilen, wann, wie und welche Therapie Sinn macht, wenn er nie eine Therapie gesehen hat.
Die zitierte Aussage des Kammerpräsidenten drückt für mich eine Miesere aus: das Anerkennen anderer Kompetenzen in der Behandlung von erkrankten Menschen. Es würde meiner Meinung nach den Ärzten nicht schaden, sondern ihnen viele Behandlungsmöglichkeiten erleichtern- ...und günstiger machen!
Avatar #79783
Practicus
am Dienstag, 7. April 2015, 21:51

Wunderbar...

... wäre nur noch zu klären, wer die Wirtschaftlichkeitsprüfung der Physiotherapeuten machen soll. Wie bei den Ärzten ein "befreiendes Gesamthonorar" in Höhe des bisherigen Heilmittelbudgets, dann können sich die Physiotherapeuten um ihre Punkte balgen und sich mit den Patientenansprüchen auseinandersetzen. Besser geht s doch nicht...
Avatar #57209
Lacher
am Sonntag, 5. April 2015, 15:59

Wahrhaft argumentieren

Werden die Kosten für diese Physiotherapieleistungen dann auch kalkuliert und budgetiert? Mein Eindruck ist, dass hier um den heißen Brei herumgeredet und eine klare Stellung vermieden wird. Es geht mehr darum, dass die Physiotherapeuten autark gemacht werden sollen. Aber dann muss auch kein Blankorezept ausgestellt werden.
Avatar #110206
kairoprax
am Freitag, 3. April 2015, 10:01

der Heilmittelkatalog ist das Problem, nicht die Ärzte, nicht die Physiotherapeuten


Der derzeitige Heilmittelkatalog kann nur von physiotherapeutisch Unbeleckten und von Menschen verfaßt worden sein, die Sand in das Getriebe streuen wollten. Es kommt dazu, daß man diesen therapiefremden Katalog auch noch umzusetzen hat unter den Vorzeichen der Heilmittelbudgets.

Früher war alles besser!

Wie einfach war es, auf ein ganz normales Kassenrezept "10x Krankeneinzelgymnastik" zu schreiben, evtl. ergänzt mit Moor, Schlingentisch oder Massagen und eine diagnostische Erklärung (Coxarthrose) sowie ein Therapieziel (Vermeidung einer TEP, Erweiterung des Bewegungsumfangs) anzufügen.

Fertig. So einfach kann logisch sein.

Heute stehen weder die Behandlungsziele im Katalog noch die Mehrheit der Diagnosen. Eine "OP-Vermeidung" ist z.B. kein Ziel, obwohl es in der Praxis eines ist. Außerdem sind wir verdammt, die von den o.g. fachfremden Personen gewollten Kombinationen an Heilmitteln zu akzeptieren, oder es geht nicht, ein qualifiziertes Rezept zu schreiben.

Die Folge daraus kann nur sein, ein neues Rezepte-Konzept zu schaffen und daß die Budgets für Heilmittel endlich wegfallen. Liebe CDU-Fraktion, das wäre doch mal ein Antrag zum Nachdenken!
Die Folge kann aber nie und nimmer sein, daß verantwortliche Ärzte Blanko-Rezepte herausgeben sollen. Das wäre diskriminierend für die Ärzte und alles andere als hilfreich für die Physiotherapeuten.

Wenn eine Zeit der Blanko-Rezepte Wirklichkeit werden sollte, würde es in absehbarer Zeit keine Rezepte mehr geben. Es wäre dies genauso, als würde man den Apothekern ein Blanko-Rezept in die Hand geben, denn auch Apotheker sind Fachleute und wissen sehr wohl, was Arzneimittel sind und wozu man sie benutzen kann. Käme einer auf die Idee, das zu fordern?

Die echte Weisheit besteht darin, den in der Therapie beteiligten nicht weiter auf groteske Art und Weise Fesseln anzulegen und Schranken aufzubauen.
Es spricht auch nichts dagegen, zwei Therapievarianten anzustreben.
Die eine wäre eine Direktinanspruchnahme der Physiotherapeuten, die dann direkt mit den Kassen abrechnen.
Die andere wäre die Verwendung von Rezepten von Ärzten, die dann aber losgelöst von den Widersprüchen des Heilmittelkatalogs verorden dürften.

Man kann davon ausgehen, daß sich sehr rasch zeigen würde, daß der richtige Weg allein in der fairen und zweckdienlichen Arbeitsteilung zwischen Ärzten und Physiotherapeuten besteht.

Dr.Karlheinz Bayer - in dem konkreten Fall hinzufügend, Arzt mit den Gebietsbezeichnungen physikalische Therapie/Balneologie/medizinische Klimatologie und Manuelle Medizin/Chirotherapie
Avatar #111441
borgmann4
am Donnerstag, 2. April 2015, 20:43

Schon jetzt behandeln viele Heilmittelerbringer so, wie es für alle....



...Dienstleister, die auf Grund des SGB V bezahlt werden eigentlich Vorschrift ist. Zweckmäßig, ausreichend. Evident. Nur wirtschaftlich ist es schon lange nicht mehr.
Folge: alle wursteln sich so durch. Inwieweit das im Sinne der Patienten ist, bleibt die Frage.
Das Wirtschaftlichkeitsgebot könnte auch einmal anders herum betrachtet werden. Wer Leistung bringt, bekommt das auch angemessen bezahlt. Im Moment tun das lediglich die gesetzlichen Unfallkassen, mit deren Honoraren man die Existenz einer Freien Praxis sichern kann. Vom Kassensalär nicht mehr.
Unser Gesundheitswesen wird den Herausforderungen der Demografie schon jetzt nicht mehr gerecht. Überall gibt es Arbeitskräfte - und Nachwuchsmangel. Allerdings hat das System auch Profiteure. Der umsatzstärkste Markt in Deutschland ist das Gesundheitswesen. Allerdings kommt das nur Einigen zu Gute. Die Patienten gehören auf jeden Fall nicht dazu.
Das Problem ist so verfilzt und verfestigt, dass nur noch ein Runder Tisch helfen kann überhaupt nur praktikable Lösungsansätze zu entwickeln. Ob sie umgesetzt werden ist dann nicht zuletzt Sache der Patienten. Die auch Wähler sind. Und sich dringend besser organisieren sollten, um ihre Position zu verbessern.
Sonst bewegt sich nichts. Übergriffigkeit fördernde Verhältnisse verändert man sonst nie.

Angelika Oetken, Ergotherapeutin, Berlin-Köpenick, seit 30 Jahren im Gesundheitsunwesen aktiv, 20 davon als Selbstständige

P.S. Apropos: Berichte. Ob eine Behandlung wirksam ist oder nicht, lässt sich ganz leicht darstellen. Es reicht dazu ein DIN A4-Blatt mit einigen Angaben. Wichtig ist, dass ein klar überprüfbares Ziel formuliert wird. Und Patient und Behandler gemeinsam prüfen, ob es durch die Maßnahme erreicht wurde. Genau das ist aber in dem Land der Geräte- und Pharmamedizin anscheinend nicht erwünscht. Wie das wohl kommt?!?
LNS

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