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Medizin

Weltgesundheitstag: In Deutschland jährlich mehr als 1.000 Ausbrüche von Lebensmittel­vergiftung

Dienstag, 7. April 2015

dpa

Genf/Berlin – Bakterien, Viren, Parasiten oder Toxine in Nahrungsmitteln können mehr als 200 verschiedene Erkrankungen auslösen, an denen laut der Weltgesundheits­organisation (WHO) jährlich mehr als 350.000 Menschen sterben. Betroffen sind in erster Linie ärmere Länder, in denen eine sichere Infrastruktur für sauberes Wasser und keimfreie Nahrungsmittel fehlt. Doch auch in Deutschland kommt es jährlich zu mehr als tausend Aus­brüchen von Lebensmittelvergiftungen, wie das Robert Koch-Institut anläss­lich des Weltgesundheitstages mitteilt. Der Weltgesundheitstag findet immer am 7. April statt. Er erinnert an den Gründungstag der WHO im Jahr 1948.

Die Foodborne Disease Burden Epidemiology Reference Group (FERG) schätzt, dass es im Jahr 2010 etwa 582 Millionen Fälle von verschiedenen lebensmittelbedingten Darmer­kran­kungen gegeben hat, die mit 351.000 Todesfällen verbunden waren. Für die meisten Todesfälle verantwortlich waren Salmonella typhi (52.000), enteropathogene E. coli (37.000) und das Norovirus (35.000). Am stärksten betroffen war die afrikanische Region, gefolgt von Südostasien. Am häufigsten erkranken laut FERG Kinder: Mehr als 40 Prozent der Erkrankten sind unter 5 Jahre alt.

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Dass prekäre Bedingungen bei der Herstellung von Nahrungsmitteln auch für Länder mit höheren Standards zum Problem werden können, zeigte sich 2011, als in Deutschland 2.987 Menschen an einer durch enterohämorrhagische E. coli (EHEC) ausgelösten Gastroenteritis erkrankten. Bei 855 Patienten kam es zu einem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS). 53 Menschen starben damals zumeist an den Folgen des HUS, einige aber auch an der Gastroenteritis.

Als wahrscheinlichster Auslöser gelten heute Bockshornkleesamen, die aus Ägypten nach Deutschland importiert worden waren. Für die WHO steht die EHEC-Epidemie von 2011 deshalb emblematisch für die Risiken des globalen Lebensmittelhandels. Sie verweist auch auf die enormen wirtschaftlichen Folgekosten. Landwirte und Industrie hätten damals Verluste von 1,3 Milliarden US-Dollar erlitten. Für Nothilfezahlungen an 22 Mitgliedstaaten der Europäischen Union seien 236 Millionen US-Dollar ausgegeben worden.

Um solche Epidemien zu vermeiden, rät die WHO ihren Mitgliedsländern, sich am International Food Safety Authorities Network (INFOSAN) der Welternährungs­organisation (FAO), einer UN-Sonderorganisation zu beteiligen. INFOSAN soll bei internationalen Epidemien die schnelle Kommunikation zwischen den einzelnen Ländern beschleunigen. Für die Verbraucher hat die WHO mit Five Keys to Safer Food ein Manual für die sichere Verarbeitung von Nahrungsmitteln herausgegeben. Für die Produzenten und Verarbeiter gibt es im Codex Alimentarius eine Sammlung von internationalen Lebensmittelstandards, Richtlinien und Regeln.

Es wäre allerdings falsch anzunehmen, die meisten lebensmittelbedingten Erkrankungen kämen aus dem Ausland. Die größeren Epidemien, die in den Medien für Aufsehen sorgen, sind nur die Spitzen des Eisbergs. Neben der EHEC-Epidemie kam es 2011 noch zu einem Salmonella-Newport-Ausbruch, der durch kontaminierte Mungbohnensprossen verursacht wurde.

Im Jahr 2012 wurde ein Norovirus-Ausbruch registriert mit mehr als 10.000 Betroffenen, vor allem Kindern und Jugendlichen in Ostdeutschland, bei dem Tiefkühlerdbeeren die Infektionsquelle waren. Die meisten Ausbrüche bleiben jedoch auf wenige Personen beschränkt. Die meisten dürften den Gesundheitsbehörden nicht bekannt werden. Dem Robert Koch-Institut werden jährlich etwa tausend Ausbrüche gemeldet.

Das jüngste infektionsepidemiologische Jahrbuch verzeichnet für das Jahr 2013 insgesamt 1.155 potenziell lebens- mittelbedingte Ausbrüche mit 4.334 Erkrankungen. Dabei werden die Norovirus-Ausbrüche nicht mitgezählt, da es hier häufig auch zur Direktübertragung der Erreger von Mensch zu Mensch kommt. Die häufigsten Ursachen waren Infektionen mit Campylobacter (451 Ausbrüche) gefolgt von Salmonellen (356 Ausbrüchen). Die Salmonellen-Ausbrüche sind seit Jahren rückläufig, sie waren aber für die beiden einzigen Todesfälle verantwortlich, zu denen es 2013 im Rahmen lebens­mittelbedingter Ausbrüche kam. © rme/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 7. April 2015, 16:23

WHO - "Oh happy day"?

Vgl. Sister Act Oh Happy Day HD - YouTube www.youtube.com/watch?v=6zT8AyfsFmA)
Die global gefährdete Lebensmittelsicherheit am "World Health Day" mit der Frage der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu verbinden, "how safe is your food?, und als Lösung anzubieten: Vom Bauernhof zum Teller - "From farm to plate: make food safe" klingt ein wenig nach dem alten "Backpacker"-Motto zur Vermeidung von Reisediarrhö: "Boil it, cook it, peel it — or forget it!" (Kochen, Braten/Dünsten, Pellen - oder Vergessen!) wie auf
http://www.springermedizin.de/boil-it-cook-it-peel-it--or-forget-it/253438.html
beschrieben.

Doch wer denkt eigentlich dann noch über die potenziell multiresistenten Keime nach, die nach jedem Bauernhof-Besuch unter den Schuhsohlen kleben könnten, an die in der deutschen Veterinärmedizin offiziell eingesetzten 1.700 Tonnen Antibiotika pro Jahr, an die Massentierhaltungen, Aufzuchtanlagen und Fischfarmen, wo Antibiotika o h n e veterinärmedizinische Verordnung bzw. direkt über Antibiotika-haltige Futtermittel eingespeist werden und damit vorselektiert in der Eier-, Fleisch- und Fisch-verarbeitenden Industrie wieder auftauchen?

Die scheinbar professionelle WHO-Empfehlung, zur Infektionsvermeidung die unterschiedlichen Lebensmittel auf verschiedenen Schneidebrettern in unterschiedlichen Küchen-Arbeitsbereichen und -Stationen zu verarbeiten, erscheint angesichts der engen häuslichen Einbau- und Kompaktküchen ziemlich weltfremd - "oh happy day", eben. Oder vielleicht eher "Happy Deppi"?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Quelle: WHO "Five Keys to Safer Food" - ein Manual für die sichere Verarbeitung von Nahrungsmitteln für Verbraucher
http://www.euro.who.int/de/about-us/whd/world-health-day-2015/from-farm-to-plate-make-food-safe
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