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Medizin

Melanom: Individuelle Krebsimpfstoffe erkennen Neoantigene

Dienstag, 7. April 2015

St. Louis – Eine neuartige Krebsimmuntherapie, die eine Genom-Analyse beim Patienten und seinem Tumor mit der High-Tech-Produktion eines individuellen Impfstoffs kombiniert, hat in einer Pilotstudie in Science (2015; doi: 10.1126/science.aaa3828) erste Erfolge erzielt. Bei zwei der drei Patienten kam es zu einer Remission in einem fortgeschrittenen Stadium des Tumors.

Krebsimpfstoffe sollen die Aufmerksamkeit des körpereigenen Abwehrsystems auf den Tumor lenken und eine Immunabwehr auslösen. Dies geschieht durch die Injektion von Tumorantigenen. Antigene sind Eiweiße, die von Abwehrzellen erkannt werden. Um als Baustein für eine Krebsvakzine infrage zu kommen, mussten die Antigene zwei Bedingungen erfüllen. Zum einen mussten sie auf der Oberfläche der Tumore erscheinen. Im Inneren der Krebszellen würde das Immunsystem sie nicht finden. Zum anderen dürfen die Antigene nicht in gesunden Zellen des Organismus auftauchen. Sonst würde entweder die Immunantwort ganz ausbleiben, weil das Immunsystem die Antigene nicht als fremd erkennt. Oder aber es käme zu einer Autoimmunreaktion, weil das Immunsystem auch die gesunden Zellen angreift, was unerwünscht wäre.

Das Team um Gerald Linette von der Washington University in St. Louis wollte hier nichts dem Zufall überlassen. Es führte deshalb bei den drei ersten Patienten – alle im Stadium IIIC des Melanoms – eine komplette Genom-Analyse an Zellen des Tumors und gesun­den Blutzellen durch. Ein Computer durchsuchte dann die Genomsequenzen von gesunden Zellen und Tumorzellen nach Genen, die die beiden Bedingungen erfüllten. Solche Gene treten bei den meisten Krebserkrankungen auf, da das genetische Chaos im Tumor ständig zu neuen Mutationen führt.

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Die Forscher wählten Gene mit einer Missense-Mutation, die nur eine geringe Verän­derung der Proteinstruktur zur Folge hat, was aber für eine Immunantwort ausreicht. Bei jedem Patienten wurden individuell drei Antigene, die Forscher nennen sie Neoantigene, für den Impfstoff ausgewählt. Diese Neoantigene wurden dann von einem Labor speziell für die Patienten synthetisiert.

Um die Wirkung der Vakzine zu verstärken, wurden die Neoantigene mit dendritischen Zellen gemischt. Es handelt sich um einen Vorposten des Immunsystems, der Antigene aufnimmt, um sie den Angreifern des Immunsystems zu präsentieren. Die Mischung mit dendritischen Zellen hat sich bei Sipuleucel-T bewährt, dem bisher einzigen in Deutsch­land zugelassenen Krebsimpfstoff, der beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom die Überlebenszeit um mehrere Monate verlängert.

Die Mischung aus den dendritischen Zellen und den Neoantigenen wurde den Patienten über einen Zeitraum von vier Monaten dreimal infundiert. Wie Linette berichtet, kam es bei allen drei Patienten zu einer Immunantwort. Die Konzentration der antigen-spezi­fischen T-Zellen im Blut stieg bei allen drei Patienten an, und der weitere klinische Verlauf deutete an, dass die Impfung eine Wirkung erzielte.

Bei einem Patienten kam es zu einer vorübergehenden Verkleinerung der Metastasen in der Lunge. Bei einem zweiten Patienten wurde das Tumorwachstum für bisher neun Monate gestoppt. Der dritte Patient ist nach drei Impfungen in Vollremission. Auch in der Positronen-Emissions-Tomographie sind keine Tumorzellen mehr nachweisbar. Für alle drei Patienten ist dies eine erfreuliche Entwicklung, da sie nach einer vorausgegangenen Therapie mit Ipilimumab „austherapiert“ waren.

Alle drei Patienten vertrugen die Therapie nach Auskunft von Linette gut (was bei Immuntherapien des Melanoms ungewöhnlich ist), und es wurden keine Hinweise auf Autoimmunreaktionen gefunden. Wie lange die Wirkung anhält, lässt sich allerdings nicht vorhersagen. Mangels Vergleichsgruppe lässt sich der therapeutische Erfolg derzeit nicht abschätzen.

Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, könnten sie der Beginn einer individualisierten Krebsimmuntherapie sein. Das Prinzip könnte auf andere Krebserkrankungen übertra­gen werden. Denkbar ist auch, dass die Zusammensetzung des Impfstoffs im Verlauf der Therapie den wechselnden Neoantigenen angepasst würde. Die Therapie wäre aufgrund der Genom-Analysen und der Synthese der einzelnen Neoantigene derzeit sehr aufwändig. Aufgrund des Kostenverfalls bei der Genom-Analyse könnte sie jedoch in Zukunft erschwinglich werden. © rme/aerzteblatt.de

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