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Medizin

Ibuprofen erhöht kardiovaskuläres Risiko nur in hoher Dosis

Dienstag, 14. April 2015

dpa

London/Bonn – Ibuprofen, eines der am häufigsten verordneten Schmerzmittel und seit 1989 auch rezeptfrei in der Apotheke erhältlich, erhöht in hohen Dosierungen das Risiko auf ein kardiovaskuläres Ereignis. Zu diesem Schluss kommt der Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) bei der europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA). Er warnt Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen vor der Überschreitung einer Tagesdosis von 2400 mg.

Dass Schmerzmittel aus der Gruppe der nicht-steroidalen Antiphlogistika (NSAID) das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen erhöhen, war zuerst für den selektiven COX-2-Hemmer (Coxibe) Rofecoxib erkannt worden. Der Hersteller nahm das Präparat Vioxx, damals eines der meist verordneten NSAID, im September 2004 wegen dieser Komplikation weltweit vom Markt. Inzwischen gilt als gesichert, dass auch andere NSAID mit einem Herz-Kreislauf-Risiko behaftet sind. Einzig Naproxen, das allerdings gastro­intestinal schlecht verträglich ist, scheint davon befreit zu sein.

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Im Mai 2013 berichteten Meta-Analytiker der Universität Oxford im Lancet, dass neben den Coxiben auch die häufig verordneten Diclofenac und Ibuprofen das kardiovaskuläre Risiko erhöhen. Für Diclofenac zog der PRAC bereits im Juni des Jahres 2013 Konse­quenzen. Die Fachinformationen weisen heute auf ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko hin, weshalb Patienten mit signifikanten Risikofaktoren „nur nach sorgfältiger Abwägung“ mit Diclofenac behandelt werden sollten.

Für die Bewertung von Ibuprofen benötigte der PRAC länger. In der jetzt vorgestellten Abschlussbewertung wird Ibuprofen ein „ähnliches Risiko für kardiovaskuläre Nebenwirkungen“ wie Coxiben und Diclofenac attestiert, das aber im Wesentlichen auf einen hochdosierten Einsatz beschränkt sei. Patienten mit schwerwiegenden Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen wie „Herzversagen, Herzkrankheiten oder Kreislauf­problemen“ oder solche, die bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten haben, sollten Tages­dosierungen von 2.400 mg oder mehr meiden. Bei Dosierungen von bis zu 1.200 mg pro Tag sieht der PRAC keine Zunahme des kardiovaskulären Risikos. Dies entspricht der höchsten in der EU nicht verschreibungspflichtigen oralen Dosierung.

Der PRAC beschäftigte sich auch mit Wechselwirkungen zwischen Ibuprofen und niedrig dosierter Acetylsalicylsäure (Low-dose ASS), das zur Prävention von Herzinfarkten und Schlaganfällen verordnet wird. Laboruntersuchungen hatten gezeigt, dass Ibuprofen die antithrombozytäre Wirkung von ASS vermindern kann. Laut dem PRAC ist unklar, ob Ibuprofen bei einer langfristigen Einnahme die protektive Wirkung von Low-dose ASS gefährdet. Die kurzfristige Einnahme sei in dieser Hinsicht unbedenklich.

Die Empfehlungen für Ibuprofen gelten auch für Dexibuprofen, einem aktiven Enantiomer von Ibuprofen. Hier gelten Dosierungen von 1200 mg pro Tag als hoch.

Die PRAC Empfehlungen werden jetzt an die Koordinierungsgruppe für gegenseitige Anerkennung und dezentralisierte Verfahren (CMDh) weitergeleitet, die einen abschließenden Beschluss fasst. Die Empfehlungen werden dann von den Mitgliedsländern der EU umgesetzt.

© rme/aerzteblatt.de

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