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Politik

„Wir brauchen eine Willkommenskultur“

Freitag, 17. April 2015

Berlin – Ausländische Ärzte werden derzeit in vielen Regionen Deutschlands dringend benötigt, damit die Patientenversorgung vor allem an Krankenhäusern im ländlichen Raum aufrechterhalten werden kann. Mancherorts gestaltet sich die Integration der ausländischen Kollegen jedoch nicht leicht, weil es an Konzepten, einer Finanzierung und an Integrationsprogrammen mangelt. Der Marburger Bund (MB) Berlin-Brandenburg hat deshalb vor kurzem mit Vertretern aus Politik und Krankenhäusern sowie mit in Brandenburg und Berlin arbeitenden ausländischen Ärzten darüber diskutiert, wie eine Integration aussehen muss, die allen Beteiligten gerecht wird.

Fünf Fragen an Reiner Felsberg, Geschäftsführer des MB Berlin-Brandenburg

DÄ: Herr Felsberg, wie wichtig sind ausländische Ärzte für die Patientenversorgung in Brandenburg?
Felsberg: Sehr wichtig. Fast zehn Prozent der bei der Lan­des­ärz­te­kam­mer Branden­burg gemeldeten Ärzte kommen aus dem Ausland. An manchen Kranken­häusern stammt sogar die Hälfte der ärztlichen Belegschaft aus dem Ausland und 80 Prozent der Assistenzärzte. Wenn diese Kollegen nicht wären, müssten Stationen schließen.

DÄ: Welche Probleme kann es bei der Integration der ausländischen Ärzte in den Krankenhausalltag geben?
Felsberg: Ein Problem ist die Sprache. Um ihre Approbation anerkannt zu bekommen, müssen die ausländischen Kollegen ein Sprachniveau haben, das es ihnen ermöglicht, problemlos und auf einem hohen fachlichen Level mit ihren Patienten und deren Angehörigen zu sprechen. Das ist für die Patientensicherheit und das Vertrauens­verhältnis unabdingbar.

Die Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz hat im vergangenen Jahr gefordert, dass Ärzte aus dem Ausland über Fachsprachenkenntnisse auf dem Sprachniveau C1 nach dem Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen verfügen müssen, also über fortgeschrittene Kenntnisse. Das halte ich für richtig. Denn den Kollegen ist nicht geholfen, wenn sie hier arbeiten dürfen, obwohl sie nicht ausreichend deutsch sprechen. Davon haben die Kollegen nichts, und auch die Patientensicherheit kann darunter leiden.

DÄ: Wie funktioniert denn die Integration im Alltag heute?
Felsberg: Die Integration funktioniert heute gar nicht so schlecht. Viele Krankenhäuser in Brandenburg engagieren sich, zum Beispiel das Werner-Forßmann-Krankenhaus in Eberswalde oder auch das Asklepios-Klinikum in Schwedt. In Eberswalde  gab es bis vor kurzem ein Mentoring-Programm, bei dem sich deutsche Ärzte um ihre ausländischen Kollegen gekümmert haben, um deren Weiterbildung und auch um die Familien. Leider gibt es dieses Programm heute nicht mehr, weil es sehr teuer war und der Nutzen insofern gering, als manche der ausländischen Ärzte das Krankenhaus doch wieder verlassen haben.

DÄ: Was muss sich in Deutschland noch verbessern?
Felsberg: Zunächst einmal dürfen wir die ausländischen Kollegen nicht einfach nur als Lückenbüßer sehen. Wir brauchen eine Willkommenskultur, bei der wir ihnen zeigen, dass wir uns freuen, dass sie zu uns gekommen sind, dass wir uns wünschen, dass sie bei uns bleiben und die dafür benötigten Voraussetzungen schaffen. Dafür brauchen wir aber ein Konzept. Das fehlt heute leider häufig. Jede Einrichtung ist da auf sich gestellt.

Es gibt einen Vorschlag vom Asklepios-Klinikum in Schwedt, eine Art Kompetenzzentrum, in dem die ausländischen Ärzte Sprache und kulturelle Kompetenz erwerben können, für die Brandenburger Region zu einzurichten, so wie es zum Beispiel Berlin mit der Charité International Academy betreibt. So etwas fehlt in Brandenburg. In diesem Zusammen­hang befinden wir uns zurzeit in Gesprächen mit dem Asklepios-Klinikum und unterstützen deren Anliegen.

Wir wollen dadurch erreichen, dass die Ärzte, die nach Brandenburg kommen, auch hier sesshaft werden wollen, dass sie die Arbeit hier nicht nur als eine Durchlaufstation betrachten. Dafür müssen wir ihnen aber auch dabei helfen, dass auch ihre Familien in der Region Fuß fassen. Das ist im Übrigen ein Aspekt, der deutsche Ärzte genauso betrifft.

Im Rahmen des Mentoring-Programms gab es in Eberswalde auch ein Stipendium für junge ausländische Ärzte. Sie mussten das Geld allerdings hinterher wieder zurückzahlen. Wir wünschen uns eine Mischfinanzierung, bei der nicht nur die Einrichtung sondern auch das Land und gegebenenfalls auch die Regionen und die Landkreise etwas dazu schießen. Wenn es in Eberswalde eine solche Ko-Finanzierung gegeben hätte, hätte das Programm sicher  noch weiterlaufen können.

DÄ: Ist eine Zuwanderung ausländischer Ärzte perspektivisch überhaupt der richtige Weg, um den Ärztemangel in Deutschland zu stoppen?
Felsberg: Aus ethischer Sicht natürlich nicht, denn die Kolleginnen und Kollegen werden auch in ihren Herkunftsländern gebraucht. Es gibt von deutscher Seite aber auch keine offensive Werbung in anderen Ländern. Wir haben natürlich eine Verantwortung, dass wir die Ärzte aus Ländern wie Rumänien oder Bulgarien nicht abschöpfen, weil die Bevölkerung dort das gleiche Recht auf gute gesundheitliche Versorgung hat. Deshalb treten wir als MB auch für mehr Medizinstudienplätze und eine bedarfsgerechte Medizinerausbildung in Deutschland ein. © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #104249
Senbuddy
am Sonntag, 19. April 2015, 09:03

Man kann die Länder ruhig beim Namen nennen...

Deutsche Ärzte gehen kaum nach Rumänien oder Bulgarien.

Deutsche gehen eher nach Norwegen, in die Schweiz, in die USA o.ä. Und man kann es auch offen sagen, dass es an den dort besseren Arbeitsbedingungen respektive am Einkommen liegt - also schlicht am Preis-Leistungs-Verhältnis. Wer kann, der macht's. Es passt der Satz "Ich bin ja nicht blöd". Und als deutscher Arzt bekommt man in diesen Ländern eben auch einen Job, als rumänischer oder oder bulgarischer Arzt ist das wohl weniger so ?

Deswegen kommen Rumänen und Bulgaren dann ja auch eher nach Deutschland. Auch aufgrund des für sie besseren Preis-Leistungs-Verhältnisses und auch eben weil sie hier einen Job bekommen (Man ist ja auch nicht blöd...).

Soll man das ganze Getausche aber wirklich noch fördern ? Mit "Kompetenzzentren zum Erwerben von Sprache und kultureller Kompetenz" ? Warum dann nicht gleich auch ein Kompetenzzentrum zum Erlernen von Schwiizerdütsch oder Norwegisch ?

Bei solchen Vorschlägen ist der Satz "ich bin doch nicht blöd" wohl eher nicht zeitgemäß...

Viele Grüße
S.
Avatar #698267
Nico85
am Samstag, 18. April 2015, 12:30

Wie wäre es...

... mit einer Willkommenskultur für deutsche Ärzte, die zuvor für viel Geld an unseren Universitäten ausgebildet wurden. Vielleicht mal an der Qualität der Weiterbildung arbeiten, familienfreundlichere Arbeitsmodelle einführen und nichtärztliche Tätigkeiten an andere Gesundheitsberufe delegieren.
Wenn dann immer noch Ärzte fehlen kann man auch mehr Studienplätze schaffen. Es stehen genügend qualifizierte Abiturienten in den Startlöchern, die teilweise bereit sind, über 6 Jahre auf ihren Studienplatz zu warten. Wir müssen nicht ärmeren Ländern ihre Ärzte abwerben, die sie selbst dringend benötigen.
Avatar #624082
karagoez2504
am Samstag, 18. April 2015, 08:04

"Wir brauchen eine Willkommenskultur"

Es ist nicht nur die Sprache, die sehr dürftig ist ---- es ist mehr als häufig medizinisches Nichtwissen, was sich im Umgang mit ausländischen Kollegen
zeigt. Ich bin nicht nur für Sprachprüfungen, sondern auch um eine genaue Prüfung
der ärztlichen Befähigung. Der deutsche Staat täte gut daran, ausländische Examen
zu hinterfragen und notfalls eine ärztliche Nachprüfung zu verlangen --- die Ergebnisse wären ernüchternd. Es ist doch nicht so,daß nicht genügend deutsche
Ärzte ausgebildet werden, nur muß man einige Bedingungen ändern, damit diese
nicht ins Ausland abwandern. Z.B. generelle Bezahlung der Bereitsschaftdienste
und kein Freizeitausgleich, von dem niemand etwas hat. Nur mit Geld verhindert
man die Abwanderung deutsche Ärzte (es ist doch nicht so, daß es sie nicht gibt).
Aber in der Medizin ist es wir in andern Bereichen, man will uns billige Kräfte aus dem Ausland als "Fachkräfte" verkaufen. Mich stört der Begriff "Willkommenskultur". Wer hier arbeiten will, soll sich gefälligst selbst bemühen
und entsprechende Zeugnisse vorlegen.
LNS

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