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Politik

„Der Austausch von Informationen zwischen Medizin und Veterinärmedizin ist nicht ausreichend institutionalisiert“

Freitag, 17. April 2015

Köln – Infektionsmedizinische Fragen sind in Deutschland in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus gerückt. Dabei standen häufig zoonotische Erreger, die zwischen Tieren und Menschen in beide Richtungen übertragen werden können, im Vordergrund. Die Arbeitsgruppe Zoonosen und Infektionsforschung der TMF ­– Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung hat dazu bereits im vergangenen Jahr ein Positionspapier vorgelegt, das für einen One-Health-Ansatz in der Infektionsforschung wirbt.

5 Fragen an Prof. Dr. med. Eberhard Straube, Institut für Medizinische Mikrobiologie, Universitätsklinikum Jena

DÄ: Was besagt One Health in der Infektionsforschung?
Straube: Der One-Health-Ansatz bedeutet, dass Veterinär- und Humanmedizin sowie auch Landwirtschaft interdisziplinär zusammenarbeiten und Strukturen entwickeln, um auf Probleme zu reagieren, die in einer gemeinsamen Umwelt begründet sind. Das betrifft Ernährung und insbesondere Infektionen. Man darf nicht vergessen, dass etwa 60 Prozent der Infektionen Zoonosen sind. Influenza beispielsweise ist eine klassische Zoonose, ein etwa durch Salmonellen oder Campylobacter verursachter  Durchfall ebenso - das sind häufige Ereignisse.  

DÄ: Welche Strukturen sind erforderlich, damit dieser Gedanke stärker zum Tragen kommt?
Straube: Das Bewusstsein dafür ist zumindest schon gewachsen. So hat das Bun­des­for­schungs­minis­terium sechs Jahre lang den Aufbau einer Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen gefördert. Nach dieser Anschubfinanzierung muss sich das Projekt aber selbst weiter tragen, und das ist schwierig, da Geld für ständig arbeitende Strukturen benötigt wird. Das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) hat die Zoonosen kaum im Fokus und eine Zusammenarbeit mit der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen gestaltet sich zögerlich.

Grundsätzlich muss es stärker vernetzte Strukturen geben, nicht nur zentral, sondern auch dezentral. Ich halte es für sehr wichtig, dass zum Beispiel die lokalen Behörden, wie etwa Gesundheitsämter, mit den lokalen Veterinärbehörden stärker  zusammenarbeiten. Das ist überhaupt noch nicht richtig etabliert, wäre aber eine sinnvolle Ergänzung dieser zentralen Bemühungen.

DÄ: Was ist denn schon an gemeinsamen Strukturen realisiert?
Straube: Ein Beispiel ist die Publikation GERMAP, die im zweijährigen Rhythmus über die Entwicklung des Antibiotikaverbrauchs und die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen in der Human- und Tiermedizin in Deutschland berichtet, die gemeinsam vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie und dem Infektionszentrum am Universitätsklinikum Freiburg erarbeitet und herausgegeben wird – letztlich eine Initiative weniger Personen.  Dort laufen Veterinär- und Humanmedizin tatsächlich auch als Datensammlung zusammen, und dort werden auch Risiken aus einer gemeinsamen Umwelt gut beleuchtet.

DÄ: Was spricht aus Sicht der Humanmedizin für ein Engagement in diesem Bereich?
Straube: Wir haben das Riesenproblem mit den Antibiotikaresistenzen. Man kann zwar die Landwirtschaft nicht unter Generalverdacht stellen, aber ein Antibiotikaresistenz-Monitoring bei Geflügel oder bei häufig verzehrten Lebensmitteln wäre schon interessant, um eine Art Vorwarnsystem zu etablieren. Der organisatorische Kontakt zu Datensammlungen aus der Veterinärmedizin fehlt uns Humanmedizinern. Wir kriegen dann Fälle, bei denen wir erst einmal nicht wissen, was los ist.

Infektionsforschung: Plädoyer für One-Health-Ansatz

Infektions- und Zoonosenforschung profitieren in besonderem Maß von Kooperation und Vernetzung. Für viele Forschungsfragen ist der Aufbau gemeinsamer Infrastrukturen notwendig. Zoonotische Erreger, die zwischen Menschen und Tieren in beide Richtungen übertragen werden können, stellen die Infektionsforschung vor große Herausforderungen.

Ein klassisches Beispiel: Wir hatten 2005/6 eine Q-Fieber-Epidemie in Jena. Den Veterimärmedizinern war bekannt, dass Schafherden in der Umgebung Jenas mit Coxiella burnetii (Erreger des Q-Fiebers) belastet waren, so dass sie ein Warnsignal hätten geben können. Es war aber ein aufmerksamer Allgemeinmediziner, der die ersten Pneumonien  richtig zugeordnet hat. Wir hatten insgesamt etwa 300 Pneumonie-Fälle in einem Ortsteil von Jena, weil dort in der Nähe Schafe auf der Weide standen, weil es von der EU eine Prämie für Schäfer für die wohnortnahe Landschaftspflege durch Schafe gab.

Derzeit ist der Austausch von Informationen zwischen Medizin und Veterinärmedizin nicht ausreichend institutionalisiert, und es gibt kein Frühwarnsystem, obwohl die Veterinärmediziner in der Regel durch Meldesysteme gut informiert sind.

DÄ: Warum findet man eher wenige klinische Infektiologen in diesem Forschungsgebiet?
Straube: Die klinische Infektiologie wird in Deutschland immer noch stiefmütterlich behandelt. Es ist schon lange die Notwendigkeit erkannt worden, die Infektiologie zu stärken. So gibt es ja die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie und die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, die sich darum bemühen, die vereinigt aber im Wesentlichen nur Internisten und Pädiater.

Derzeit gibt es keine eigene Ausbildung für Infektiologen, sondern Infektiologie ist nur als Zusatzbezeichnung für Pädiater oder Internisten möglich. Das halte ich für einen Mangel. Eine Initiative, dass Fachärzte für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie eine Zusatzbezeichnung Infektiologie erwerben sollten, konnte sich leider nicht durchsetzen.

Ich persönlich habe Fachärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie ausgebildet und diese ermuntert, eine  Facharztausbildung für Innere Medizin anzuschließen, so dass man auf diese Weise fundiert ausgebildete Infektiologen bekommt. Wer etwas von der Pathogenese von Infektionen und Mikrobiologie versteht, hat auch ein Grundverständnis für die Infektiologie. © KBr/aerzteblatt.de

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