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Politik

Rhön will ambulante Flächenversorgung in Marburg „übernehmen“

Freitag, 17. April 2015

Berlin – Die Rhön-Klinikum AG plant, den an ihrem Stammsitz Bad Neustadt einge­schlagenen Weg einer stärkeren Konzentration auf die ambulante Versorgung am Standort Marburg fortzusetzen. Das geht aus einem Protokoll des Medizininnovations- und Qualitätsausschusses des privaten Krankenhausträgers hervor, das dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt. „Die weitere Existenz von Marburg wird nur in der Schaffung ambu­lanter Strukturen mit dem Ziel, die ambulante Flächenversorgung weitgehend zu übernehmen oder mindestens zu steuern, gesehen“, heißt es darin. Das bedeute, dass sich die Universitätsklinik Marburg durch Ausbau ihrer ambulanten Versorgungs­strukturen an die Spitze setze und mittels Stützpunkten und telemedizinischen Verbundambulanzen neue Lösungen für das flache Land aufweise. 

„Dies kann nach Auffassung des Aufsichtsratsvorsitzenden mit einem rigorosen Ausbau der Poliklinik-/MVZ-Struktur mit Stiftungslehrstühlen geschehen“, heißt es weiter in dem Protokoll. „Damit würde die Ambulanz als Poliklinik oder MVZ in der Uniklinik einen völlig neuen Stand bekommen.“ Dem Aufsichtsrat sitzt Eugen Münch vor, der den Vorläufer der Rhön-Klinikum AG im Jahr 1973 übernommen hatte. Die Geschäftsführung wurde dem Protokoll zufolge damit beauftragt, ein Konzept für neue Strukturen der Ambulanz für den Standort Marburg zu erstellen und dieses „unter Vermeidung von Konsensstrategien mit den ewig Gestrigen umzusetzen“.

Münch will Hausarzt vor Ort überflüssig machen
Es gehöre zu den natürlichen Aufgaben des Medizininnovations- und Qualitätsaus­schusses, sich „offen, innovativ und ohne Denkverbote mit Perspektiven und Entwicklungen der Gesundheitsversorgung auseinanderzusetzen und das Ergebnis der Diskussion nach Möglichkeit für das Unternehmen fruchtbar zu machen“, erklärte die Rhön-Klinikum AG auf Anfrage.

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Dies betreffe beispielsweise auch die künftige medizinische Versorgung in eher ländlichen Regionen. Angesichts der herausragenden Stellung, die das Universitäts­klinikum Marburg unter den Kliniken des Unternehmens einnehme, liege es daher nahe, dass im Ausschuss auch Überlegungen zu etwaigen Perspektiven einer optimierten Gesundheitsversorgung in der Region Mittelhessen freimütig diskutiert würden. 

Im vergangenen Jahr hatte die Rhön-Klinikum AG 43 Kliniken und Medizinische Versorgungszentren an den Konkurrenten Fresenius verkauft. Das Geld aus diesem Verkauf wolle Münch nun für ein neues Projekt einsetzen, wie Münch vor kurzem auf dem Gesundheitskongress des Westens erklärt hatte: für den Ausbau und die Konzentration diagnostischer Zentren in Bad Neustadt. Leistungsstarke Computertomographen sollen Münch zufolge künftig einen Ganzkörperscan mit sämtlichen verfügbaren Gesundheitsdaten liefern. In der Region werde dies den Hausarzt vor Ort überflüssig machen.

Nach Verkauf von 43 Kliniken: Rhön erzielt Gewinn von 1,23 Milliarden Euro 
Angesichts der Präsentation des Jahresergebnisses 2014 erklärte der Vorstands­vorsitzende der Rhön-Klinikum AG, Martin Siebert, heute in Frankfurt am Main: „Organisches Wachstum, passende Akquisitionen bei entsprechender Opportunität sowie der entschlossene Ausbau der Netzwerkmedizin sind unsere Erfolgsgaranten für die Zukunft. Die Rhön-Klinikum AG wird auch und gerade in der neuen Konstellation und der Konzentration auf Innovation und Behandlungsexzellenz eine bedeutende Rolle in der deutschen Gesundheitswirtschaft spielen.“

Die Geschäftsentwicklung sei im Jahr 2014 stark von dem Verkauf der 43 Kliniken und Medizinischen Versorgungszentren beeinflusst worden, erklärte das Unternehmen. Der Umsatz belaufe sich vor diesem Hintergrund im vergangenen Geschäftsjahr auf 1,51 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) liegt dem Rhön-Klinikum zufolge durch den Erlös für die veräußerten Kliniken bei 1,41 Milliarden Euro. Der Konzerngewinn beträgt 1,23 Milliarden Euro.

„Unter Berücksichtigung der durch die Transaktion entstandenen Sondersituation mit ihren Belastungen ist das erzielte Ergebnis für das Jahr 2014 sehr zufriedenstellend“, betonte Siebert. Für 2015 rechnet das Unternehmen mit einem Umsatz von etwa 1,1 Milliarden Euro sowie einem Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) zwischen 145 und 155 Millionen Euro.

© fos/aerzteblatt.de

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Avatar #108046
Mathilda
am Dienstag, 21. April 2015, 09:48

Sehen wir es doch mal vom Patienten aus...

Was möchte ich, was brauche ich? Ich brauche einen Hausarzt bzw. eine hausärztliche Praxis in erreichbarer Nähe zu meinem Wohnort. Mit Öffnungszeiten, die es auch einem Berufstätigen möglich machen, mal dort zu erscheinen. Das hieße, täglich bis 18 Uhr, gerne auch mal bis 20 Uhr. Ob ich immer beim gleichen Arzt bin, ist mir egal. Entscheidender ist, dass dort immer ein Arzt ist und dass dieser auf meine Daten zugreifen kann. Wichtig ist mir natürlich auch, dass ich schnell einen Termin bekomme und dann nicht stundenlang im Wartezimmer sitzen muss. Separate Wartemöglichkeiten für Patienten mit ansteckenden Krankheiten wären optimal.
Wenn weitere Diagnostik notwendig ist, wäre es schön, wenn diese im Haus stattfindet und nicht in einer anderen Praxis, in der man sich erst einen Termin holen muss, dann erst hinfahren (wie weit?), wieder stundenlang warten. Die Ärzte, die die weitere Diagnostik erheben, sollten wieder Zugriff auf meine bisherigen Behandlungsdaten haben, so dass sie nicht auf meinen laienhaften Bericht angewiesen sind. Die Diagnostik sollte sofort für meinen behandelnden Arzt sichtbar sein, so dass in dringenden Fällen sofort eine entsprechende Anpassung der Behandlung erfolgen kann.
Gerne würde ich auch mit meinen Kindern diese hausärztliche Praxis besuchen. Ein entsprechender Arzt mit pädiatrischen Schwerpunkt wäre dafür schön. Alles Weitere oben Gesagte trifft dann natürlich auch für die Kinder zu.
Was bedeuten diese Patientenwünsche in der Praxis? Kein niedergelassener Hausarzt kann das leisten. Das können nur MVZ, die zwar ländlich, aber trotzdem zentral liegen. Da sind wir an den Vorstellungen von Rhön schon sehr nahe dran. Und glauben Sie nicht, dass das illusorische Idealvorstellungen sind. Sie und ich können heute bis 22 Uhr einkaufen, im Internet 24/7. Das ändert das Anspruchsniveau. Wenn mein Hausarzt genau 1 Tag in der Woche bis 18 Uhr auf hat, ich aber an genau diesem Wochentag selbst lange arbeiten muss. Oder kleine Kinder habe. Wann soll ich dann bitte zu meinem Arzt gehen? Extra einen Tag Urlaub nehmen dafür? Und diesen Tag dann 2, 3 Stunden im Wartezimmer verbringen, für 10 Minuten Arztkontakt? Entschuldigung, aber das akzeptiere ich einfach nicht mehr. Ich möchte meinen Arzttermin im Internet buchen. Ich erwarte, dass mein Arzt ein Terminmanagement hat.
Für mich als Patient hat die freie Niederlassung keinen besonderen Schutzstatus. Sie hat sich mit anderen Formen, wie MVZ, zu messen. Und wenn sie dabei verliert, dann stirbt sie eben aus. Ärzte, die gerne Teilzeit arbeiten wollen oder die sich nicht mit hunderttausenden Euro verschulden wollen sehen das sicher genauso.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 20. April 2015, 17:02

'Medizynisches' Versorgungsmonopol in der Fläche?

Nicht nur die europäische Kultur hat seit über zwei Jahrtausenden oft im Widerspruch zur Theologie versucht, den Traum vom individuellen, individualisierten, existenziellen Wohlbefinden bzw. A b w e s e n h e i t von Krankheit selbstbestimmt zu verwirklichen. Grundlagen dazu waren Erkenntnis, Wissen und Beherrschung der Naturgesetze, Physiologie, Biochemie, Genetik, Infektiologie und Propädeutik als Grundlagenforschung gewesen.

Das heutige Potential, Abweichungen zu erkennen, Krankheiten zu heilen, Leiden zu mindern und das Leben selbst zu beeinflussen, ist enorm. Der Mensch kann mittels medizinischem Erkenntnisfortschritt Kontrazeption, Konzeption, Reproduktion, Geburt, aber auch genetische, endogene, exogene, infektiologische, systemische und degenerative Dispositionen, Leiden und Erkrankungen bis hin zu Alterungsvorgängen beeinflussen oder gar manipulieren.

Zugleich naht damit das Ende der klassischen Medizin in Form der reinen Arzt-Patient-Interaktion. Technischer Fortschritt, geänderte Formen der Wissensbildung, gesellschaftlicher Wandel, medizinisch-technischer Komplex, EDV-Techniken, Arbeitsteilung und die zunehmende Vergesellschaftung bzw. Ökonomisierung haben Ärzte als wesentliche, zentrale Entscheidungsträger verdrängt und neue wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Akteure an die Macht gebracht.

Diese betrachteten erstmals in der Geschichte den Kranken als wirtschafts- und sozialpolitische, ökonomische Ressource: Gesundheit als Ware, Patient als Kunde, Arzt als Dienstleister. Weitgehend Medizin-bildungsferne Schichten übernehmen die überwiegend verwaltende Deutungshoheit über Gesundheit, Prävention, Krankheit und Zugang zu medizinischen Versorgungs-Dienstleistungen.

Besonders abschreckendes Beispiel von ebenso Medizin-bildungsfernem Dilettantismus wie zugleich entfesseltem Ökonomismus zeigen die Positionen von Eugen Münch, Ex-Vorstand und jetziger Aufsichtsratsvorsitzender der Rhön-Klinikum AG: Diese hatte 2014 "43 Kliniken und Medizinische Versorgungszentren an den Konkurrenten Fresenius verkauft. Das Geld aus diesem Verkauf wolle Münch nun für ein neues Projekt einsetzen, wie Münch vor kurzem auf dem Gesundheitskongress des Westens erklärt hatte: Für den Ausbau und die Konzentration diagnostischer Zentren in Bad Neustadt. Leistungsstarke Computertomographen sollen Münch zufolge künftig einen Ganzkörperscan mit sämtlichen verfügbaren Gesundheitsdaten liefern. In der Region werde dies den Hausarzt vor Ort überflüssig machen."

Die dahinter steckende Denkungsart und das Ziel einer markt- und meinungsbeherrschenden Medizinalindustrie wird im Protokoll der Rhön-Geschäftsführung deutlich. Diese wurde damit beauftragt, ein Konzept für neue Strukturen der Ambulanz für den Standort Marburg (Universitätsklinikum Gießen/Marburg - Eigentümer Rhön-Klinikum AG) zu erstellen und dieses „unter Vermeidung von Konsensstrategien mit den ewig Gestrigen umzusetzen“, wie es wörtlich heißt.

Damit sollen alle hausärztlichen Bemühungen für eine Wohnort nahe medizinische, bio-psycho-soziale Versorgungsrealität ad absurdum geführt und durch ein "Ganzkörperscan" substituiert werden?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #667496
Dr. T.F. Weigel
am Montag, 20. April 2015, 13:38

Innovation und Behandlungsexcellenz

Leider müssen wir solche Ideen, die von patientenfernen Theoretiker stammen, sehr ernst nehmen. Es ist ein Konglomerat aus Telemdizin, Teleradiologie, Innovation, Behandlungssexcellenz und weiteren tollen Worte, auf die auch Akteure mit Entschiedungskompetnz herein fallen. Hinzu kommt, dass gerade in dem konkreten Beispiel eine Region betroffen ist, in der es zu wenig Ärztinnen und Ärzte gibt, und daher solche grotesken Lösungsvorschläge hier und da auf fruchtbaren Boden fallen könnten. Nach dem Motto: " Lieber ein CT hier als gar nichts" Daher verdient dieses Vorhaben besondere Aufmerksamkeit. So oder so, sollten wir Ärzte und Ärztinnen immer wieder auf die erheblichen Risiken solcher Konstrukte hinweisen. Da ist es natürlich auch hilfreich sich nicht hinter der Anonymität zu verbergen.
Avatar #115916
WiseDoc/ii
am Montag, 20. April 2015, 00:24

Ganzkörperscan statt Hausarzt? Herr Münch tickt nicht ganz richtig!

Hat Herr Münch schon mal was von Strahlenschutzverordnung und Indikation zum Röntgen gehört? Scheinbar ist er einer, der sich jedes Jahr einem solchen Ganzkörperscan unterzieht, die in seinen Aussagen nachzulesenden Nebenwirkungen sprechen eindeutig dafür.

Was in Wikipedia als Kurzbio steht, spricht Bände:

"Münch erlernte den Beruf des Müllers; eine Mehlstauballergie führte jedoch dazu, dass er in diesem Beruf nicht arbeiten konnte. Mitte der 1960er-Jahre studierte er Betriebswirtschaftslehre und einige Semester Jura, nachdem er zunächst über den zweiten Bildungsweg das Abitur absolviert hatte. Anschließend arbeitete er für einen Steuerberater, der für eine Abschreibungsgesellschaft tätig war, die sich mit einer maroden Kurklinik im damaligen Zonenrandgebiet in Bad Neustadt an der Saale verspekuliert hatte, dem Haus drohte die Insolvenz. Münch erstellte eine detailliertes Konzept, um die Klinik zu sanieren."

http://de.wikipedia.org/wiki/Eugen_Münch

Der Herr Münch hat von Medizin KEINE Ahnung, nur von Kohle, wie man seinen spinnerten Gedanken anmerken muss.

Solche Leute müssen aus solchen Posten entfernt werden, bevor sie alles kapuut machen, was an Medizin in diesem Land noch funktioniert!
LNS

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