NewsAuslandGesundheit wird im britischen Wahlkampf zum Zankapfel
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ausland

Gesundheit wird im britischen Wahlkampf zum Zankapfel

Sonntag, 19. April 2015

London – Das einst als fortschrittlichstes aller Systeme gefeierte staatliche britische Gesundheitswesen NHS, das der gesamten Bevölkerung aus Steuermitteln eine konstante und qualitativ einwandfreie – vor allem aber weitgehend kostenlose – Versorgung bietet, ist in den letzen Jahren stark in die Kririk geraten.

Im Wahlkampf vor der Parlamentswahl am 7. Mai streiten sich die Parteien. Wie ist das britische Gesundheitssystem noch zu retten?  Der NHS ist nach Darstellung der Wahlforscher von der London School of Economics (LSE) inzwischen zum zweitheißesten Eisen im Wahlkampf nach der Wirtschaftslage geworden.

Anzeige

Wer die Wahl gewinnen will, muss eine Antwort auf die Probleme im Gesundheitswesen finden, glauben Politologen wie LSE-Professor Simon Hix. Nicht umsonst wurde es bei der jüngsten Fernsehdebatte der Parteiführer laut, als es um die Gesundheit ging. „Sie lügen!”, schrie Rechtspopulist Nigel Farage den kaum weniger aufgebrachten Labour-Chef Ed Miliband an.

Die Probleme in der Versorgung sind immens. Fast täglich berichten die britischen Zeitungen über Horrorszenarien aus Krankenhäusern. Menschen sterben in Rettungswagen, weil sie vor der Notaufnahme warten müssen; Kranke leiden, weil terminierte Behandlungen stundenlang nicht stattfinden; Termine für Standard­untersuchungen dauern Monate.

Hausarztpraxen als gefährlich eingestuft
Die Aufsichtsbehörden schlagen längst Alarm. Hausarztpraxen werden von offiziellen Prüfern als „gefährlich” eingestuft. Professor Steve Field, Chefinspekteur für Hausärzte bei der Kommission für die Qualität der Pflege (CQC), hält die Lage in 200 der 8.000 Praxen in England für so brisant, dass sie das Wohl der Patienten gefährden.

Fields Liste liest sich wie ein Gruselszenario: Falsche Medikamente werden verschrieben, Krebszeichen nicht rechtzeitig erkannt, deutlich zu viele Antibiotika verordnet. „Es ist nur eine vergleichsweise kleine Zahl von Praxen, aber sie können Hunderttausende Patienten gefährend”, sagt Field. 

Massive Strukturprobleme
Der NHS kämpft mit immensen Strukturproblemen. „Wir haben hier in Wales weniger Ärzte als in allen anderen EU-Ländern”, beklagt die Vorsitzende der walisischen Partei Plaid Cymru. In Großbritannien sterben pro Jahr 6.000 Kinder im Alter unter fünf Jahren – eine Rate, die um 25 Prozent über dem Europa-Durchschnitt liegt. Hoch entwickelte Länder wie Schweden, Deutschland und vor allem Island haben deutlich günstigere Statistiken vorzuweisen.

„Mit diesen Zahlen haben wir die Rote Laterne in der Tabelle Westeuropas”, sagt Ingrid Wolfe vom Royal College of Paediatrics. Im vergangenen Winter mussten mehr als 78 000 Krankenwagen länger als 30 Minuten vor Krankenhäusern warten, bis ihre Patienten aufgenommen wurden, ergab eine offizielle Statistik.

80 Prozent der krankenhäuser unterfinanziert
Die Probleme sind in der Politik erkannt – doch getan wird nicht allzu viel. Unter der konservativen Regierung von Premierminister David Cameron ging die Finanzierung immer weiter zurück. Im Januar kam es zur Rebellion der Krankenhäuser, von denen 80 Prozent unterfinanziert sind. Premierminister David Cameron will bis 2020 jährlich acht zusätzliche Milliarden ins System pumpen.

Labour-Chef Ed Miliband, der das für leere Versprechungen hält, will einen Pflege-Fonds mit jährlich 2,5 Milliarden Pfund (rund 3,5 Milliarden Euro) auflegen.

© dpa/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

28. Oktober 2020
Exeter – Die Sterberate von Patienten, die mit schweren Verläufen von COVID-19 im Krankenhaus behandelt werden müssen, ist seit der ersten Welle der Pandemie gesunken. Dies ist nach einer Analyse aus
Sterberate an COVID-19 altersbereinigt leicht gesunken
27. Oktober 2020
London – Der Anteil der Erwachsenen, die in einem Antikörperschnelltest positiv auf SARS-CoV-2 reagierten, war in drei Querschnittstudien, die 3 bis 6 Monate nach der ersten COVID-19-Welle in England
Schneller Rückgang der Seroprävalenz nach erster COVID-19-Welle in England
21. Oktober 2020
London – In Großbritannien sind innerhalb von 24 Stunden mehr als 21.000 Coronaneuinfektionen registriert worden. Damit steigt die Gesamtzahl der Ansteckungen nach Regierungsangaben von gestern auf
Mehr als 21.000 neue Coronainfektionen in Großbritannien
19. Oktober 2020
London – Drohnen sollen künftig Coronatests und Schutzausrüstungen zwischen Krankenhäusern in Großbritannien liefern. Das Projekt „Apian“ habe dafür die Genehmigung der britischen Raumfahrtbehörde
Drohnen sollen Kliniken in Großbritannien mit Coronatests versorgen
13. Oktober 2020
London – Berater der britischen Regierung haben bereits vor drei Wochen Premierminister Boris Johnson einen landesweiten Lockdown empfohlen. Das geht aus einem jetzt veröffentlichten Protokoll des
Mediziner halten Coronaregeln in England für unzureichend
7. Oktober 2020
London – Trotz steigender Infektionszahlen hat der britische Premierminister Boris Johnson seinen Umgang mit der Coronapandemie verteidigt. „Diese Regierung arbeitet Tag und Nacht daran, dieses Virus
Johnson verteidigt Coronapolitik und kündigt grüne Investitionen an
5. Oktober 2020
London – Bei der Zählung der SARS-CoV-2-Neuinfektionen in den vergangenen Tagen hat es der britischen Regierung zufolge Fehler gegeben. Die zuständige Regierungsbehörde meldete am vergangenen
LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER