NewsMedizinNeugeborene fühlen Schmerzen stärker als Erwachsene
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Neugeborene fühlen Schmerzen stärker als Erwachsene

Mittwoch, 22. April 2015

dpa

Oxford – Weniger als eine Woche alte Säuglinge zeigen in der funktionellen Kernspinresonanztomographie ähnliche Schmerzreaktionen wie Erwachsene. Ihre Schmerzschwelle war in der in eLife (2015; 4: e06356) publizierten Studie sogar viermal niedriger.

Die Forschung ging lange davon aus, dass Kinder in den ersten Lebensmonaten keine Schmerzen empfinden können, da ihr Gehirn dafür nicht weit genug ausgereift ist. Die beobachteten Reaktionen der Säuglinge auf Schmerzreize wurden als bedeutungslose „Reflexe“ interpretiert. Bis Ende der 1980er Jahre wurde bei chirurgischen Eingriffen an Säuglingen auf Schmerzmittel verzichtet.

Anzeige

Auch heute halten viele Intensivmediziner bei schmerzhaften Eingriffen eine Analgesie für entbehrlich. Sie betonen, dass für das Wohlbefinden der Säuglinge Kuscheln und Fütterung wichtiger seien als schmerzlindernde Medikamente. Zuckerwasser galt und gilt vielfach als das beste Mittel gegen schreiende Säuglinge oder wenn eine erhöhte Herzfrequenz andeutet, dass ihnen bestimmte Maßnahmen nicht behagen.

Da Schmerz nur schwer messbar ist und die Säuglinge nicht befragt werden können, ist es schwierig, ihre Schmerzen zu registrieren. Und die funktionelle Magnetresonanz­tomographie fMRT, die durch die Aktivierung bestimmter Zentren im Gehirn objektive Hinweise auf die Schmerzverarbeitung liefern kann, lässt sich schwer durchführen, da Kleinkinder in den engen Röhren in der Regel nicht ruhig liegen bleiben, was Voraussetzung für die Bildgebung ist.

Im den ersten Lebenstagen schlafen Säuglinge allerdings noch den größten Teil des Tages. Das Team um die Pädiaterin Rebeccah Slater von der Universität Oxford konnte jetzt zehn Säuglinge im Alter von einem bis sechs Tagen untersuchen, nachdem sie von ihren Müttern in den Schlaf gewiegt worden waren. Während sie auf dem Unter­suchungs­tisch lagen, „piekten“ die Untersucher die Ferse der Kinder sanft mit einer Feder (Kraft bis zu 128 mN), wodurch im Gehirn der weiterhin schlafenden Kinder 18 von 20 Hirnareale aktiviert wurden, die auch bei Erwachsenen auf eine Kraft von bis zu 521 mN reagierten. Die Intensität der Hirnsignale war bei Säuglingen und Erwachsenen gleich stark, obwohl die Stimuli bei den Säuglingen viermal geringer war.

Es gab zwar Unterschiede in den Aktivitätsmustern, die laut Slater vermuten lassen, dass die Säuglinge anders auf Schmerz reagieren. Richtig sei auch, dass einige Leitungsbahnen, die an der Schmerzwahrnehmung beteiligt sind, noch nicht angelegt seien. Dass die Säuglinge aber gar keine Schmerzen empfinden, könnte aufgrund der Ergebnisse nicht länger behauptet werden.

© rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

1. April 2020
Frankfurt – Steht der aktive Sport im Mittelpunkt des Berufslebens oder der Ausbildung, sind Schmerzen häufig ein ständiger Begleiter. Dies zeigt eine Studie, die an der Goethe-Universität Frankfurt
Viele Sportler leben mit Dauerschmerz
11. März 2020
Berlin – Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS), Johannes Horlemann, hat Schmerzmediziner dazu aufgerufen, auch im Rentenalter zu arbeiten, um die Versorgung ihrer Patienten
Schmerzmediziner sollten laut Fachgesellschaft im Rentenalter weiterarbeiten
3. März 2020
Düsseldorf – Mehr als jede fünfte Frau und mehr als jeder sechste Mann in Nordrhein-Westfalen leidet laut einer Befragung unter starken oder sogar sehr starken Schmerzen. Das geht aus einem Bericht
Mehr als jeder Sechste klagt über starke Schmerzen
2. März 2020
Köln – Rund die Hälfte der Schmerzpatienten in Deutschland benötigt derzeit mehr als eine Stunde, um das behandelnde Schmerzzentrum zu erreichen. Darauf hat heute die Deutsche Gesellschaft für
Jeder zweite Schmerzpatient braucht mehr als eine Stunde zum Schmerzzentrum
4. Februar 2020
Berlin – Eine Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat die S1-Leitlinie „Diagnostik und Differenzialdiagnose bei Myalgien“ vollständig überarbeitet. Die neue Leitlinie ist bis
Leitlinie zur Diagnostik und Differenzialdiagnose bei Myalgien aktualisiert
15. Januar 2020
Berlin – Deutschland hat viele Schmerzpatienten, aber zu wenig Schmerzmediziner. Um die flächendeckende Versorgung dieser Patienten sicherzustellen, sei „eine rechtssichere Bedarfsplanung in der
Schmerzmediziner rufen nach Berücksichtigung in der Bedarfsplanung
20. Dezember 2019
Berlin – Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) will sich mit Konzepten zum Akutschmerzmanagement befassen. Das hat das Gremium gestern auf Antrag der Patientenvertretung entschieden. Ziel sei es, ein
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER