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Politik

Ebola-Konferenz fordert schnellere Hilfe, mehr Forschung und Ausbau lokaler Gesundheitssysteme

Mittwoch, 22. April 2015

Tankred Stöbe /dpa

Berlin – Angesichts der Ebola-Epidemie in Liberia, Sierra Leone und Guinea haben Hilfsorganisationen sowie  Vertreter der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) und der betroffenen Staaten gestern in Berlin ein effektiveres Hilfesystem, den Auf- und Ausbau der Gesundheitssysteme in den betroffenen Ländern sowie einen öffentlichen Forschungs­fonds gegen vernachlässigte Krankheiten gefordert. Bei der Schaffung eines solchen Fonds seien auch die G7-Staaten in der Pflicht, die am 7. und 8. Juni unter deutscher Präsidentschaft auf Schloss Elmau in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen zusammenkommen.

„Ebola ist nicht zu Ende, solange es keine Medikamente und Impfstoffe dagegen gibt“, sagte der Präsident von Ärzte ohne Grenzen (MSF) Deutsch­land, Tankred Stöbe, zum Auftakt der Ebola-Konferenz seiner Organisation, bei der es in erster Linie darum ging, Lehren aus der unzureichenden Antwort der internationalen Gemeinschaft auf die Epidemie zu ziehen.

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Die Krise wurde lange unterschätzt
Mit mehr als 25.000 Infizierten und 10.000 Toten ist der aktuelle Ebola-Ausbruch der bisher schwerste. „Ein solches Ausmaß hat die Welt noch nicht gesehen“, erklärte Stöbe. „Die nationalen und internationalen Helfer haben ein erbarmungslos brutales Sterben begleiten müssen.“ 500 Ärzte und Pflegekräfte haben sich dabei in den drei Ländern selbst mit dem Virus infiziert und sind gestorben, darunter 14 Mitarbeiter von MSF. „Das haben wir so noch nicht erlebt“, sagte Stöbe.

Dass die Epidemie einen derart dramatischen Verlauf nehmen konnte, lag nach Ansicht von MSF-Geschäftsführer Florian Westphal unter anderem daran, dass es nicht genügend einsatzbereites Personal gab und die Krise lange Zeit unterschätzt wurde. „Wir galten als Alarmisten, als wir im Frühsommer 2014 vor einer Ausbreitung der Erkrankung warnten“, erklärte Meinie Nicolai von MSF Belgien. Die Weltgemeinschaft sei erst im August wachgerüttelt worden, als Ebola mit einem Reisenden in den USA angekommen sei. „Das ist zynisch“, kritisierte die Krankenschwester.

Ein funktionsfähiges Gesundheitswesen ist die beste Versicherung
Dass es von Dezember 2013 bis März 2014 gedauert hat, bis die Epidemie erkannt wurde, lag nach Einschätzung des Ebola-Koordinators im liberianischen Gesundheits­ministerium, Moses Massaquoi, auch daran, dass die Erkrankung in seinem Land bis dahin völlig unbekannt war. Das ohnehin fragile und unterfinanzierte Gesundheitssystem Liberias sei mit dem Ausbruch völlig überfordert gewesen, und internationale Hilfe habe sich lange Zeit auf Besuche und Diskussionsrunden beschränkt.

Als Konsequenz der Ebola-Epidemie forderte er jetzt in Berlin einen Auf- und Ausbau des liberianischen Gesundheitssystems. „Denn ein funktionsfähiges Gesundheitswesen ist die beste Versicherung gegen neue Epidemien“, sagte Massaquoi. „Dafür benötigen wir allerdings die Hilfe unserer internationalen Partner.“ Mit rund 1,2 Milliarden Euro bezifferte er die Kosten.

Ganz oben auf der Tagesordnung seines Ministeriums stehe zudem eine Verbesserung der grenzüberschreitenden gesundheitspolitischen Zusammenarbeit mit Guinea und Sierra Leone, an der es beim jüngsten Ebola-Ausbruch gemangelt habe. Außerdem sollen ein Public-Health-Insitut und eigene Laborkapazitäten geschaffen werden. Die WHO plant nach Auskunft ihres Ebola-Beauftragten für Sierra Leone, Olushayo Olu, den Aufbau eines afrikanischen „Rapid Response Teams“, um mit der jüngst erworbenen Erfahrung auf vergleichbare Epidemien schnell reagieren zu können. Er appellierte zudem an die betroffenen Staaten, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. „Sonst kommen wir nicht weiter“, so Olu.

Die meisten Impfstoffprojekte werden im Rahmen einer Public-Private-Partnership vorangetrieben

Über die Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung gegen Ebola informierte ebenfalls gestern in Berlin der Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa). Sehe man sich die Projektlisten für Ebola-Impfstoffe an, falle auf, dass praktisch jedes Impfstoffprojekt im Rahmen einer Public-Private-Partnership vorangetrieben werde, erklärte vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer. „Da arbeiten staatliche Einrichtungen in den USA und Kanada mit Pharma- und Biotech-Unternehmen in Partnerschaften zusammen, die wiederum bei der Erprobung der Impfstoffe mit Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen und Universitätskliniken in Hamburg, Marburg und Tübingen kooperieren.“

Auch die Zulassungsbehörden wie das für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut seien wesentlich involviert, da Studienanträge weitaus rascher bearbeitet werden müssten, als das im Normalfall möglich sei. „Diese enge und im Angesicht der Krise noch intensivierte Zusammenarbeit sehr unterschiedlicher Partner finde ich schon jetzt bemerkenswert, auch wenn die Früchte dieser Arbeit erst noch reifen müssen“, sagte Fischer.

Eine große Public-Private-Partnership ist das im November 2014 gegründete Förderprogramm Ebola+, das im Rahmen der „Innovative Medicines Initiative“ (IMI) zwischen der Europäischen Kommission und der europäischen Pharmaindustrie aufgelegt und mit 280 Millionen Euro ausgestattet wurde. „Bei IMI Ebola+ werden derzeit unter anderem in drei Projekten Ebola-Impfstoffe und in ebenfalls drei Projekten Schnell-Tests entwickelt“, berichtete der Geschäftsführer Forschung/Entwicklung/Innovation des vfa, Siegfried Throm. Insgesamt würden zwei Impfstoffe gegen Ebola in Phase-III-Studien getestet, drei in Phase-I-Studien, 14 weitere seien in präklinischer Entwicklung. /fos

Ziel müsse es sein, bei künftigen Katastrophen schneller Personal, Material und finanzielle Mittel zu mobilisieren, bekräftigte auch der Ebola-Beauftragte der Bundesregierung, Walter Lindner. „Das wird zurzeit in verschiedenen Panels erörtert.“ Unter anderem gelte es, vorhandene Datenbanken, die qualifizierte Helfer verzeichnen, auf europäischer Ebene besser zusammenzuführen. Ähnlich wie Massaquoi hält auch Linder den Aufbau der afrikanischen Gesundheitssysteme für eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft. Dass im Juni „erstmals in der Geschichte der G7“ das Thema internationale Gesundheit auf deren Agenda stehe, bringe sicherlich einen Ball ins Rollen.

Forschung am Bedarf der Patienten orientieren, nicht an deren Geldbeutel
Zurzeit laufen in Guinea, Sierra Leone und Liberia Impfstoff- und Medikamentenstudien, an denen auch MSF beteiligt ist. Ein großer Teil der Forschungsförderung stammt aus öffentlichen Mitteln. „Ebola ist ein klassischer Fall von Marktversagen“, erklärte dazu Katy Athersuch von der MSF-Medikamentenkampagne. „Wir tun zu wenig zu spät.“ Die Politik müsse dafür sorgen, dass sich Forschung und Entwicklung von Medikamenten am Bedarf der Patienten orientierten und nicht an den kommerziellen Interessen der Pharmaunternehmen.

Für lebenswichtige, aber kommerziell wenig interessante Medikamente, Diagnostika und Impfstoffe werden nach Ansicht von Ärzte ohne Grenzen mehr öffentliche Fördermittel und Forschungspartnerschaften benötigt. Das gelte nicht nur für Ebola, sondern auch für Krankheiten wie Tuberkulose, an der jedes Jahr 1,5 Millionen Menschen sterben würden. Ärzte ohne Grenzen setzt sich im Rahmen seiner Medikamentenkampagne seit 1999 für den Zugang zu lebensnotwendigen Arzneimitteln in ärmeren Ländern ein.

© HK/aerzteblatt.de

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