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Ärzteschaft

Scharfe Kritik an Rhön-Plänen zur ambulanten Versorgung

Donnerstag, 23. April 2015

Gießen – Die Ärztekammer Hessen hat die bekanntgewordenen Pläne der privatisierten Universitätsklinik Gießen-Marburg, die „ambulante Flächenversorgung weitgehend zu übernehmen oder mindestens zu steuern“ scharf kritisiert. „Mit diesen Plänen gefährdet die Rhön-Uniklinik die bisherige Kooperation der niedergelassenen Ärzte mit der Klinik“, sagte der Kammerpräsident Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach. Er betonte, Stadt und Kreis Marburg verfügten über eine gute ärztliche Versorgung auf der Basis einer persön­lichen Arzt-Patienten-Beziehung.

Dem Deutschen Ärzteblatt liegt ein internes Papier der Uniklinik vor, indem es heißt, die Pläne zur Übernahme der ambulanten Versorgung seien „zügig unter Vermeidung von Konsensstrategien mit den Ewiggestrigen umzusetzen“. Ob Patienten ihre persönliche Beziehung zu vermeintlich „Ewiggestrigen“ zugunsten einer Behandlung durch ständig wechselnde Ärzte in quasi industrialisierten Medizinischen Versorgungszentren aufgeben wollen, sei mehr als zweifelhaft, kommentierte von Knoblauch zu Hatzbach die Pläne des Rhön-Konzerns.

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Niedergelassene Ärzte wie der Marburger Internist Jürgen Diedrich kritisieren die Pläne ebenfalls. Ein Arzt, der im Angestelltenverhältnis des Rhön-Klinikums arbeitet, habe am Ende die Vorgabe, „ein gutes wirtschaftliches Ergebnis zu erzielen“, sagt er auf der Internetseite der Nachrichtensendung „Hessenschau“. Er warnt, das könne sich negativ auf die Beratung der Patienten auswirken. © hil/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Mittwoch, 29. April 2015, 19:58

Wir dummen Schafe...

...leisten das doch schon selber. Oder wie sonst soll man den Umstand bezeichnen, dass wir Vertragsärzte uns verpflichtet haben, vor einer Krankenhauseinweisung alle ambulant möglichen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen umfassend durchzuführen und praktisch vorselektierte Patienten zur stationären Behandlung "anbieten" - aus denen sich der Klinikbetreiber via Warteliste die ihm genehmen herauspickt.
Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Montag, 27. April 2015, 00:48

„Die schöne Neue Welt“ des Herrn Eugen Münch

Die Pläne von Herrn Münch, im ambulanten Sektor aktiv zu werden, haben hier schon eine Reihe von Diskussionen verursacht. Er ist gewiß kein Sympathieträger, er ist kein Arzt und auch kein Moralist, sondern er ist ein knallharter Geschäftsmann. Und zwar ein Geschäftsmann, der sich in einem harten Umfeld über Jahrzehnte erfolgreich durchgesetzt hat. Es ist legitim ihn nicht zu mögen, verkörpert er doch in seiner Person vieles von dem, was uns an der heutigen Zeit nicht gefällt. Aber es wäre ein gewaltiger Fehler ihn zu unterschätzen und einfach auf sein Scheitern zu hoffen.

Der Rest von Rhön ist kein harmonisches Ganzes, wenige große Standorte quer über Deutschland verstreut, dazu das chronisch defizitäre Uniklinikum in Marburg/Gießen. Die Übernahme dieses Uniklinikums war nicht unumstritten, deshalb ist es um so logischer, dass dass Herr Münch es als sein Lebenswerk betrachtet zu beweisen, dass der Rest von Rhön nicht nur eine Resterampe darstellt, und dass man selbst mit einem Uniklinikum Gewinne erwirtschaften kann.

Herr Münch hatte schon etliche Jahre Zeit, das Uniklinikum Marburg/Gießen profitabel zu machen und ist dabei an seine Grenzen gestoßen. Wie als kann seine Geschäftsidee aussehen? Wie kann man in einem Uniklinikum Gewinne erwirtschaften? Das DRG-System sorgt dafür, dass „unwirtschaftliche“ Patienten meist an Unikliniken abgeschoben werden bzw. die extrem multimorbiden Patienten an einem Uniklinikum durch das DRG-System schlecht abgebildet werden. Und die KV’en lassen durch die Pauschalen für ambulante Fälle die Uniklinikambulanzen am langen Arm verhungern.

Wenn das Wirtschaftlichkeitsproblem nicht IM Uniklinikum gelöst werden kann, dann muß es halt VOR der Einweisung in das Klinikum gelöst werden! Angenommen, man hat Zugriff auf alle Patientendaten, und weiter angenommen, man hat eine „intelligente“ Software, die bereits VOR der Einweisung abschätzen kann, ob ein Patient profitabel ist und die außerdem noch empfehlen kann, welche Prozeduren ausgelagert werden müssten, um den Klinikaufenthalt zu entlasten, die außerdem anhand der Nebendiagnosen den Schweregrad kalkulieren und damit den optimalen Einweisungszeitpunkt kalkulieren kann, ja dann wäre das DRG-System selbst für Unikliniken kein Problem mehr, denn dann könnten die Patienten für das Krankenhaus optimiert bzw. „getunt“ werden. Ein „wirtschaftlicher“ Patient sollte gerade die Mindestanforderungen der DRG’s erfüllen. Alles was an Kosten darüber hinaus geht, sollte nach Möglichkeit auf den ambulanten Sektor verlagert werden. Aus diesem Grund strebt Herr Münch auch in den ambulanten Sektor, damit er die Kosten, die sonst im Krankenhaus anfallen, möglichst dem ambulanten KV-System aufbürden kann. Die privaten Krankenhausbetreiber wurden oft dafür gescholten, dass sie „Rosinenpickerei“ betreiben, viel eleganter ist natürlich die Variante, die Patienten vorher so zu „tunen“, dass man mit ihnen immer Geld verdient und nicht mehr so streng selektieren muß. Und wenn ein Patient trotz allen „Tunings“ immer noch unprofitabel ist, dann wird er halt in das Krankenhaus der Konkurrenz eingewiesen, und die darf sich dann die Schelte bei Verweigerung der Aufnahme anhören.

In diesem Zusammenhang ergibt auch die Kampagne gegen die Hausärzte einen Sinn: Die Hausärzte sind die Lotsen im System, sie haben den Begriff „Budgetverantwortung“ viel zu sehr verinnerlicht, um sich von Herrn Münch vereinnahmen zu lassen. Um seine Ziele zu erreichen, muß Herr Münch also die Hausärzte ihrer LOTSENFUNKTION im System berauben. Rhön hat nach den Verkauf des Großteils seiner Kliniken eine gutgefüllte Kriegskasse, die KV wird es wahrscheinlich nicht verhindern können, dass sich Rhön in bestehende MVZ’s einkauft.

Zu einer guten Geschäftsidee gehört natürlich auch eine wirksame Imagekampagne, und in bester Orwell’scher Manier müssen die Kröten, die für die Anderen bestimmt sind, als Delikatessen angepriesen werden. Wenn der Hausarzt als Lotse entmachtet ist, bekommt ein Gesundheitsökonom (ohne die moralische Bürde des Hippokratischen Eids) eine zusätzliche EDV-Schulung und wird zum „Disease Manager“ ernannt. Dazu wird noch eine 24/7 Verfügbarkeit eines Planungsassistenten in einem Call center für die ältere analoge Generation ermöglicht. Für die Generation Facebook könnte es gleich die Seite „Disease book“ oder die „Rhön-App“ fürs Smartphone sein. Wozu viel Zeit für das Erheben einer Anamnese vergeuden, wenn man diese Arbeit an die Patienten delegieren kann? Um die Patienten zusätzlich an sich zu binden, werden Sprechstunden nach Feierabend angeboten. Damit die niedergelassenen Fachärzte im MVZ nicht zum Flaschenhals werden, müssen die Assistenzärzte aus der Uniklinik abends Überstunden machen. Und die Sonderaktion zur Ausbeutung der Assistenten wird in der Öffentlichkeit als „Ausbildungsoffensive“ für zukünftige Fachärzte angepriesen. Um die Auslastung der diagnostischen Zentren zu verbessern, gibt es gleich den CT-gestützten Ganzkörperscan. Und wenn die Assistenten CT-Bilder hochhalten, fällt es dem Patienten gar nicht auf, dass der Facharztstandard gerade den Bach runter geht. Und falls es jemandem auffällt, dass hier jemand brisante gesundheitsbezogene Daten massiv miteinander vernetzt, dann ist dies die „integrierte Sektorübergreifende Versorgung“. Und wen interessiert schon Datenschutz, es könnte ja sein, dass irgendwo Schlagworte wie „Depression“, „Suizid“ oder „geplanter Amoklauf“ auftauchen. Und all diejenigen, die beim Datenstriptease mitmachen, indem sie täglich ihren Blutdruck in ihre „Rhön-App“ einspeisen und ihre Herzfrequenz über ihr Fitneßarmband überwachen lassen, werden damit gelockt, dass die App bei einem Herzinfarkt gleich den Notarzt ruft. Pech nur, wenn es gar kein Herzinfarkt ist, sondern eine kardiale Stresssituation unter Viagra, und der Notarzt zur falschen Zeit am falschen Ort auftaucht.

Ich kenne nicht die Gedanken von Herrn Münch. Alles was hier geschrieben steht, sind Mutmaßungen, und ich würde mich freuen, wenn ich mich irre. Wenn aber jemand bei der hier vorgestellten „schönen neuen Medizinwelt“ einen faden Beigeschmack verspürt, so ist dies durchaus beabsichtigt. Die hier gezeigte Geschäftsidee hat Schwachpunkte, erstens könnten Datenschützer einige Auswüchse begrenzen, zweitens gibt es den Flaschenhals an ärztlicher Kompetenz zur „besten Kundenzeit“, und hier könnte der Marburger Bund aktiv werden. Und wenn der Geschäftsführer eines MVZ Druck auf seine Ärzte ausübt Patienten zu tunen oder bei einer Einweisung zu selektieren, dann wäre es ein Fall für den neuen Strafbestand Korruption im Gesundheitswesen. Vorausgesetzt, es gibt jemanden, der Rhön genau auf die Finger schaut.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 25. April 2015, 17:34

"Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos" (Alexander Kluge, 1968)

Die "Allmachtsfantasien von Herrn Münch" (Prima-Vorsitzender Dr. Hartmut Hesse - Zusammenschluss von 270 Ärzten im Raum Marburg), dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Rhön Klinikum AG, sind Beispiele eines ebenso Medizin-bildungsfernen wie entfesselten Medizin-ökonomischen Dilettantismus. Sie zeigen das wahre Gesicht des Ex-Vorstandes und jetzigen Aufsichtsratsvorsitzender der Rhön-Klinikum AG. Dieser hatte 2014 allein 43 Kliniken und Medizinische Versorgungszentren an den Konkurrenten Fresenius verkauft.

Das Geld aus diesem Verkauf sollte für ein neues Projekt eingesetzt werden, wie Münch vor kurzem auf dem Gesundheitskongress des Westens erläutert hatte: Für den Ausbau und die Konzentration diagnostischer Zentren in Bad Neustadt und in Marburg bzw. die regionale Monopolstellung im stationären u n d ambulanten Bereich. "Leistungsstarke Computertomographen sollten Münch zufolge künftig einen Ganzkörper-Scan mit sämtlichen verfügbaren Gesundheitsdaten liefern. In der Region werde dies den Hausarzt vor Ort überflüssig machen." (http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/62524)

In einem Protokoll wurde die Rhön-Geschäftsführung damit beauftragt, ein Konzept für neue Strukturen der Ambulanz für den Standort Marburg (Universitätsklinikum Gießen/Marburg - UKGM - Eigentümer Rhön-Klinikum AG) zu erstellen und dieses bezeichnenderweise "unter Vermeidung von Konsensstrategien mit den ewig Gestrigen umzusetzen", wie es wörtlich hieß.

Sollen damit alle hausärztlichen Bemühungen zum Erhalt einer wohnortnahen medizinischen, bio-psycho-sozialen Versorgungsrealität ad absurdum geführt und durch ein "Ganzkörperscan" ersetzt werden? Dabei geht es m. E. nicht mehr um eine humane Medizin, sondern um profitorientierte und -optimierte Kapitalverwertungsinteressen.

Und das, obwohl bekanntermaßen über 90 Prozent aller Beratungsanlässe innerhalb der ambulanten Haus- und Facharzt-Praxis mit den einfachen Mitteln und Methoden von Anamnese, Untersuchung, Diagnose, Beratung bzw. Therapie abschließend behandelt werden können. Der Leitsatz, dass praktisch alle übertragbaren und nicht-übertragbaren Krankheiten ("communicable and non-communicable diseases") in ihren frühen symptomatischen Phasen p r ä k l i s c h durch erweiterte radiologische Diagnoseverfahren überhaupt nicht detektiert werden können, sondern eher der interaktiven Wahrnehmung, Inspektion, Palpation, Auskultation bedürfen, ist ganz offensichtlich bei den Spitzen der Rhön Klinikum AG noch gar nicht angekommen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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