NewsÄrzteschaft„Bewährtes kombiniert mit aktuellen Erkenntnissen der medizinisch-wissenschaft­lichen Forschung“
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Ärzteschaft

„Bewährtes kombiniert mit aktuellen Erkenntnissen der medizinisch-wissenschaft­lichen Forschung“

Montag, 6. Juli 2015

Berlin ­– Der Wissenschaftliche Beirat der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hat die Richtlinie zur Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls überarbeitet. BÄK-Präsident Frank Ulrich Montgomery erläutert unter anderem die Qualifikationsanforderungen an die diagnostizierenden Ärzte.

5 Fragen an Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer

DÄ: Herr Prof. Montgomery, warum wurde die Vierte Fortschreibung zur Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls erforderlich? Wo wurde Überarbeitungsbedarf gesehen?
Montgomery: Die Vierte Fortschreibung der Richtlinie kombiniert Bekanntes und Bewährtes mit aktuellen Erkenntnissen der medizinisch-wissenschaftlichen Forschung sowie der klinisch-praktischen Tätigkeit. Dabei möchte ich unterstreichen, dass die Grundlagen der Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls seit mehr als 30 Jahren unverändert sind. Im Ergebnis einer strukturierten Befragung der Fachkreise zum Novellierungsbedarf wurde bestätigt, dass der irreversible Hirnfunktionsausfall und somit der Tod nach den Maßgaben der Richtlinie sicher und unzweifelhaft diagnostiziert werden kann. Überarbeitungsbedarf wurde insbesondere bezüglich neuer apparativer Methoden für den Nachweis des zerebralen Zirkulationsstillstandes, der neuropädiatrischen einschließlich neonatologischen Besonderheiten der Diagnostik und der ärztlichen Qualifikation gesehen. Darüber hinaus wurde der Richtlinientext im Interesse der Anwenderfreundlichkeit redaktionell überarbeitet und um einen ausführlichen Begründungstext ergänzt, um den Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft nachvollziehbar darzulegen.

DÄ: Was sind die Voraussetzungen für die Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls?
Montgomery: Die Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls erfolgt wie bisher nach einem dreistufigen Schema. Voraussetzung für die Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls ist der zweifelsfreie Nachweis einer akuten schweren primären oder sekundären Hirnschädigung sowie der Ausschluss reversibler Ursachen. Wenn der zweifelsfreie Nachweis einer akuten schweren primären oder sekundären Hirnschädigung erfolgt ist und alle anderen Ursachen ausgeschlossen wurden, müssen in einem zweiten Schritt alle geforderten klinischen Ausfallsymptome, also Bewusstlosigkeit, Hirnstamm-Areflexie und Atemstillstand, nachgewiesen werden. Danach muss abschließend die Irreversibilität der klinischen Ausfallsymptome durch die klinischen Verlaufsuntersuchungen nach den vorgesehenen Wartezeiten oder durch ergänzende Untersuchungen bestätigt werden. Auf diesem Vorgehen beruht die Sicherheit der Todesfeststellung.

DÄ: Welche Anforderungen werden an die ärztlichen Qualifikationen gestellt?
Montgomery: Die den irreversiblen Hirnfunktionsausfall feststellenden und dokumentierenden Ärzte müssen wie bisher über eine mehrjährige Erfahrung in der Intensivbehandlung von Patienten mit akuten schweren Hirnschädigungen verfügen. Diese Regelung, durch die die Basis der praktischen Erfahrung in der Diagnostik sichergestellt werden soll, wurde mit der Vierten Fortschreibung formal und inhaltlich präzisiert.

So müssen die den irreversiblen Hirnfunktionsausfall feststellenden und dokumentierenden Ärzte Fachärzte sein und die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten aufweisen, um die Indikation zur Diagnostik eines irreversiblen Hirnfunktionsausfalls zu prüfen, die klinischen Untersuchungen durchzuführen und die angewandte apparative Zusatzdiagnostik im Kontext der diagnostischen Maßnahmen beurteilen zu können. Darüber hinaus muss mindestens einer der den irreversiblen Hirnfunktionsausfall feststellenden und dokumentierenden Ärzte Facharzt für Neurologie oder Neurochirurgie sein. Die richtliniengemäße ärztliche Qualifikation ist auf dem Protokollbogen zu bestätigen. Auch die Anforderungen an die Qualifikation der die ergänzenden Zusatzuntersuchungen erbringenden Ärzte wurden präzisiert.

DÄ: Warum wird in der Richtlinie nicht mehr vom Hirntod, sondern vom irreversiblen Hirnfunktionsausfall beziehungsweise vom Tod des Menschen gesprochen?
Montgomery: Der umgangssprachliche Begriff „Hirntod“ hat zu Missverständnissen geführt. Mir ist daher die sprachliche Klarstellung der begrifflichen Bezüge sehr wichtig: Mit der Feststellung des endgültigen, nicht behebbaren Ausfalls der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms ist naturwissenschaftlich-medizinisch der Tod des Menschen festgestellt. Das unwiderrufliche Erlöschen der Gehirnfunktion wird entweder durch die in der Richtlinie dargestellten Verfahrensregeln oder durch das Vorliegen anderer sicherer Todeszeichen, wie Totenflecke oder Leichenstarre, nachgewiesen. Liegt ein anderes sicheres Todeszeichen vor, so ist damit auch der irreversible Hirnfunktionsausfall eingetreten und nachgewiesen. In diesem Sinne werden in der Vierten Fortschreibung der Richtlinie durchgehend die naturwissenschaftlich-medizinisch korrekten Bezeichnungen verwendet.

DÄ: Dient die Richtliniennovelle auch dazu, wieder mehr Vertrauen in die Transplantationsmedizin zu schaffen?
Montgomery: Die Frage nach dem eingetretenen irreversiblen Hirnfunktionsausfall stellt sich insbesondere in der Intensivmedizin. Hier ist die Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls ein unverzichtbares Instrument der Prognoseeinschätzung für weitere Therapieentscheidungen, unabhängig von der Frage einer Organ- oder Gewebespende. Ich möchte an dieser Stelle unterstreichen, dass die Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls nicht für, sondern gegebenenfalls vor Organ- oder Gewebespenden erfolgt. Es ist davon auszugehen, dass in Deutschland nur etwa jede zweite Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls im Kontext einer postmortalen Spende erfolgt.

Die vorliegende Vierte Fortschreibung mit ihrem ausführlichen Begründungstext richtet sich nicht nur an Ärzte, sondern an alle an diesem Thema Interessierten. Unser Ziel ist es, das Vertrauen in die richtlinienkonform durchgeführte Todesfeststellung weiter zu stärken. Dazu müssen wir Ärzte auf verständliche und nachvollziehbare Weise erklären, was der irreversible Hirnfunktionsausfall bedeutet, um möglichen Unsicherheiten und Ängsten in diesem sensiblen Bereich der Intensivmedizin entgegenzutreten. Wer die Bedeutung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls als sicheres Todeszeichen versteht, kann seine Entscheidung zur Organ- oder Gewebespende dann informiert treffen. © Kli/aerzteblatt.de

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