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Politik

Verteidigung fordert Freispruch für Göttinger Transplantationsarzt

Mittwoch, 29. April 2015

Göttingen – Im Prozess gegen einen Lebertransplantationschirurgen, der wegen versuchten Totschlags und Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt ist, hat die Verteidigung vor der VI. Großen Strafkammer des Landgerichts Göttingen Freispruch für den angeklagten Arzt gefordert. Der Arzt war an der Göttinger Universitäts­medizin (UMG) zwischen 2008 und 2011 verantwortlich für das Transplantationsprogramm. Es gebe „keine tragfähigen Beweise” für die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, sagte Rechtsanwalt Steffen Stern heute in Göttingen. Der Angeklagte habe sich in keiner Form schuldig gemacht. Er verlange deshalb auch eine Entschädigung für die elfmonatige Untersuchungshaft.

Die Staatsanwaltschaft hatte am Montag für den Chirurgen acht Jahre Haft und ein Berufsverbot gefordert. Sie hält den inzwischen 47jährigen Mediziner des versuchten Totschlags in elf und der Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen für schuldig. Er soll seinen Patienten durch manipulierte medizinische Daten vorzeitig zu Spenderorganen verholfen und damit den Tod anderer schwer kranker Patienten in Kauf genommen haben.

Außerdem habe er drei Menschen ohne medizinische Indikation Lebern verpflanzt. Diese Patienten waren später gestorben, sie wurden als so genannte „Indikationsfälle“ vor Gericht verhandelt.

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Die Verteidiger warfen Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff vor, das Ergebnis der Beweisaufnahme verzerrt dargestellt und alle entlastenden Aussagen und Gutachten außer Acht gelassen zu haben. Der Arzt habe sich nichts zuschulden kommen lassen, sagte Stern. Zudem gebe es nach wie vor keine rechtliche Grundlage für die Anklage.

Der Verteidiger erinnerte daran, dass dem Arzt ursprünglich Korruption vorgeworfen worden war, weshalb der Fall bei der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsdelikte in Braunschweig landete. Doch die Staatsanwaltschaft habe sich in einer Art „Wagenburg-Mentalität“ verrannt. Beweise für Manipulationen des Arztes gebe es jedenfalls nicht. Indem sie anderes behaupte, zeichne die Staatsanwaltschaft „ein Zerrbild der Beweisaufnahme“.

Dass dem Arzt zur Last gelegt wird, auch alkoholkranken Patienten Lebern übertragen zu haben, obwohl diese noch keine sechs Monate abstinent waren, wie es eine Richtlinie der Bundes­ärzte­kammer verlangt, erzürnt den Anwalt besonders. Die Bundesärzte­kammer habe nicht die Kompetenz, ein bestimme Patientengruppe von Transplan­tationen auszuschließen, sagte Stern.

Hier werde ein Arzt verfolgt, „der Menschenleben gerettet hat, die nach den Richtlinien nicht gerettet werden durften”. Eine Richtlinie sei zudem kein Gesetz. Damit dürfe ein Verstoß - anders als es die Staatsanwaltschaft glaube - auch nicht mit dem Strafrecht geahndet werden. Dass der Arzt sich des versuchten Totschlags schuldig gemacht haben könnte, sei jedenfalls nur „eine fixe Idee”.

Ein zweiter Verteidiger, Rechtsanwalt  Jürgen Hoppe aus Hannover, warf der Staats­anwaltschaft vor, den Angeklagten auf der Basis falscher Behauptungen als „gewissen­losen Gangster“ darzustellen. Der Chirurg habe auch in keinem der drei angeklagten Fälle von Körperverletzung mit Todesfolge irgendetwas Strafbares getan. Entgegen der Darstellung der Staatsanwaltschaft hätten die drei schwer kranken Patienten Spenderlebern gebraucht. Sie seien auch korrekt aufgeklärt worden und mit der Transplantation einverstanden gewesen.

Der Angeklagte bedankte sich in seinem „letzten Wort” beim Gericht für den „fairen Prozess“. Auch er bat um einen Freispruch. Das Urteil soll am 6. Mai verkündet werden. © dpa/nsi/aerzteblatt.de

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