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Gutachter bestätigt Fehlbestrahlung von Krebspatienten in Asklepios-Klinikum

Dienstag, 5. Mai 2015

Hamburg – Die Vorwürfe mehrerer Fehlbestrahlungen von Krebspatienten im Asklepios-Klinikum Hamburg-St. Georg haben sich bestätigt. Zwischen 2010 und 2013 seien zehn Patienten in elf Fällen mit teils deutlich zu niedrigen Dosen behandelt worden, sagte der von der Gesundheitsbehörde beauftragte Gutachter, Bernhard Kimming, am Dienstag. Auch habe es erhebliche Mängel bei der Dokumentation von Befunden und Behandlungen gegeben. Zu Tode gekommen sei durch die Bedienfehler eines Medizin-Physikers jedoch niemand. Dem Klinikum würden nun besondere Auflagen gemacht, kündigte Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) an. Andere Krankenhäuser in Hamburg mit ähnlichen Abteilungen blieben davon zunächst unberührt.

Fälle mit zu hoher Bestrahlung haben sich nicht bestätigt
Kimming betonte, Vorwürfe einer Prüfkommission der Ärztlichen Stelle Hamburg, dass andere Patienten ohne eine rechtfertigende Indikation und in zu hoher Dosierung bestrahlt worden seien, hätten sich nicht bestätigt. Die Indikation und die Dosierung in diesen Fällen „halte ich für einwandfrei“, sagte der emeritierte Inhaber des Lehrstuhls für Strahlentherapie an der Universität Kiel und Leiter der ärztlichen Stelle Schleswig-Holstein. Die Ärztliche Stelle – eine gemeinsame Einrichtung der Ärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung – hatte im vergangenen Jahr für den Zeitraum 2004 bis 2013 in 76 Fällen erhebliche Mängel festgestellt.

Abgesehen von den Unterdosierungen seien diese jedoch nicht haltbar, betonte Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks. Darüber hinaus habe sich herausgestellt, dass beim Leiter der Prüfkommission ein „inakzeptabler Interessenskonflikt“ bestanden habe. „Er hat sich in der gleichen Zeit ohne Rücksprache mit dem Leiter der Klinik und auf eigene Initiative um eine Stelle im Bereich der Brachytherapie beworben“, sagte Kimming. „Das halte ich für einen nicht akzeptablen Interessenkonflikt, der so nie hätte stattfinden dürfen.“

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Eine direkte Verantwortung der beteiligten Ärzte bestand nicht
Unabhängig davon beurteilte Kimming die Fälle der Unterdosierung allein schon wegen der Häufigkeit als gravierend. Auch wenn die zu geringe Strahlendosis nicht für den Tod der inzwischen sieben gestorbenen Patienten verantwortlich ist, „bleibt (...) die schwerwiegende Tatsache, dass durch die fehlerhafte Dosis-Applikation das palliative Behandlungsziel (...) einer Linderung der Leiden nicht erreicht werden konnte“, heißt es im Gutachten. Verantwortlich sei der für die Bestrahlungsplanung zuständige Medizin-Physiker. „Eine direkte Verantwortung der beteiligten Ärzte (...) bestand nicht.“

Klinikum meldete falsche Bestrahlung selbst
Das Klinikum – es hatte die Unterdosierungen im März 2013 selbst der Gesundheitsbehörde gemeldet – prüft nun die arbeitsrechtlichen Folgen des Fehlverhaltens von Mitarbeitern im Hermann-Holthusen-Institut für Strahlentherapie. „Unabhängig von der Frage des Verschuldens bedauern wir die Fehlbehandlung der betroffenen Patienten außerordentlich“, erklärte der Chef aller Hamburger Asklepios-Kliniken, Thomas Wolfram.

Er kündigte an, die Staatsanwaltschaft bei der Aufklärung des Falls weiter unterstützen zu wollen. Sie ermittelt derzeit gegen drei Ärzte und einen Physiker des Krankenhauses wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Körperverletzung und fahrlässigen Tötung.

Ärztekammer Hamburg zweifelt nicht an Qualifikation der Kommission
Die Hamburger Ärztekammer wies Vorwürfe eines Interessenskonflikts in der Prüf­kommission zurück. Der gesamte Vorgang sei dem Chefarzt der Abteilung bekannt gewesen, und er habe keinerlei Einwände gegen die Kommission erhoben, erklärte Ärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery. Es gebe somit keinen Grund, an der Qualifikation der Kommission zu zweifeln.

Irritiert zeigte sich Montgomery, dass „die Behörde das Gutachten der Öffentlichkeit vorstellt, ohne es vorab der Ärztlichen Stelle zur Kenntnis gegeben zu haben“. Es verwundert auch, dass sich der Gutachter bei seiner Beurteilung auf Akten und auf die Aussagen des betroffenen Klinikbetreibers bezieht, während die Ärztliche Stelle nicht befragt wurde.

Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks kündigte unterdessen Konsequenzen an. So werde es im Klinikum künftig eine elektronische Patientenakte für die Strahlentherapie geben. Zudem solle eine weitere Überprüfung durch die Ärztliche Stelle erfolgen – allerdings mit einem anderen Team. Außerdem müssten Gutachter künftig unter anderem schriftlich zusichern, dass sie keinen Interessenskonflikten unterlägen. © dpa/EB/aerzteblatt.de

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