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Medizin

Masern: „Immunamnesie“ erhöht Sterblichkeit durch andere Infektionen

Freitag, 8. Mai 2015

dpa

Princeton/New Jersey – Eine Maserninfektion schwächt vorübergehend die Immunabwehr gegen andere Krankheitserreger. Diese „Immunamnesie“ dauert mathematischen Berechnungen in Science (2015; 348: 694-699) zufolge zwei bis drei Jahre an, in denen die Kinder einem erhöhten Sterberisiko durch andere Infektionskrankheiten ausgesetzt sind.

Eine Maserninfektion hinterlässt tiefe Spuren im Immunsystem. Diese bestehen nicht nur in der Ausbildung einer starken Immunität, die die Menschen lebenslang vor erneuten Masern schützt. Kliniker wissen seit langem, dass es in den ersten Wochen nach der überstandenen Masernerkrankung zu einem paradoxen Abfall der Lymphozyten kommt, der im Blutbild als Lymphopenie nachweisbar ist.

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Weniger gut erkennbar, aber tierexperimentell belegt ist, dass es auch im Lymphgewebe zu einem Untergang der Abwehrzellen kommt. Betroffen sind dabei auch die Gedächtniszellen, die die Erinnerung an frühere Infektionen speichern. Eine schwere Masernerkrankung könnte deshalb eine vorübergehende „Immunamnesie“ hinterlassen. Die Folge wäre, dass sie nach einer Maserninfektion erneut anfällig sind für Infektionserkrankungen, gegen die sie vor den Masern bereits immun waren.

Michael Mina von der Princeton Universität und Mitarbeiter liefern jetzt erstmals epidemiologische Belege für diese Hypothese. Die Forscher haben die Zahl der Masern-Erkrankungen in England/Wales, den USA und Dänemark – nur diese drei Länder verfügen über verlässliche Zahlen – mit der Sterblichkeit von Kleinkindern an anderen Infektionserkrankungen in Verbindung gesetzt.

Sie verglichen dabei die Zeiträume vor und nach Einführung der Masern-Impfung. In allen drei Ländern kam es nach dem Beginn der Impfungen nicht nur zu dem erwarteten Rückgang der Masern-Erkrankungen. Auch die Zahl der Todesfälle war rückläufig. Dies bedeutet - sofern die Assoziation kausal ist –, dass eine Impfung gegen Masern auch vor anderen Infektionserkrankungen schützt. Dies kann nicht aufgrund der Masernimmunität erfolgen, da jede Immunität erregerspezifisch ist. Der Wegfall der „Immunamnesie“ wäre jedoch eine plausible Erklärung.

Nach weitern Berechnungen von Mina beträgt die Dauer der „Immunamnesie“ etwa 28 Monate. Danach hat das Immunsystem den durch die Erkrankung ausgelösten Rückstand wieder aufgeholt. Die Auswirkungen der Immunamnesie waren erheblich. Mina schätzt, dass die Masernerkrankungen bis zur Hälfte aller Todesfälle von Kleinkindern an Infektionserkrankungen erklären. Die Impfung hinterlasse dagegen keine Immunamnesie. Laut Mina hinterlässt sie sogar eine „polymikrobielle Herdenimmunität“.

Für den Keuchhusten, der im Gegensatz zu Masern keine vorübergehende Immunschwäche hinterlässt, konnte Mina keine Assoziation nachweisen. Nach der Einführung der Impfung veränderte sich die Sterblichkeit an anderen Infektions­erkrankungen nicht. Keuchhusten hinterlässt offenbar keine Immunamnesie. © rme/aerzteblatt.de

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