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Medizin

Essenzielle Arzneimittel: WHO hält teure Hepatitis C-Medikamente für unentbehrlich

Montag, 11. Mai 2015

Sovaldi gehört wegen seines Preises zu dem umstrittenen Medikamenten in der Hepatitis-C-Therapie

Genf - Trotz ihrer hohen Kosten, die auch den Einsatz in manchen Industrieländern fraglich erscheinen lassen, hat die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) gleich fünf neue Wirkstoffe zur Behandlung der Hepatitis C in ihre Liste der essenziellen Medikamente gesetzt, die auch für die ärmsten Länder unentbehrlich sind. Neu auf der Liste sind auch 16 Krebsmedikamente und vier neue Antibiotika zur Behandlung der multiresistenten Tuberkulose.

Im Jahr 1977 veröffentlichte die WHO erstmals eine „Model List of Essential Medicines“, die damals 207 Wirkstoffe umfasste und den Mitgliedsländern als Standard für eine Grundversorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln nahegelegt wurde. Inzwischen sind aus einer Liste zwei geworden mit mehr als 500 Medikamenten plus einer dritten, die den speziellen Bedürfnissen von Kindern Rechnung trägt. Die Listen werden alle zwei Jahre von einem „Komitee anerkannter Spezialisten aus Wissenschaft, Forschung sowie medizinischer und pharmazeutischer Berufe“ aktualisiert.

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Die Bereitschaft, auf Innovationen zu reagieren, ist in den letzten Jahren gestiegen. Dennoch dürfte es überraschen, wie schnell die WHO die neuen direkt wirkenden antiviralen Wirkstoffe (DAA) in die Listen aufgenommen hat. Gleich fünf Medikamente mit sechs Wirkstoffen sind hinzugekommen. Die Mittel enthalten Daclatasvir, Ledipasvir plus Sofosbuvir, Ombitasvir plus Paritaprevir plus Ritonavir mit oder ohne Dasabuvir, Simeprevir und Sofosbuvir. Die meisten Mittel sind auch in den reicheren Ländern erst in den letzten Jahren zur Behandlung zugelassen worden. Aufgrund der hohen Effektivität und der im Vergleich zur Interferontherapie besseren Verträglichkeit gibt es kaum Zweifel an ihrem Nutzen.

WHO will mit der Liste Druck auf die Pharmaindustrie ausüben
Die Bedenken betreffen allein den Preis. Präparate wie Sovaldi (Wirkstoff Sofosbuvir) und Harvoni (Kombination aus Ledipasvir und Sofosbuvir) wurden mit Kosten von fast 1.000 US-Dollar pro Tablette eingeführt, obwohl die Herstellungskosten vergleichbar gering sein sollen). Auch in den Industrieländern errichten diese Kosten Hürden für die Verordnung. Die WHO hofft allerdings, dass die rasche Aufnahme in die Liste offiziell empfohlener Mittel den Druck auf die Hersteller steigern könnte, die Mittel günstiger anzubieten.

Die Generalsekretärin der WHO Margaret Chan forderte bei der Vorstellung der Liste, dass die Mittel für alle Menschen verfügbar sein sollten, die sie benötigen. Dies sind laut Schätzung der WHO etwa 150 Millionen Menschen, die chronisch mit dem Hepatitis C-Virus infiziert sind und von denen jedes Jahr eine halbe Million an den Spätkom­plikationen (Leberzirrhose und Leberkrebs) stirbt.

Auch für die Behandlung der Hepatitis B wurden zwei neue Medikamente empfohlen. Sie enthalten die Wirkstoffe Entecavir und Tenofovir. Letzteres wurde bereits zur Behandlung von HIV-Infektionen empfohlen. Für die Behandlung von HIV ist als neuer Wirkstoff Darunavir hinzugekommen, außerdem neue Formulierungen zu Efavirenz, Nevirapin und eine fixe Kombination aus Abacavir plus Lamivudin. Abgelehnt hat das Komitee zwei fixe Kombinationen, die eine mit Cobicistat plus Elvitegravir plus Emtricitabin plus Tenofovir, die andere mit Emtricitabin plus Rilpivirin plus Tenofovir. Verschwunden von der Liste sind 30 ältere antiretrovirale Formulierungen, die auch von den WHO-Leitlinien nicht mehr empfohlen werden. Auch hierin zeigt sich, wie schnell sich die Behandlung von Viruserkrankungen derzeit verändert.

Segment der Krebsmedikamente neu geordnet
Seitdem die Lebenserwartung auch in ärmeren Ländern deutlich gestiegen ist, rücken die vor allem im Alter auftretenden Krebserkrankungen immer mehr in den Fokus. Im Jahr 2012 sind laut WHO weltweit rund 14 Millionen Menschen an Krebs erkrankt und 8,2 Millionen daran gestorben. Und die Zahl der Neuerkrankungen dürfte in den nächsten beiden Jahrzehnten um etwa 70 Prozent weiter ansteigen. Die WHO hat das Segment der Krebsmedikamente neu geordnet: 30 Präparate wurden bestätigt, 16 sind neu hinzu­gekommen. Auch bei den Krebsmitteln hat die WHO keine Scheu mehr vor High-Cost-Wirkstoffen wie Imatinib, Trastuzumab und Rituximab. Empfohlen werden auch Aromatase-Inhibitoren und die Zytostatika Bendamustin, Capecitabin, Cisplatin und Oxaliplatin sowie die all-trans-Retinsäure.

Mit 9 Millionen Neuerkrankungen und 1,5 Millionen Todesfällen gehört die Tuberkulose weiter zu den weltweit tödlichsten Infektionskrankheiten, deren Behandlung durch die Ausbreitung multiresistenter Mykobakterien erschwert wird. Nachdem es über 45 Jahre keine Fortschritte gegeben hat, sind in den letzten Jahren mehrere neue Wirkstoffe eingeführt worden. Die WHO nahm gleich fünf Wirkstoffe in ihre Listen auf: Vier der Wirkstoffe (Terizodon, Bedaquilin, Delamanid, Linezolid) sind für die Behandlung der Multiresistenten Tuberkulose vorgesehen. Rifapentin wird zur Behandlung der latenten Tuberkulose empfohlen.

Neu auf der Liste sind drei Kontrazeptiva: Ein Etonogestrel-freisetzendes Implantat, ein Levonorgestrel-freisetzendes intrauterines System und ein Vaginalring mit Progesteron. Empfohlen werden auch Valganciclovir zur Behandlung von Infektionen mit dem Zytomegalievirus, Desmopressin zur Behandlung der Harninkontinenz, Clopidogrel nach Herzinfarkten, eine intravenöse Omeprazol-Formulierung zur Blockade der Magen­saftproduktion und alkoholische Hände-Desinfektionsmittel.

Andere Innovationen der letzten Jahre haben es nicht auf die Liste geschafft. Dazu gehören die neuen oralen Antikoagulanzien Dabigatran, Rivaroxaban und Apixaban, die nach Ansicht des WHO-Komitees keine Vorteile gegenüber einer stabilen Einstellung mit Warfarin bieten. Bei der Behandlung der altersbedingten Makuladegeneration sehen die Experten keine Vorteile für Ranibizumab gegenüber dem kostengünstigeren Beva­cizumab. Auch die Vorteile von Dopamin-Agonisten gegenüber von L-Dopa in der Behandlung des Morbus Parkinson leuchtet den Experten nicht ein. © rme/aerzteblatt.de

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