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Politik

Missbrauchs­beauftragter kritisiert fehlenden politischen Willen, Betroffenen unbürokratisch zu helfen

Freitag, 22. Mai 2015

Johannes-Wilhelm Rörig /dpa

Berlin – „Ich freue mich, dass sich Betroffene jetzt mit einem eigenen Expertengremium in meine Arbeit und die politischen Prozesse auf Bundesebene einbringen“, sagte der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, heute in Berlin. Die Zusammenarbeit sei eine große Bereicherung bei der notwendigen Weiterentwicklung der Hilfen, der Prävention, des Sexualstrafrechts und der gesamtgesellschaftlichen Aufarbeitung.

Anlässlich seiner ersten Arbeitssitzung trat der neue Betroffenenrat heute gemeinsam mit dem Missbrauchsbeauftragten erstmals an die Öffentlichkeit. Dem Rat gehören 15 Mitglieder aus dem gesamten Bundesgebiet an, darunter zehn Frauen und fünf Männer zwischen 20 und 60 Jahren. Die Mitglieder verfügen neben ihrem eigenen Hintergrund auch durch ihr berufliches Engagement oder ihre Aktivitäten in der Selbsthilfe über vielfältige Erfahrungen zum Thema des sexuellen Kindesmissbrauchs.

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Eines der zentralen Themen auf der ersten Arbeitssitzung des Betroffenenrates waren die bestehenden Hilfesysteme von Bund und Ländern: Die ergänzenden Hilfesysteme für Betroffene in der Familie und in Institutionen dürfen erst dann eingestellt werden, wenn das Opferentschädigungsgesetz (OEG) reformiert sei, entsprechend der Empfehlung des Runden Tisches „Sexueller Kindesmissbrauch“, forderte der Betroffenenrat. Betroffene müssten dringend besser darüber informiert werden, welche Hilfen sie erhalten können.

40 Millionen Euro fehlen in dem Fonds für Betroffene von sexuellem Missbrauch
Drei Bundesministerinnen haben 2011 nach Abschluss des Runden Tisches ein schnelles und unbürokratisches Hilfesystem und einen 100 Millionen Euro Fonds für Betroffene von sexuellem Missbrauch in der Familie (FSM) versprochen. „Darin fehlen immer noch über 40 Millionen Euro von 14 Ländern, und der Fonds wird bisher viel zu wenig beworben“, kritisierte Rörig.  

Aktuell bestehe sogar die Gefahr, dass die von Betroffenen dringend benötigten Finanzmittel in 2016 zurück in die Staatskassen flössen. Bisher wurde aus dem FSM erst rund ein Zehntel der Mittel abgerufen. Sollte der Fonds wie geplant in 2016 auslaufen, bevor das reformierte OEG in Kraft getreten ist, „fallen Betroffene erneut in ein Vakuum aus falschen Versprechungen und fehlenden Hilfen“, so Rörig. „Bis das neue Gesetz gilt, müssen der Hilfefonds und das ergänzende Hilfesystem weitergehen“.

Für das ergänzende Hilfesystem für Betroffene in Institutionen (EHS) konnten bisher nur mit den Kirchen, der Diakonie, dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) Vereinbarungen getroffenen werden. Für Betroffene sei nicht nachvollziehbar, so Rörig, dass für Missbrauchsfälle, die in Schulen und anderen Einrichtungen der Länder stattgefunden haben, mit den Ländern bis heute keine Eini­gung erzielt werden konnte. Auch ein Fonds für Betroffene in psychiatrischen Einrich­tungen oder Einrichtungen der Behindertenhilfe wurde bisher von den Ländern abgelehnt. „Es fehlt offensichtlich vielerorts an politischem Willen, Betroffenen von sexueller Gewalt unbürokratisch zu helfen.“

Unabhängige Aufarbeitungskommission soll Anfang 2016 starten
Zuversichtlich zeigten sich Betroffenenrat und Missbrauchsbeauftragter, dass die Unab­hängige Aufarbeitungskommission Anfang 2016 starten wird. Die Bundesregierung soll den Beauftragten unterstützen, um die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs fortzuführen. Hierfür soll eine Aufarbeitungskommission eingesetzt werden. Den ent­sprechenden Antrag der Regierungsparteien verabschiedete der Familienausschuss am Mittwoch.

„Wir brauchen dringend eine breite gesellschaftliche Debatte, damit die riesige Dimen­sion von sexueller Gewalt von der breiten Öffentlichkeit und von großen Teilen der kinderschutzfernen Politik wahrgenommen und die Prioritätensetzung zugunsten Prävention und Hilfen geändert wird“, erklärte Rörig. Eine Kommission könne Ausmaß und Ursachen von Missbrauch in Institutionen und in der Familie untersuchen und dazu beitragen, dass die Gesellschaft informierter, sensibler und verantwortungsvoller mit dem Thema umgehe. © pb/aerzteblatt.de

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Avatar #625311
L.A.
am Dienstag, 26. Mai 2015, 09:23

Stichwort "Odenwaldschule"

Zu dem Thema Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen kann ich das neue Buch von Christian Füller dringend empfehlen : "Die Revolution missbraucht ihre Kinder" !
Avatar #699319
Riane
am Montag, 25. Mai 2015, 18:01

Nicht nur fehlender politischer Wille

ja, hier hast du Recht. Leider :(((
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 24. Mai 2015, 00:39

Nicht nur fehlender politischer Wille,

sondern auch Ineffizienz und Ineffektivität bzw. mangelnde sprachliche und semantische Sensibilität muss ich dem "Unabhängigen Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig" unterstellen:

Am 12.2.2013 schrieb ich auf meinem Blog "Schätzlers Schafott" bei SpringerMedizinOnline unter
http://www.springermedizin.de/von-einem-der-auszog-eine-auskunft-zu-bekommen/4007998.html
mit dem Titel: Einfach „ausgeixxxt“ - Von einem, der auszog, eine Auskunft zu bekommen!
Gut gedacht, schlecht gemacht: Das Motto der Kampagne gegen Missbrauch lautet "Kein Raum für Missbrauch". Was soll das den Betroffenen sagen, die hilfesuchend eine Einrichtung aufsuchen? Es muss doch heißen: Kein Raum den Tätern!

Die neue, bundesweite, multimediale Kampagne gegen sexuellen Missbrauch steht unter dem Motto "Kein Raum für Missbrauch". Sie soll Öffentlichkeit, Eltern und Fachkräfte in Kliniken, Kitas, Schulen oder Vereinen sensibilisieren. Der von der Bundesregierung ernannte „Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“, Johannes-Wilhelm Rörig, will damit den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt verbessern. Mehr Informationen unter: www.kein-raum-fuer-missbrauch.de

So weit, so gut. Aber das Kampagnenmotto „Kein Raum“ hat auch negative, ausgrenzende Bedeutung für die Betroffenen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass zwei Kölner Katholische Kliniken sich geweigert haben, einem möglichen Vergewaltigungsopfer gynäkologisch zu helfen. Und die allgemeine Verwendung des Wortes „Missbrauch“ vermeidet (schamhaft?) die eigentlich intendierten, sexuellen Bedeutungs-, Inhalts- und Präventionsebenen.

Dazu habe ich einen ersten Kommentar online zu einem Bericht auf aerztezeitung.de mit folgendem Wortlaut geschrieben: „In die Nesseln setzen?
Selbst auf die Gefahr, dass ich mich in die Nesseln setze: ‚Kein Raum für Missbrauch‘ ist missverständlich, unsinnig und zudem noch schlechtes Deutsch. Denn was ist mit Missbrauch, der im Freien stattfindet? Was ist mit Missbrauch, der so subtil ist, dass er ‚im Raum‘ überhaupt nicht erkennbar ist? Und war etwa ‚Kein Raum für Missbrauch‘ das Motto der römisch-katholischen Kirche bzw. der beiden Kölner Katholischen Kliniken, die ein mögliches Missbrauchsopfer abgewiesen hatten? Mit ‚Kein Raum für Missbrauch‘ könnten auch alle diejenigen aus kirchlichen und weltlichen Einrichtungen sich verständigen, die eine Aufdeckung von Missbrauchsfällen in ihren Institutionen eher vertuschen, denn offen legen wollten?“

Den Bericht und meinen Kommentar habe ich als Schreiben an das BMFSFJ gerichtet. Zeitgleich schrieb ich an ARD und dpa: „Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion Tagesschau und Tagesthemen, sehr geehrte Damen und Herren der dpa-Zentralredaktion! gestatten Sie mir, Ihre Aufmerksamkeit auf eine m. E. wenig hilfreiche Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zur Missbrauchsdebatte mit dem Titel ‚Kein Raum für Missbrauch‘ zu lenken.

Abgesehen davon, dass dabei nicht deutlich genug auf das brisante Thema des sexuell motivierten Missbrauchs und die Problematik sexualisierter Gewaltausübung hingewiesen wird, entwickelt sich eine weitere Irreführung: Beim Missbrauch wollen und sollen wir in unserer Gesellschaft den Tätern keinen Raum geben und Prävention durch Hinschauen, Aktivwerden und Schützen leisten. Im Gegensatz dazu brauchen aber die Opfer umso mehr Raum für Hilfe, Unterstützung und Empathie bei ihrer traumatisierenden Missbrauchserfahrung.
Deshalb halte ich das Motto dieser BMFSFJ-Kampagne für deplatziert und kontraproduktiv.“

Vom BMFSFJ, dessen Webseite sich auch mit dem Motto des ‚Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs‘ schmückt, erhielt ich folgendes Kontaktformular: „Danke für Ihr Interesse. Ihre Nachricht wird an die BMFSFJ Redaktion weitergeleitet. Folgender Text wird übermittelt: Sehr geehrte Damen und Herren, zu meinem Bedauern muss ich Ihre neue Kampagne, ‚Kein Raum für Missbrauch‘, deren gedankliche Hintergründe und Motive ich vorbehaltlos begrüße, aus semantischen und inhaltlichen Gründen äußerst kritisch betrachten. Dazu mein Kommentar (...).“
Nach einiger Zeit bekam ich die Nachricht der Nichtzuständigkeit des BMFSFJ und wurde an den Missbrauchsbeauftragten direkt verwiesen.

Antwort vom Missbrauchsbeauftragten?
Ich schrieb postwendend an den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig. „Sehr geehrter Herr Rörig, zu meinem Bedauern hat sich das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bei meinem Anschreiben für nicht zuständig erklärt, obwohl der ‚Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs‘ auf der Startseite des BMFSFJ auftaucht. Es geht mir auch nicht um eine ‚Anfrage‘, sondern um einen kritischen Kommentar zu Ihrer Kampagne ‚Kein Raum für Missbrauch‘. Insbesondere wenn ich mir vorstelle, dass Rat- und Hilfesuchende Institutionen aufsuchen oder online-Anlaufstellen erreichen wollen und mit Plakaten bzw. Websites unter der Textzeile ‚Kein Raum für Missbrauch‘ konfrontiert werden. Ich würde mich freuen, von Ihnen dazu eine Einschätzung zu hören und verbleibe mit freundlichen Grüßen, Dr. med. Thomas G. Schätzler, Facharzt für Allgemeinmedizin.“

Als Antwort erhielt ich ebenso lapidar wie dem Inhalt meiner begründeten Kritik völlig unangemessen:
„Sehr geehrter Herr Dr. Schätzler, vielen Dank für Ihre Rückmeldung zur Kampagne „Kein Raum für Missbrauch“. Bisher haben wir sehr positives Feedback von vielen Beratungsstellen, Schulen, Kirchengemeinden, Sportvereinen, Eltern aber auch von Betroffenen erhalten. Ziel der Kampagne ist es, Eltern und Fachkräfte anzusprechen und sie für das Thema des sexuellen Kindesmissbrauchs zu sensibilisieren. Unsere Plakate, Flyer und die TV-Spot setzen dabei neue Akzente und grenzen sich von einer Optik des Schreckens ab.
Bei den Kampagnen-Motiven haben wir uns bewusst für eine positive Bildsprache entschieden, die Innen- und Außenräume darstellt und dabei den Bereich von Bildung, Freizeit und Familie einschließt. Als zentrales Element der Motive möchten wir das weiße ‚X‘, als ein einfaches, leicht verständliches Symbol gegen Missbrauch, in der Gesellschaft etablieren. So soll ein gesamtgesellschaftliches Bündnis gegen Sexuelle Gewalt entstehen, das die Einführung von Schutzkonzepten in Einrichtungen fördert. Sollten Sie weitere Fragen haben, finden Sie anbei ein Infoblatt mit den wichtigsten Informationen zur Kampagne, ansonsten stehen wir Ihnen natürlich jederzeit gern zur Verfügung. Freundliche Grüße, Knut Büttner – Referent, Geschäftsstelle des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“ - Jann-Knut.Buettner@ubskm.bund.de

So wurde ich mit dem „zentralen Element der Motive, dem weißen ‚X‘ gegen Missbrauch in der Gesellschaft“, einfach „ausgeixxxt“.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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