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Politik

„Faktenboxen“ sollen Patienten künftig besser informieren

Dienstag, 26. Mai 2015

Berlin – Der AOK-Bundesverband und das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung haben heute elf soge­nannte Faktenboxen veröffentlicht, in denen sie das evidenz­basierte Wissen zu Diagnose und Therapie verschiedener Erkrankungen auf wenigen Seiten zusammenführen. „Im Internet stehen eine unvorstell­bare Menge an Informationen über gesundheitliche Themen zur Verfügung.

Oftmals verwirrt diese Informa­tionsfülle die Menschen aber eher“, sagte der Vor­standsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Jürgen Graalmann, heute vor Journalisten in Berlin. So habe eine Umfrage des Wissen­schaftlichen Instituts der AOK (WIdO) aus dem vergangenen Jahr ergeben, dass zwei Drittel der befragten Versicherten die Vertrauens­würdigkeit der Informationen aus dem Internet nicht einschätzen könnten.

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„Die Faktenboxen sollen eine Kompassfunktion zur Bewältigung der Informationsflut übernehmen“, meinte Graalmann. Das Ziel sei es dabei, die Patienten besser zu informieren, damit sie eine aktivere Rolle in der Therapie einnehmen könnten. Zudem solle die Laienverständlichkeit evidenzbasierter Informationen erhöht werden.

Elf Faktenboxen: Von der Masernimpfung bis zum Röntgen bei Rückenleiden
Die Faktenboxen wurden im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung auf der Basis aktueller Studien entwickelt. Die ersten elf befassen sich mit den Bereichen Impfung (Grippe-Impfung für Ältere und chronisch Kranke, Impfung Masern, Mumps und Röteln), Nahrungsergänzungsmittel (Vitamin D und Selen zur Prävention), Individuelle Gesund­heits­­leistungen (Eierstock-Ultraschall zur Krebsfrüherkennung, Stoßwellentherapie gegen Tennisarm), bildgebende Verfahren (Röntgen bei Rückenschmerzen) und AOK-Leistungen (Kinderkrankengeld und Kieferorthopädische Behandlungen). Weitere sind geplant.

„Wir haben uns zum Beispiel angeschaut, was eine jährliche Ultraschalluntersuchung zur Früherkennung von Eierstockkrebs bringt“, sagte Gerd Gigerenzer, Leiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Betrachtet wurden dabei unter anderem die Ergebnisse einer US-amerikanischen Studie aus dem Jahr 2011, bei der 35.000 Frauen im Alter von 55 bis 74 Jahren fünf Jahre lang Ultraschalluntersuchungen und zusätzliche Tests auf Tumormarker erhalten haben. Eine gleich große Kontrollgruppe erhielt weder das eine noch das andere. Ergebnis der Studie: Die Mortalität lag in beiden Gruppen bei drei von 1.000 Frauen. Fazit der Faktenbox: „Kein Nutzen: Jährliche Ultraschallunter­suchungen verringern nicht das Risiko, an Eierstockkrebs zu sterben.“

Ultraschall bei Eierstock: Viele falsche Befunde
Hingewiesen wird zugleich auf den Schaden dieser Untersuchungen: „Auffällige Ultra­schalle sind fast immer Fehlalarme, die auch zusätzliche Bluttests selten aufdecken. Oft folgen unnötige Eierstock-Entfernungen mit weiteren Nebenwirkungen.“ Von 100 auffälligen Tests hatten der Studie zufolge im Endeffekt nur sechs Frauen einen Eierstockkrebs. Bei den 94 Fehlalarmen wurden 31 Frauen die Eierstöcke entfernt. In fünf Fälle erlitten sie dabei schwere Nebenwirkungen und Komplikationen, heißt es auf der Box.

„Die Idee für die Faktenboxen stammt aus den USA“, erklärte Gigerenzer. Dort seien sie sogar Bestandteil von ObamaCare geworden. Doch Interessengruppen hätten verhindert, dass sie den Patienten auch wirklich zur Verfügung gestellt würden. Deshalb sei es gut, dass Deutschland in diesem Bereich nun eine Vorreiterrolle einnehme.

Ludwig: „Wir haben eine Vielzahl falscher Anreize“
„Wir reden seit fünf Jahren über dieses Thema. Endlich wird nun der Schritt gegangen, die Gesundheitskompetenz von Patienten und Ärzten zu verbessern. Ich begrüße die Faktenboxen außerordentlich“, sagte der Vorsitzende der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig. Der informierte Patient sei extrem wichtig, aber er habe heute nicht die Informationen, die er benötige.  

„Unser Gesundheitssystem hat sich in der Vergangenheit in vielen Bereichen leider in die falsche Richtung entwickelt“, sagte Ludwig. „Wir Ärzte arbeiten immer mehr unter Zeit­druck und haben deshalb weniger Zeit zum Zuhören.“ Zudem gebe es eine „Dominanz der Desinformation“ durch die Industrie, der die Ärzteschaft zu wenig entgegenzusetzen habe.

„Der Nutzen von medizinischen Maßnahmen im Bereich der Früherkennung, Diagnostik und Therapie wird meist überschätzt oder falsch interpretiert“, erklärte Ludwig. „Wir haben eine Vielzahl falscher Anreize, die etwas veranlassen, das wir gar nicht brauchen. Deshalb brauchen wir Informationen, die diesen Fehlentwicklungen entgegentreten. Und wir brauchen Informationen, auf deren Basis sich die Patienten zusammen mit ihren Ärzten für oder gegen eine bestimmte Leistung entscheiden können.“

© fos/aerzteblatt.de

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