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Politik

Gewalt an Kindern: Rechtsmediziner kann kaum Verbesserungen feststellen

Mittwoch, 27. Mai 2015

Berlin – Der Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos hat heute in der Hauptstadt Darstellungen widersprochen, wonach sich die Anzahl kindlicher Gewaltopfer seit Jahren reduzieren würde. Die jährliche, vom Bundeskriminalamt (BKA) herausgegebene Polizeiliche Kriminalstatistik sei zwar korrekt, betonte Tsokos. Allerdings finde die sinkende Geburtenrate keine Beachtung, so dass sich ein verzerrtes Bild der Veränderungsraten ergebe. Eine ausführliche Analyse haben Tsokos und Mitautoren kürzlich in der Zeitschrift „Rechtsmedizin“ veröffentlicht.

Mitte Mai hatte die Deutsche Kinderhilfe die aktuellen Zahlen der Polizeilichen Kriminal­statistik 2014 zu kindlichen Gewaltopfern vorgestellt. Danach wurden 108 Kinder getötet und 81 einem Tötungsversuch ausgesetzt. Bei 4.233 Kindern wurden körperliche Misshandlungen erfasst; knapp die Hälfte von ihnen war unter sechs Jahren. Vor etwa zehn Jahren verzeichnete die Statistik noch 233 Tötungen und 85 Tötungsversuche, wie der damalige BKA-Präsident Jörg Ziercke vor einem Jahr erläuterte. Er hatte aber zugleich betont, die Dunkelziffer sei in allen Bereichen hoch, besonders in dem der Kinderpornografie.

„Deutschland misshandelt seine Kinder“: Buch wurde ergänzt
Anlass von Tsokos‘ Erläuterungen war die Vorstellung der Taschenbuchausgabe von „Deutschland misshandelt seine Kinder“. Dabei handelt es sich um eine ergänzte Fassung des Originals, das vor rund einem Jahr für intensive Diskussionen gesorgt hatte. Tsokos und seine Kollegin, die Berliner Rechtsmedizinerin Saskia Etzold, berichteten in ihrem Buch über ihre beruflichen Erfahrungen mit Kindesmisshandlung in der Familie. Sie erhoben damals schwere Vorwürfe gegen das deutsche System des Kinderschutzes, das häufig versage, darunter auch gegen Ärztinnen und Ärzte.

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Allzu viel hat sich aus Sicht der beiden Rechtsmediziner seitdem nicht getan. „Verbesserungen sehe ich noch nicht, aber eine gewisse mediale Aufmerksamkeit“, befand Tsokos. Er verwies darauf, dass Kinderschutzbelange regional höchst unterschiedlich umgesetzt würden. Bundesweit gebe es „nicht genug Gewaltschutzambulanzen und nicht genug Expertise“, betonte der Rechtsmediziner. Insgesamt bedürfe es flächendeckender Konzepte zum Schutz von Kindern.

Auf regionale Unterschiede verwies auch Klaus Püschel, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). In der dortigen Abteilung für Klinische Rechtsmedizin wurden im vergangenen Jahr rund 700 Kinder untersucht. Das Kinderkompetenz-Zentrum von verschiedenen Kliniken des UKE steht allen Kinderärzten der Region konsiliarisch zur Verfügung, ist rund um die Uhr erreichbar und bietet zeitnahe Untersuchungen und Unterstützung an.

Hamburg: Verbesserungen als Reaktion auf den Fall Yagmur
Gleichwohl hat der Aufsehen erregende Fall der dreijährigen Yagmur offenbar auch in Hamburg noch einmal für Verbesserungen beim Kinderschutz gesorgt. Sie starb schwer misshandelt, die Mutter wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Püschel hatte Strafanzeige gegen die Eltern von Yagmar gestellt, nachdem diese mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert worden war. Doch wegen zahlreicher Pannen verloren die Behörden das Mädchen nach Angaben von Spiegel Online aus den Augen, bis sie starb.

Püschel erläuterte, dass es nun beispielsweise einen Kooperationsvertrag zwischen dem Kinderkompetenz-Zentrum am UKE und der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration in Hamburg gebe. Seitdem habe sich die Zahl der untersuchten Kinder mehr als verdoppelt. Auch arbeite seit kurzem eine Fachärztin für Kinder- und Jugendheil­kunde am Institut für Rechtsmedizin. „Das Positive an Hamburg ist: Die Behörden haben reagiert“, sagte er. Mittlerweile gebe es auch einen besseren, direkten Draht zu den Jugendämtern.

Der Hamburger Rechtsmediziner setzte sich dafür ein, noch stärker als bisher eine Kultur des Hinschauens beim Kinderschutz zu fördern. Derzeit ist die gesellschaftliche Aufmerksamkeit seinen Worten nach nicht ausreichend. Die Angebote im Rahmen der Frühen Hilfe seien „ein richtiger Weg“, so Püschel, aber: „Wir müssen noch handfester werden.“

© Rie/aerzteblatt.de

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