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Politik

Studie empfiehlt Umstieg auf Luftrettung in dünn besiedelten Gebieten

Donnerstag, 4. Juni 2015

dpa

Köln – Die notfallmedizinische Versorgung durch Rettungswagen auf Hubschrauber umzustellen kann in strukturschwachen, dünn besiedelten Gebieten in den kommenden Jahrzehnten die Versorgung sicherstellen. Zu diesem Ergebnis kommt das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekt „PrimAIR – Luftrettung als innovatives Konzept zur Notfallrettung in strukturschwachen Gebieten“.

„In ländlichen, immer dünner besiedelten Regionen wird ein ausschließlich boden­gebun­dener Rettungsdienst weder den Notfallpatienten gerecht, noch finanzierbar sein“, meinen die Projektpartner. Denn viele ländliche Regionen in Deutschland müssten sich darauf einstellen, dass die Bevölkerung überaltere und die finanzielle und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zurückgehe.

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In dünn besiedelten Regionen werde es immer weniger Notfälle pro Schicht geben. Trotzdem müssten die Rettungswachen weiterhin rund um die Uhr besetzt werden, wofür immer weniger geeignetes Personal vor Ort zur Verfügung stehe. Auch der Patienten­transport zu geeigneten Notaufnahmeeinrichtungen werde immer länger dauern, weil Krankenhäuser schlössen oder sich zunehmend spezialisierten.

Luft- und Bodenrettung sollten daher künftig nicht mehr nebeneinanderlaufen, sondern sich sinnvoller ergänzen: „Dünn besiedelte Regionen werden durch Luftrettungsmittel abgedeckt, für größere Orte wird es sinnvoll sein, weiterhin eine Versorgung durch bodengebundene Rettungsmittel zu gewährleisten“, meinen die Projektpartner.

An „PrimAIR“ haben verschiedene Partner mitgearbeitet, unter anderem das Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr der Fachhochschule Köln und das Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement am Klinikum der Universität München.

© hil/aerzteblatt.de

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Avatar #93325
rostm
am Montag, 22. Juni 2015, 00:41

antwortING

Also, mein Lieber antwortING, es geht ja nicht nur um das Wetter. Auch nachts gibt es kaum Hubis, die auf nicht befeuerten Plätzen landen können. Und Nacht ist, selbst wenn man die Zeiten der Dämmerung vor und nach Sonnenuntergang mal abzieht, durchschnittlich 9-10 Stunden am Tag. Und wer wie ich und kairoprax (danke, Karlheinz, für deinen guten Kommentar!) in einer gebirgigen Region mit viel Wald und Hangbebauung lebt, weiß, dass Landungen in vertretbarem Abstand zum Notfallort oft schlicht nicht möglich sind. Dann brauchen wir trotzdem bodengebundene Rettungsmittel. Und wer wie ich an der Front eines kleineren Krankenhauses mitbekommt, wie viele Patienten vom RTW gebracht werden, bei denen ein airborne Transport völlig überzogen wäre, die aber dennoch ins Krankenhaus müssen, weil es zu Haus einfach nicht geht,, kann nur über die komplette Praxisferne der realitätsfremden Gutachter staunen. Vorschlag: einfach mal mitfahren und das wahre Leben schnuppern..?!
Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Montag, 8. Juni 2015, 23:03

Wetter bei 94,4%?

In den Quellenangaben des vorherigen Beitrags wird davon ausgegangen, daß bei 94,4% der Einsätze das Flugwetter einen Einsatz erlauben würde. Das heißt im Umkehrschluss, daß bei einem von 20 Einsätzen das Wetter nicht mitspielt.

Damit ist ein Nebeneinander von Luftrettung und erdgebundener Rettung vorprogrammiert, und zwar so, daß jedes System kurzzeitig die gesamte Last allein tragen kann. Und wenn ich kairopax richtig verstehe, dann dürfte das medizinische Fachpersonal die knappste Ressource darstellen. Und das wiederum bedeutet, daß Luft- und Bodenrettung nicht konkurrieren dürfen sondern beide bei einem Träger organisiert sein müssen.

Wirtschaftlich scheint es sich wohl nur zu rechnen, wenn die Ersparnisse aus Klinikschließungen gegengerechnet werden. Ob wir in Deutschland zu viele Klinikbetten haben, ist eine andere Diskussion. Jedes abgebaute Klinikbett ist aber auch eine Verringerung der Reservekapazität im Katastrophenfall, sei es eine Seuche oder eine Naturkatastrophe. In meinen Augen überwiegt daher im Augenblick eher die Skepsis.
Avatar #699761
antwortING
am Samstag, 6. Juni 2015, 23:05

Antwort an doc.nemo, Staphylococcus rex und kairoprax

Vielen Dank für die Kommentare:

- Die Betriebskosten
steigern sich nur marginal. Dabei wird aber bei den Tracer-Diagnosen das Prähospitalzeitintervall deutlich verbessert. Somit wird es einen gesamtgesellschaftlichen Erfolg geben. Daneben gilt es noch die Querverrechnungen aufgrund der Klinikschließungen zu betrachten. Teil des Projekts war genau diese Auswertung. Unser Fokus liegt aber eindeutig auf der Verbesserung der Versorgungsqualität. (Siehe dazu auch: http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/62448/Experte-Durch-200-Klinikschliessungen-liessen-sich-eine-halbe-Milliarde-Euro-sparen)

- Das Flugwetter
spielt nur noch eine sehr untergeordnete Rolle. Wichtig ist dabei auch zu betrachten, dass wir zukünftige Entwicklungen bis zum Jahr 2030 bereits betrachtet haben. Aber schon heute liegen wir bei einer Bediensicherheit ähnlich des bodengebundenen Systems. (Siehe dazu auch: http://www.springermedizin.de/luftrettung-rund-um-die-uhr--welchen-einfluss-hat-das-wetter/5623950.html und http://www.dlr.de/fl/desktopdefault.aspx/tabid-1149/1737_read-31761/)

- Hilfsfristen
Zunächst stellen wir im Projekt mehr auf das Prähospitalzeitintervall ab. In diesem ist die HIlfsfrist auch enthalten. Was uns aber auch überrascht hat: Auch das ETI (Eintreffzeitintervall) verbessert sich mit dem PrimAIR-System. Wir haben dabei reale Wetterdaten, Duplizitäten und die Entfernung zwischen Lande- und Notfallort betrachtet. Also insgesamt: Für dünnbesiedelte Räume eine Verbesserung des Systems. (vgl. auch http://jemps.de/qualitaet-im-rettungsdienst-2/)

Sie sind alle herzlich zum Abschlusssymposium eingeladen. Im Anschluss können Sie den Leitfaden des Projekts auf der Seite des Projekts finden.

Ergebnisse unter: www.projekt-PrimAIR.de

Benedikt Weber, Verbundkoordinator PrimAIR
Avatar #88255
doc.nemo
am Freitag, 5. Juni 2015, 10:25

Freuen wir uns schon mal auf Kostensteigerungen


Zu den Beteiligten am PrimAIR-Konzept gehören auch Leistungsanbieter wie der ADAC und die DRF, die natürlich ein Interesse daran haben, möglichst viele Flüge zu bekommen, um ihre Helis auszulasten. Bestimmt hat sich die Projektgruppe auch Gedanken zu den flugtechnischen Problemen und Restriktionen gemacht. Warten wir also mal ab, was im Bericht dann drinsteht. Sollte die Ausweitung der Luftrettung tatsächlich kommen, dürfen wir uns auf jeden Fall schon mal auf steigende Gesundheitskosten einstellen, denn Helikopterbetriebsstunden sind sehr, sehr teuer.
Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Donnerstag, 4. Juni 2015, 23:48

Flugwetter?

Was ist mit der Notfall-Rettung nachts, bei Regen oder Sturm? Soweit ich weiß, dürfen Krankenwagen auch dann noch fahren, wenn kein Hubschrauber in die Luft darf.

Wenn die Hilfsfristen in strukturschwachen Gebieten nicht eingehalten werden können, muß logischerweise der Erstversorger bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes unterstützt werden, und wenn es nur darin besteht, daß ein erfahrener Notarzt über das Telefon klare Anweisungen gibt.

Vielleicht hilft ein Blick über den Tellerrand, es gibt dünn besiedelte Gebiete in zivilisierten Ländern, z.B. in Kanada das Yukon-Gebiet. Dort können geschulte Schwestern in einer Notfallambulanz einen Patienten versorgen, sie haben eine Funkverbindung zum nächsten Krankenhaus, und im Extremfall bei Schneesturm müssen sie für mehrere Tage den Patienten stabilisieren.
Avatar #110206
kairoprax
am Donnerstag, 4. Juni 2015, 19:41

Auch Hubschrauber lösen das Problem der Hilfsfristen nicht.


In letzter Zeit häufen sich Berichte über eine angeblich unzureichende Notfall-Rettung, insbesondere auf dem flachen Land. Als Standardargument müssen die Hilffristen und deren Nichteinhaltung herhalten, namentlich in den immer wieder betroffenen dünn besiedelten Kreisen, wo die Anfahrtswege lang sind und die Notärzte rar.

In einer topographisch schwierigen Situation Hilfsfristen einzuhalten, ist ein Ding der Unmöglichkeit, und luftgebundene Strategien retten Patienten nicht wirklich so zuversichtlich, wie es uns das PRIMÄR-Projekt einzureden versucht.

Wenn RTW und NAW selbst bei günstigen Verkehrsverhältnissen mehr als 15 brauchen, stand immer schon der Hubschraubereinsatz zur Diskussion.
Aber die Hubschraubereinsätze haben sich aus zwei Gründen nicht als wirklich immer sinnvolle Lösung herausgestellt.
Zum einen werden durch den Hubschrauber die Hilfsfristen nicht so deutlich verkürzt, wie erhofft.
Zum andern binden die Hubschraubereinsätze auch bodengebundene Rettungskräfte und kosten dadurch Zeit, etwa dann wenn der Hubschrauber nicht unmittelbar am Ort landen kann und es einen Transfer zum Hubschrauber geben muß.

Die dafür verwendete Zeit kann durchaus ebenso lang sein wie der bodengebundene Transport ins Krankenhaus - wird aber nicht gerechnet, weil in den Rettungsdienstgesetzen die Hilfsfrist im Vordergrund steht.

Wir Notärzte und Rettungsdienstler haben in manchen Regionen faktisch keine echte Chance und sollten daher zu der Argmentation finden, daß Fristen als das betrachtet werden, was sie im medizinischen Sinn sind, nämlich notfallmedizinisch vorgegebene Zeiten für zeitkritische Ereignisse, und nicht als rein formal zu erfüllende Eintreffzeiten.

Oft sind deshalb Hausärzte die geeigneteren Erstversorger. Besser als Überlegungen, Notarztstandorte in entlegene Gebiete zu bauen und Hubschrauber fliegen zu lassen ist es wohl, diese Hausärzte soweit zu bringen, daß die Patienten bereits erstversorgt sind bis zur Transportfertigkeit.
Meist sind diese Nicht-Notärzte in weniger als 10 Minuten vor Ort, und sowohl die Feuerwehr als auch Johanniter, Malteser und DRK vor Ort sind auf dem flachen Land überdurchschnittlich gut ausgebildet.

Hilfsfristen sind kein Naturgesetz.
Sie sind aber in der Lage, Schuldige zu benennen, denen man sagen kann, tut doch was. Die Unerfüllbarkeit von Vorgaben erzeugt in erster Linie Druck und Frustration bei den Helfern. Im Vordergrund muß daher die Akzetanz von möglichst erfolgreichen Einsätzen unter schlechten Bedingungen stehen, auch unter Inkaufnahme, daß diese Einsätze nicht so optimal sein können wie in der großen Stadt.

Das Einknicken vor der Realität und der konsequente Ruf nach Luftrettung - so als löse sie das Problem, was sie nicht tut - verlagert die Frustration nur von den bodengebundenen Ärzten auf die fliegenden.

Und letztlich, es wird die Zahl und die Bedeutung der Notärzte am Boden eher weiter mindern, und das in Gegenden, wo man sie trotz aller Handicaps dringend braucht.

Dr. Karlheinz Bayer, Leitender Notarzt im Ortenaukreis, wo genau solche schwierigen Bedingungen herrschen
LNS

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