NewsMedizinDiphtherie: Antitoxin-Mangel in Europa
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Diphtherie: Antitoxin-Mangel in Europa

Montag, 15. Juni 2015

Stockholm – Diphtherie-Erkrankungen sind so selten geworden, dass nicht mehr alle Länder das für die Behandlung erforderliche Anti-Toxin vorrätig haben. Spanische Ärzte mussten das lebensrettende Medikament dieser Tage aus Frankreich und Russland importieren. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) nimmt die Erkrankung eines sechsjährigen Kindes zum Anlass, auf den Antitoxin-Mangel in Europa hinzuweisen.

Die Diphtherie ist äußerst selten geworden. Laut der ECDC wurden in der EU und EWR zwischen 2009 und 2013 nur 102 Erkrankungen bekannt, darunter waren 55 Erkrankungen durch den klassischen Erreger Corynebacterium diphtheriae, der in Lettland als einzigem EU-Land noch endemisch ist. In den anderen Ländern wird die Diphtherie häufiger durch C. ulcerans ausgelöst. Während C. diphtheriae nur den Menschen infiziert, kann C. ulcerans auch von Haustieren wie Hund und Katze auf den Menschen übertragen werden. Alle vier 2013 in Deutschland gemeldeten Fälle wurden von C. ulcerans ausgelöst (darunter waren 3 Fälle einer Hautdiphtherie).

In Spanien hatte es in den letzten Jahren keinen einzigen Erkrankungsfall gegeben. Der Hausarzt schöpfte deshalb keinen Verdacht, als er einen 6-jährigen Jungen mit schwerer Angina behandelte. Er verschrieb ihm wegen eines vermuteten Atemwegsinfekts lediglich Amoxicillin. Drei Tage später wurde der Junge dann hospitalisiert. Jetzt entdeckten die Ärzte die für die Krankheit charakteristischen Pseudo-Membranen auf den Tonsillen.

Anzeige

Zu ihrer Überraschung mussten sie allerdings feststellen, dass die Apotheke ihnen kein Diphtherie-Antitoxin besorgen konnte. Weder in Katalonien, noch in ganz Spanien war das Gegengift vorrätig, das frühzeitig verabreicht werden muss. Wirken kann es nur, solange das von den Bakterien gebildete Toxin nicht von den Zellen aufgenommen wurde. Die Behandlung mit dem Antitoxin begrenzt dabei nicht nur die lokalen Schäden. Es verhindert auch, dass es zu Spätkomplikationen am Herzmuskel und im Nervensystem kommt. Die Myokarditis ist eine gefürchtete Spätkomplikation bei Diphtherie. Die Klinikärzte mussten sich deshalb über drei Tage auf eine Antibiotikatherapie beschränken, bis endlich das Antitoxin eintraf. Die Apotheker hatten es aus Frankreich und Russland importieren müssen.

Die Beschaffungsprobleme sind kein Zufall. Viele Firmen haben die Produktion (darunter auch die Behring-Werke in Marburg) schon vor Jahren eingestellt. Der letzte euro­päische Lieferant war laut ECDC eine Firma in Kroatien. Die bulgarische Firma BulBio produziert das Toxin nur noch für die interne Verwendung. Die Bevorrater (in Deutschland die Landesapotherkammern) sind auf Hersteller in Russland (www.microgen.ru), Indien (www.indiamart.com/vinsbioproducts) und Brasilien (www.butantan.gov.br) angewiesen, die gelegentlich Lieferprobleme haben. Auch in Nordamerika gibt es keinen Produzenten mehr.

Der Bedarf an Antitoxin ist derzeit gering, zumal die Impfquote in den meisten Ländern bei über 95 Prozent liegt und eine Epidemie größeren Ausmaßes nicht befürchtet wird. Dies schließt jedoch einzelne Infektionen nicht aus. Asymptomatische Infektionen sind bei geimpften Personen möglich. Die katalanischen Gesundheitsbehörden konnten bis zum 8. Juni acht Personen aus dem Umfeld des Patienten ermitteln, bei denen die Polymerasekettenreaktion des Rachenabstrichs eine aktive Infektion mit Toxin-bildenden Diphtherie-Erregern anzeigte. Alle waren gesund, sie wurden jedoch vorsorglich mit Antibiotika behandelt. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
VG Wort

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER