NewsMedizinMeta-Analyse: Arthroskopische Eingriffe am Knie mit begrenzter Wirkung
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Meta-Analyse: Arthroskopische Eingriffe am Knie mit begrenzter Wirkung

Mittwoch, 17. Juni 2015

dpa

Odense – Athroskopische Eingriffe zur Behandlung von degenerativen Schäden am Kniegelenk erzielen laut einer Meta-Analyse im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2015; 350: h2747) bei Patienten im mittleren Alter langfristig nur eine unwesentlich bessere schmerzlindernde Wirkung als eine konservative Behandlung.

Viele Menschen im mittleren Alter haben degenerative Schäden an Menisken oder Gelenkflächen, für die Orthopäden eine Reihe von arthroskopischen Behandlungen bereit halten. Das Spektrum reicht von einer Lavage über ein Débridement bis zur partiellen Meniskektomie, die das Gelenk von Fremdkörpern beseitigen, den Gelenkknorpel glätten und eine schmerzfreie Beweglichkeit ermöglichen sollen.

Anzeige

Doch die Wirksamkeit der therapeutischen arthroskopischen Eingriffe, die in der Regel durch Schmerzen ausgelöst werden, ist umstritten. Mehrere Studien haben gezeigt, dass viele Patienten zwar eine Schmerzlinderung erfahren, die Vorteile waren in den Studien jedoch nicht unbedingt besser als nach einer konservativen Behandlung. Hinzu kommt ein möglicher Placebo-Effekt, der durch eine Scheinoperation erzielt wird. Im letzten Jahr war das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen zum Schluss gekommen, dass der Nutzen der arthroskopischen Eingriffe am Knie nicht belegt sei.

Tatsächlich fehlen größere randomisierte klinische Studien, die den Nutzen an einer größeren Zahl von Patienten belegen. Die Evidenz stützt sich auf die Ergebnisse weniger randomisierter Studien, von denen Jonas Bloch Thorlund von der Universität von Süddänemark in Odense jetzt neun in einer Meta-Analyse zusammengefasst hat. Die insgesamt 1.270 Patienten waren zwischen 48 und 63 Jahre alt und die Nachbeo­bachtungszeit variierte zwischen drei und 24 Monaten.

Die arthroskopischen Eingriffe erzielten laut Thorlund eine signifikant bessere Wirkung als die Behandlungen in den Vergleichsgruppen, die von sportlichen Übungen bis zur Placebo-Chirurgie reichten. Doch die Unterschiede zu den Kontrollgruppen waren gering. Thorlund gibt die Effektstärke mit 0,14 an (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,03 bis 0,26). Diese Differenz entspreche gerade einmal einem Vorteil von 2,4 mm (0,4-4,3 mm) auf einer visuellen Analogskala, auf der die Patienten ihre Schmerzen mit 0 bis 100 mm einstufen. Der Vorteil sei zudem auf die ersten drei bis sechs Monate beschränkt. Nach 24 Monaten seien keine Unterschiede mehr nachweisbar gewesen.

Thorlund versucht, auch die Risiken der Arthroskopien zu quantifizieren. Seiner Analyse liegen zwei randomisierte Studien und neun Beobachtungsstudien beziehungsweise Analysen von Patientenregistern zugrunde. Die häufigste Komplikation war mit einer Inzidenz von 4,13 (1,78-9,60) pro 1000 Eingriffe eine tiefe Venenthrombose, gefolgt von Infektionen mit einer Inzidenz von 2,11 (0,80-5,56) pro 1.000 Eingriffe und Lungen­embolien mit einer Inzidenz von 1,45 (0,59-3,54) pro 1.000 Eingriffe. Selbst Todesfälle waren mit einer Inzidenz von 0,96 (0,04-23,9) pro 1.000 Eingriffe aufgetreten. Die weiten 95-Prozent-Konfidenzintervalle zeigen jedoch, dass die Aussagen zu den Komplikationen sehr vage sind.

Der Editoralist Andy Carr von der Universität Oxford hat angesichts dieser Zahlen Zweifel, dass die arthroskopischen Eingriffe eine positive Nutzen-Risikobilanz haben. Er glaubt allerdings nicht, dass sich die Praxis in der nächsten Zeit verändern wird. Beide Seiten haben feste Positionen bezogen.

Die Orthopäden werfen den internistischen Fachzeitschriften wie BMJ oder New England Journal of Medicine vor, dass sie die Evidenz aus methodisch schwachen Studien in verzerrter Weise darstellen. Carr glaubt dagegen, dass viele Orthopäden zum Opfer eines „myside Bias“ geworden sind, der sie davon abhalte, ihre Überzeugungen infrage zu stellen. Vor diesem Hintergrund sind randomisierte Studien, die Nutzen und Risiken endgültig klären, wohl nicht zu erwarten. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

23. Juli 2019
Oxford – Wenn bei einer Kniearthrose nur der mediale Anteil beschädigt ist, kann eine Teilendoprothese eine gleichwertige Alternative zur Totalendoprothese sein. In einer randomisierten Studie im
Gonarthrose: Teilprothese für Patienten schonender und für Versicherungen in den ersten fünf Jahren günstiger
1. April 2019
Fulda/Berlin/Ulm/Gießen – Macht ein Patient mit Knorpelschäden Kniebeugen, dann entstehen Geräusche, die typisch sind und sich von anderen Geräuschen abheben. Die technische Auswertung dieser
Schalldiagnostik künftig mögliches Verfahren zur Knorpelbeurteilung im Knie
14. März 2019
Boston – Britische Patienten, die wegen Arthroseschmerzen mit dem als sicher eingestuften Opioid Tramadol behandelt wurden, hatten im ersten Behandlungsjahr ein erhöhtes Sterberisiko gegenüber
Tramadol kann Sterberisiko von Patienten mit Arthrose erhöhen
5. Februar 2019
Ulm – Wissenschaftler aus acht europäischen Ländern wollen Knorpeldefekte im Knie mit neuartigen Biomaterialien ersetzen und so das Risiko eines weiteren Gelenkverschleißes verringern. An dem mit 5,5
Europäisches Verbundprojekt erprobt Strategien gegen Kniearthrosen
31. Januar 2019
Berlin – Patienten, die ihren Gelenkzustand, ihre Zufriedenheit und etwaige Komplikationen nach einer arthroskopisch durchgeführten Gelenk-OP an Knie, Hüfte oder Schulter im Deutschsprachigen
Patientenbeteiligung am Arthroskopieregister verbessert Versorgung
23. Januar 2019
Cambridge/England – Eine genomweite Assoziationsstudie an fast eine halben Millionen Menschen hat 65 Genvarianten entdeckt, deren Träger ein erhöhtes Risiko haben, an einer Arthrose zu erkranken. Die
Arthrose-Gene liefern Anregungen für neue Therapien
30. November 2018
Berlin – Ein künstliches Hüftgelenk hält bei 90 Prozent der Patienten 20 Jahre, 95 Prozent sind zufrieden mit dem Implantat. Knieprothesen sind im Schnitt nach 15 Jahren bei mehr als 92 Prozent der
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER