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Politik

Sexueller Kindesmissbrauch: Experten fordern mehr Forschung und mehr Vernetzung

Donnerstag, 18. Juni 2015

dpa

Berlin – „Wenn wir Prävention und Intervention nachhaltig verbessern wollen, müssen wir die Forschung zu sexuellem Missbrauch noch weiter im wissenschaftlichen Mainstream verorten“, erklärte Jörg M. Fegert, Ulm, ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm. Dies erfordere auch, vermehrt fächerübergreifend in transdisziplinären Forschungsinitiativen zu arbeiten. Dringend müssten Forschungsprioritäten definiert, und ein kontinuierliches Monitoring etabliert werden, das die Folgen von Verbesserungen in Prävention und Intervention erfasste, betonte Fegert anlässlich des Hearings „Forschung zu sexueller Gewalt – Vom Tabu zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe“ heute in Berlin.

„Die enorme Dimension von sexuellem Missbrauch muss sich in den Forschungs­anstrengungen widerspiegeln“, forderte der Unabhängige Beauftragte der Bundes­regierung für Fragen des sexuellen Missbrauchs Johannes-Wilhelm Rörig. „Wir brauchen mehr Wissen und mehr Vernetzung der Forschungsanstrengungen mit der Praxis vor Ort, wenn wir Prävention und Intervention nachhaltig verbessern wollen.“

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Sexueller Missbrauch sei in der Vergangenheit oft als gesellschaftliches Randphänomen betrachtet worden und stelle auch in Wissenschaft und Forschung allenfalls ein Nischenthema dar, betonte Rörig. Mit dem Hearing soll Experten ein Forum geboten werden, sich über zentrale Forschungsfragen auszutauschen und gemeinsame Empfehlungen für die Zukunft zu entwickeln.

Sensibles Vorgehen mit Betroffenen
Vor allem müsse auch die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis verbessert werden. Nur so könne sichergestellt werden, dass zu den richtigen Themen geforscht werde und die richtigen Antworten auch in der Praxis ankämen, forderte Fegert. „Forscher müssen beispielsweise lernen, dass der Dialog mit der Praxis auch als eindringend erlebt werden kann.“ Sexueller Missbrauch sei für die meisten Betroffenen immer noch ein Tabuthema und entsprechend sensibel müssten Forscher vorgehen. 

Die Soziologin Barbara Kavemann, Honorarprofessorin an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin, wies darauf hin, dass die Forscherinnen und Forscher auch gendersensibel arbeiten müssten. „Jungen und Mädchen können das Gleiche sehr unterschiedlich erleben.“ Zudem bedürfe es guter Transfermöglichkeiten der Forschungsergebnisse in die Praxis: „Nach acht Stunden intensiver Beratungsarbeit mit emotional anstrengenden Themen setzt sich niemand mehr mit Fachliteratur auf das Sofa“, sagte Kavemann.

Elf Milliarden Euro Traumfolgekosten in Europa
Rund 18 Millionen Kinder in Europa sind nach Angaben der WHO von sexueller Gewalt betroffen. Die deutsche Traumafolgekostenstudie geht von rund elf Milliarden Euro jährlich aus, die durch die Folgen von sexuellem Missbrauch und anderer belastender Kindheitserlebnisse in Deutschland entstehen.

Schon beim Runden Tisch gegen Kindesmissbrauch 2010 wurde festgestellt, dass es nur wenig wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse zu diesem Thema gibt. Das Bundes­ministerium für Bildung und Forschung hat deshalb die Forschungsförderung auf den Weg gebracht und dafür 35 Millionen Euro bereitgestellt. © pb/aerzteblatt.de

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