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Medizin

Chirurgie: Klinikwechsel nach Komplikationen kann tödlich sein

Donnerstag, 18. Juni 2015

dpa

Salt Lake City – Wenn es nach einer Operation zu Komplikationen kommt, bevorzugen einige Patienten oder ihre Ärzte die Weiterbehandlung in einer anderen Klinik. Dieser chirurgische Tourismus war in einer Studie im Lancet (2015; doi: 10.1016/S0140-6736(15)60087-3) mit einem Anstieg der 90-Tage-Sterblichkeit verbunden.

Chirurgische Eingriffe sind komplexer geworden, und postoperative Komplikationen, die eine erneute Behandlung in der Klinik erforderlich machen, sind keine Seltenheit. In einer Analyse von 9,5 Millionen Medicare-Versicherten, die sich von 2001 bis 2011 einer von 12 Hoch-Risiko-Operationen unterzogen, mussten nach einem Kniegelenkersatz 5,6 Prozent innerhalb von 30 Tagen erneut hospitalisiert werden.

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Nach einer Ösophagektomie waren es sogar 20,2 Prozent. Die Komplikationsrate der anderen Operationen lag dazwischen. Die meisten Patienten wurden erneut an der Index-Klinik behandelt. Zwischen 16,8 Prozent (nach Kolektomie) und 34,2 Prozent (nach Bypass-Operation) wurden jedoch – ob auf eigenen Wunsch oder auf Anraten des Arztes lässt die Studie offen – in einer anderen Klinik weiterbehandelt. In den meisten Fällen handelte es sich um ein Krankenhaus mit einem höheren Grad an Spezialisierung.

Doch der Klinikwechsel war nicht für alle Patienten vorteilhaft. Laut der Analyse von Benjamin Brooke von der Universität von Utah in Salt Lake City kam es unter den Patienten, die zur Behandlung eine andere Klinik aufsuchten, sogar häufiger zu Todesfällen: Die 90-Tage-Mortalität der Patienten, die in Krankenhaus der Erstoperation aufgenommen wurden, war signifikant um 26 Prozent niedriger (Odds Ratio 0,74; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,66-0,83) als bei Patienten, die eine andere Klinik aufsuchten. Wie immer bei retrospektiven Studien, muss diese Zahl mit Vorsicht beurteilt werden. Eine mögliche Verzerrung ergibt sich daraus, dass bevorzugt Patienten mit schweren Komplikationen in ein anderes Krankenhaus wechseln, was medizinisch sinnvoll sein kann, wenn dort erweiterte Therapiemöglichkeiten vorgehalten werden.

Brooke versucht, diese Verzerrung durch eine sogenannte Instrumentvariable-Analyse auszuschließen, die aus der Wirtschaftswissenschaft stammt und sicherstellen soll, dass nur Patienten mit gleichen Eigenschaften verglichen werden. Tatsächlich führte dies zu einer Verminderung der Odds Ratio auf 0,92, die allerdings mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,91 bis 0,94) weiterhin statistisch signifikant ist. Damit würde ein Klinikwechsel die 90-Tage-Mortalität noch um 8 Prozent erhöhen.

Es ist zwar nicht auszuschließen, dass auch die Instrumentvariable-Analyse nicht alle Verzerrungen eliminieren kann. Nach Ansicht der Editorialisten Justin Dimick und David Miller von der Universität von Michigan in Ann Arbor gibt es aber durchaus Argumente, die für eine Fortbehandlung in der gleichen Klinik sprechen. Sie vermeide unter anderem einen Informationsverlust bei den Krankendaten. Auch ausführliche Arztbriefe könnten niemals alle Aspekte des Patienten erfassen, schreiben sie. © rme/aerzteblatt.de

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