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Politik

„In der Not muss man zupacken und helfen“

Freitag, 19. Juni 2015

Köln – Volker Westerbarkey (43) ist seit Mitte Mai neuer Präsident der deutschen Sektion von „Ärzte ohne Grenzen“. Er trat die Nachfolge von Tankred Stöbe an, der acht Jahre lang an der Spitze der Organisation gestanden und sich nicht zur Wiederwahl gestellt hatte. Westerbarkeys Aufgabe ist es jetzt, den drängendsten Anliegen der Hilfsor­ganisation in Politik und Gesellschaft Gehör zu verschaffen: der Lage der Flüchtlinge im Mittelmeer und – mit Blick auf die verheerende Ebola-Epidemie in Westafrika – der Erforschung von Medikamenten gegen vernachlässigte Krankheiten.

5 Fragen an Volker Westerbarkey, Präsident der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen

DÄ: Herr Westerbarkey, was hat Sie bewogen, sich für Ärzte ohne Grenzen zu engagieren?
Westerbarkey: Ich bin 2004 zu Ärzte ohne Grenzen gestoßen und habe ein Jahr lang in einem HIV-Projekt in Myanmar gearbeitet. Ich hatte im Rahmen meiner Weiterbildung in einer allgemeinmedizinischen Schwerpunktpraxis für HIV von deren antiretroviralen Behandlungsprogrammen für HIV-Patienten weltweit gehört. Zu der Zeit hieß es noch, diese komplexe Behandlung sei nur etwas für entwickelte Länder. Ärzte ohne Grenzen war damals mit einigen anderen Vorreiter und hat gesagt: „Nein, wir brauchen und können das auch in armen Ländern.“ Es war bewegend, in Myanmar Menschen helfen zu können, die vorher überhaupt keinen Zugang zur Hilfe hatten, und an der Verbreitung dieser Behandlung mitzuwirken.

Außerdem entsprachen mir die Ziele und Grundsätze von Ärzte ohne Grenzen. Wir leisten Nothilfe nach den humanitären Prinzipien der Unparteilichkeit, Unabhängigkeit und Neutralität. Man muss vorher und nachher Fragen stellen, aber im Moment der Not muss man zupacken und helfen. Das finde ich nach wie vor sehr überzeugend.

DÄ: Was haben Sie sich für die nächsten zwei Jahre vorgenommen?
Westerbarkey: Wir müssen vor allem mehr tun für die Menschen, die derzeit im Mittelmeer und weltweit auf der Flucht sind, auch in den Herkunftsländern, etwa in Syrien, wo wir kaum Zugang haben. Wir müssen mehr Aktivitäten entwickeln, um den steigenden Flüchtlingszahlen etwas entgegen setzen zu können. Wichtig ist vor allem, ein Sprachrohr für diese Menschen zu sein – unabhängig davon, was die Gründe für die Flucht sind. Wenn Menschen in Not sind, muss ihnen unabhängig davon geholfen werden.

Vom Projektumfang ist das Thema Flüchtlinge allerdings nicht dominierend. Die großen Herausforderungen liegen nach wie vor in Krisenländern wie dem Kongo, dem Südsudan und der Zentralafrikanischen Republik.

DÄ: Das vergangene Jahr stand für Ärzte ohne Grenzen ganz im Zeichen von Ebola. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Westerbarkey: Die Bilanz ist erschreckend, wenn man sieht, wie spät eine internationale Reaktion kam und wie unangemessen sie war. Die internationale Antwort ist aus vielerlei Gründen, sicherlich auch aus politischen und technischen Gründen, absolut inadäquat ausgefallen. Ein Fazit ist sicherlich, dass weltweit zu viel auf langfristige Entwicklungshilfe gesetzt wurde und die direkte Not der Menschen nur dann angegangen wird, wenn die westlichen Länder bedroht sind. Hier muss die Politik gegensteuern.

Wir selbst haben viel dazu gelernt. Einerseits war es schön zu erfahren, zu was Ärzte ohne Grenzen in der Lage ist, wenn es notwendig ist. Aber wir haben auch viele Mängel entdeckt. Wir müssen unsere Behandlungsrichtlinien verbessern und uns auch dafür einsetzen, dass mehr in die Forschung und Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen für vernachlässigte Krankheiten investiert wird. Für den Mangel kann man eine marktorientierte Pharmaindustrie nicht verantwortlich machen. Da ist die Politik gefragt. Da muss man weiterhin Bewusstsein schaffen und auch Gelder bereitstellen, um die öffentlich geförderte Forschung und Entwicklung von Medikamenten und Diagnostika voranzutreiben.

DÄ: Der Ebola-Einsatz hat unglaubliche Ressourcen verschlungen. Haben andere Projekte darunter gelitten? Hat sich Ärzte ohne Grenzen vielleicht sogar übernommen?
Westerbarkey: Wir haben sicherlich Grenzen erreicht und teilweise auch überschritten. Wenn Sie fragen, ob wir andere Projekte vernachlässigt haben, kann ich nur sagen: Ja. Wir haben – nach schweren Diskussionen, wie sie sich vorstellen können – ganz gezielt gesagt, wir verschieben andere Projekte, weil wir Geld, Management-Kapazitäten und auch Mitarbeiter im Kampf gegen  Ebola brauchten. Dennoch waren die Behandlungs­kapazitäten beispielsweise in Monrovia nicht groß genug, so dass wir Ebola-Patienten abweisen mussten, weil die Sicherheit der Mitarbeiter nicht mehr zu gewährleisten war. 28 Mitarbeiter haben sich infiziert. 14 von ihnen sind gestorben. Wir sind jetzt dabei, den Einsatz auszuwerten.

DÄ: Hat Ärzte ohne Grenzen durch den auch von der Politik gelobten Einsatz gegen Ebola an Einfluss gewonnen?
Westerbarkey: Ich weiß nicht, ob unser Wort bei Entscheidungen an Gewicht gewonnen hat. Aber es hören uns deutlich mehr Leute zu. Es interessieren sich mehr Menschen für den Unterschied zwischen Entwicklungshilfe und humanitärer Nothilfe. Wir hoffen natürlich, dass aus diesem vermehrten Zuhören etwas entsteht. Und wir werden weiterhin mahnen, wenn zu wenig passiert. Wir haben die Sorge, dass wir uns sonst in nicht allzu langer Zeit in einer ähnlichen Situation wiederfinden. © HK/aerzteblatt.de

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