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Medizin

Idarucizumab: Dabigatran-Antidot zeigt in Studie schnelle Wirkung

Montag, 22. Juni 2015

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Philadelphia – Der Antikörper Idarucizumab kann die Wirkung des oralen Antikoagulans Dabigatran innerhalb von Minuten aufheben. Dies zeigen die Zwischenergebnisse einer Beobachtungsstudie, die auf einem Fachkongress in Toronto vorgestellt und im New England Journal of Medicine (2015; doi: 10.1056/NEJMoa1502000) publiziert wurden. Der Hersteller hofft auf eine baldige Zulassung des Antidots in Nordamerika und Europa.

Dabigatran war das erste von derzeit vier direkten oralen Antikoagulanzien, die als Alternative zu Phenprocoumon oder Warfarin eingeführt wurden. Diese Mittel haben ein breiteres therapeutisches Fenster, einen schnelleren Wirkungseintritt und eine kürzere Halbwertzeit als die Vitamin-K-Antagonisten. In klinischen Studien waren die neuen Antikoagulanzien den Vitamin-K-Antagonisten gleichwertig, in einigen Studien auch überlegen. Anders als bei Phenprocoumon oder Warfarin fehlte bisher aber ein Antidot, das die Wirkung im Fall einer Blutung oder der Notwendigkeit einer nicht geplanten Operation rasch aufheben kann.

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Der Dabigatran-Hersteller hat zu diesem Zweck einen Antikörper entwickelt, der derzeit in einer Studie getestet wird. Idarucizumab, ein vollständig humanisiertes Antikörper-Fragment, bindet an Dabigatran und verhindert dadurch, dass Dabigatran die Gerinnungskaskade unterbricht, was eine unkontrollierbare Blutung zur Folge haben könnte. Diese Gefahr ist ein Grund, warum viele Ärzte dem oralen Antikoagulans bisher zurückhaltend gegenüberstanden – ein anderer sind fehlende Tests zum Blutge­rinnungsmonitoring, dessen Notwendigkeit aber bestritten wird.

Die von Charles Pollack von der Thomas Jefferson University in Philadelphia und Mitarbeitern vorgestellten Zwischenergebnisse der RE-VERSE AD-Studie zeigen, dass Idarucizumab die gerinnungshemmende Wirkung von Dabigatran zuverlässig und prompt aufhebt, was durch die Bestimmung der verdünnten Thrombinzeit (dilute thrombin time) oder der Ecarin-Gerinnungszeit (Ecarin Clotting Time) dokumentiert wurde.

Bei den ersten 90 der vorgesehenen 300 Patienten normalisierte Idarucizumab die Ergebnisse in den beiden Gerinnungstests bei 88 bis 98 Prozent der Patienten innerhalb von wenigen Minuten. Die Konzentrationen von ungebundenem Dabigatran blieben bei 79 Prozent der Patienten innerhalb der ersten 24 Stunden unter einem Wert von 20 ng pro ml.

Bei den 35 Patienten, die Idarucizumab wegen einer unstillbaren Blutung erhielten, kam es nach median 11,4 Stunden zu einer normalen Blutstillung. Von den 36 Patienten, die Idarucizumab vor einer unaufschiebbaren Operation erhielten, hatten 33 Patienten eine normale intraoperative Blutung, bei zwei Patienten wurde die Blutstillung als leicht und bei einem Patienten als mäßig gestört eingestuft. Bei einem Patienten kam es innerhalb von 72 Stunden zu einem thrombotischen Ereignis.

Die guten „labormedizinischen“ Ergebnisse bedeuten allerdings nicht, dass alle Patienten überlebten. Insgesamt 18 Patienten starben, davon 9 in den ersten 96 Stunden nach der Gabe von Idarucizumab: Zwei Patienten erlagen einem septischen Schock, drei hatten intrakranielle Blutungen, jeweils einer starb an Multiorganversagen, einem hämodynamischen Kollaps, an Atemversagen oder an einem Herzstillstand.

Der Editorialist Kenneth Bauer von der Harvard Medical School in Boston wendet deshalb ein, dass mangels einer Kontrollgruppe (die ethisch sicher umstritten gewesen wäre) nicht genau abgeschätzt werden kann, welchen klinischen Nutzen Idarucizumab über die unbestreitbar schnelle Normalisierung der Blutgerinnung hinaus hat.

Der Hersteller rechnet aufgrund der Ergebnisse mit einer baldigen Zulassung. Anträge wurden sowohl bei der amerikanischen FDA als auch bei der europäischen EMA eingereicht. © rme/aerzteblatt.de

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