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Medizin

Präzisionsmedizin: „Historische Chance“ für Forschung und Versorgung von Krebspatienten

Dienstag, 23. Juni 2015

Köln – Die gute Vernetzung des Gesundheitssystems in Deutschland, dessen Finan­zierung durch die Solidargemeinschaft, eine international anerkannte akademische und klinische Forschung auf dem Gebiet der Onkologie, starke Medizintechnikunternehmen: „Grundsätzlich sind die Voraussetzungen dafür da, dass Deutschland eine Spitzen­position bei der personalisierten Medizin auf dem Gebiet der Onkologie einnehmen kann, aber es fehlt an politischen Impulsen für den Aufbau überregionaler, flächendeckender Strukturen.“

Das sagte der Hämatologe und Onkologe Michael Hallek, Direktor der Klinik für Innere Medizin I der Uniklinik Köln und Vorsitzender des Centrums für Integrierte Onkologie (CIO) in Köln/Bonn bei der internationalen Kongressmesse PerMediCon, die derzeit in Köln stattfindet. Sie hat erstmals den Themenschwerpunkt Onkologie. Deutschland habe im Moment eine „historische Chance, an echten Innovationen in der personalisierten Krebsdiagnostik und -therapie mitzuwirken“ und nicht nur Nutzer von Entwicklungen anderer Länder zu werden, allen voran die USA.

„Wir haben gesellschaftlich und strukturell zum Teil bessere Bedingungen als die USA für die Weiterentwicklung der Präzisionsmedizin in der Onkologie“, sagte Hallek, „aber wir müssen sie nutzen können.“ US-Präsident Barack Obama hatte Anfang des Jahres die Weiterentwicklung der Präzisionsmedizin zur nationalen Aufgabe erklärt und Zusatzinves­titionen von 215 Millionen US-Dollar in Aussicht gestellt.  

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Voraussetzungen für Vernetzung vorhanden, aber nicht ausreichend genutzt
Das Potenzial für die Weiterentwicklung molekularer Analysen, vor allem aber auch deren komplexer bioinformatischer Aufarbeitung und Interpretation, die Möglichkeiten für eine parallele interdisziplinäre Forschung und Behandlung und einer sie „kritisch-begleitenden Qualitätssicherung“ gebe es an einigen Standorten in Deutschland mit guter Vernetzung wie München, Heidelberg, Berlin und Köln, diese Strukturen aber seien für viele Krebspatienten aus dem ländlichen Raum nicht erreichbar.

„Das zu ändern, dient dem einzelnen Patienten und dem gesamtgesellschaftlichen Interesse an der Krebsforschung“, sagte Hallek. Vernetzung sei das „A und O“. Durch Clusterbildung für die oft hochspezialisierte Molekularpathologie und eine Vernetzung mit Subzentren und Kliniken und Schwerpunktpraxen für die Therapie ließen sich grund­sätzlich Patienten auch in der Peripherie erreichen.

Die Uniklinik Köln hat bislang als einzige Klinik in Deutschland mit einigen Krankenkassen Verträge abgeschlossen, die zumindest die Bezahlung von gendiagnostischen Maß­nahmen für Lungenkrebspatienten regelt. Der Vorstandsvorsitzende und Ärztliche Direktor der Uniklinik Köln, Edgar Schömig, machte jedoch deutlich, dass dies nur der Anfang sein könne: „Wir haben damit einen ersten und sehr wichtigen Schritt getan. Unser aller Ziel muss es aber sein, dieses Angebot in die Routinediagnostik für alle Krebspatienten zu überführen.“

Jeder zehnte Krebspatient könnte schon heute von Präzisionsmedizin profitieren
Circa 500.000 Krebsneudiagnosen gebe es jährlich in Deutschland und über alle Tumorentitäten hinweg derzeit für circa jeden zehnten ein sinnvolles Konzept aus der personalisierten Medizin. Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) arbeite an der spezifischen Bewertung von molekularbasierten diagnostischen Tests, die - gekoppelt an bestimme Therapieoptionen – zur Refinanzierung durch die gesetzlichen Krankenkassen empfohlen werden.

„In den USA werden therapierelevante diagnostische Tests von der FDA zugelassen und wir begrüßen es, dass es künftig in Deutschland nicht nur allge­meine Empfehlungen zur Testung geben wird, sondern eine Bewertung der verschie­denen Verfahren“, sagte Hagen Pfundner von Roche Pharma, Vorstandsvorsitzender des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller (VfA). „Die Fragen der Erstattung müssen mit der Politik verhandelt werden, ohne den Patienten mit solchen Diskussionen zu belasten“, sagte Pfundner.

Angesichts des rasanten Wissenszuwachses in der Onkologie seien molekularbiolo­gische Untersuchungen grundsätzlich für alle soliden und hämatologischen Malignome sinnvoll, meint Hallek: „Wenn sie nicht Standard sind, sollten die Analysen aber an ein Forschungsprogramm gekoppelt sein.“

Am CIO würden bei allen Patienten mit Leukämien molekulare Analysen gemacht, seit drei Jahren bei Lungenkarzinomen (bisher circa 7.000 Proben), seit einem Jahr von gastrointestinalen Malignomen (bislang circa 500 Proben) und demnächst starte man bei Brust- und Prostatakrebs. Vorbild dafür seien Frankreich und die USA gewesen. Auch das vergleichsweise kleine Finnland habe gute Strukturen für die Verbindung von Forschung und Versorgung in der Onkologie.  © nsi/aerzteblatt.de

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