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Politik

Politik forciert Gesundheitstelematik

Mittwoch, 24. Juni 2015

dpa

Berlin – Bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens will die Bundesregierung in dieser Legislaturperiode mit dem sogenannten E-Health-Gesetz Tempo machen. Das bekräftigte Oliver Schenk, Abteilungsleiter für Grundsatzfragen der Gesundheitspolitik und Telematik im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG), zur Eröffnung der 20. TELEMED, die gestern in Berlin begann. Zusammen mit der digitalen Agenda zeichne der Gesetzesentwurf den Weg vor, mit dem hierbei weitere Erfolge erzielt werden sollen. Der Zeitplan: Nach dem Beschluss des E-Health-Gesetzes durch das Bundeskabinett Ende Mai steht bereits am 1. Juli die erste Lesung des Gesetzes im Bundestag auf der Agenda, und am 10 Juli ist die Beratung im Bundesrat vorgesehen.

„Deutschland braucht endlich eine funktionierende Tele­ma­tik­infra­struk­tur und die Vernetzung der an der Gesundheitsversorgung Beteiligten, um die hohe Versor­gungsqualität  sichern und weiter verbessern zu können“, sagte Schenk. Neben der umfassenden Digitalisierung aller Lebensbereiche und dem veränderten Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung ist Schenk zufolge die Dynamik des wissenschaftlichen Fortschritts vor allem in der Bio- und der Medizininformatik ein Treiber der Entwicklung.

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Wenn es in den kommenden Jahren gelinge, mit neuen Technologien die riesigen Datenmengen an gesundheitsrelevanten Informationen systematisch auszuwerten und zugleich telemedizinische Anwendungen flächendeckend zu nutzen, bestehe die große Chance, neue Versorgungspotenziale zu erschließen, erklärte Schenk. „Ein Schlüssel dafür ist sicherlich eine sichere und vertrauenswürdige Infrastruktur zur Übertragung der Daten.“

Neben den gesetzgeberischen Aktivitäten soll auch die vom BMG initiierte E-Health-Initiative dazu beitragen, den Austausch zwischen Krankenkassen, Industrie, Wissenschaftlern und Leistungserbringern zu fördern und Mehrwert-Anwendungen für die  Tele­ma­tik­infra­struk­tur zu entwickeln. Von der Selbstverwaltung zu vereinbarende neue Vergütungsmodelle für telemedizinische Anwendungen sollen die Ausbreitung dieser Methoden in die Fläche fördern. Darüber hinaus biete der in der letzten Woche beschlossene Innovationsfonds mit 300 Millionen Euro jährlich die Chance, internet­medizinische Versorgungsangebote weiterzuentwickeln und dabei Sektorengrenzen zu überwinden, meinte Schenk.

Vor dem Hintergrund von Entwicklungen wie mobilen Anwendungen, Medizin-Apps, Big Data und der zunehmenden Verschmelzung von Medizinprodukten und Informations­technologie ist aus Sicht des BMG eine Strategie für die Weiterentwicklung von IT im Gesundheitswesen nötig. Diese soll insbesondere auch die „Analyse von Handlungs­feldern zu Big Data“ umfassen. Hierzu hat das BMG eine Studie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse laut Schenk  im zweiten Halbjahr vorliegen sollen.

Anlässlich ihres Jubiläums blickte die TELEMED auch auf zwei Jahrzehnte gelebte Gesundheitstelematik zurück. Kritisch reflektierte etwa der TELEMED-Mitbegründer Günter Steyer die Faktoren, die eine Überführung von telemedizinischen Anwendungen in die Regelversorgung bisher gehemmt hätten: Neben der ungenügenden Nutzung von Standards, unzureichender Interoperabilität zwischen den Systemen, fehlenden rechtlichen Rahmenbedingungen und einer ungenügenden Akzeptanzförderung seien hier auch ein über lange Zeit mangelnder politischer Wille sowie das Fehlen nachhaltiger Finanzierungsmodelle und Qualifizierungsmöglichkeiten zu nennen.

Positiv anzumerken sei jedoch, dass insbesondere durch die medizinische Unterversorgung in strukturschwachen Regionen und durch das wachsende Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung die Notwendigkeit des Einsatzes von Telemedizin bei allen Beteiligten präsenter sei als je zuvor.

© KBr/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 25. Juni 2015, 16:56

"Schöne Neue Welt" - "Brave New World" (Aldous Huxley 1931)

Wenn es semantisch so entlarvend heißt "Politik forciert Gesundheitstelematik", fragt man sich unwillkürlich, ob die Politik nicht nur die Krankheit bzw. Krankheiten an und für sich, sondern auch die Telematik selbst gesundbeten möchte?

Denn unsere ärztliche Kernkompetenz ist eben n i c h t die beschönigend neue digitale "Gesundheitswelt", ohne Krankheit, Leiden, Chronizität, Teilhabeeinschränkung, Siechtum, Behinderung und Sterbelager. D e s h a l b sind wir Ärztinnen, Ärzte und ich selbst so skeptisch-reserviert gegenüber der großspurigen Versprechung, mit dem E-Health-Gesetz der GROKO wolle "die große Koalition das Gesundheitswesen aus dem analogen Zeitalter herausholen und in ein digitales Zeitalter führen".

Denn die medizinisch-ärztliche Welt der Krankheiten, der Anamnese, Untersuchung, Beratung, Differenzialdiagnostik und multidimensionaler Therapien ist nun mal n i c h t digital, sondern analog. Selbst die digitale vaginale oder rektale Tast-Untersuchung bedeutet ein rein analoges Procedere.

Unsere Kernkompetenz sind die Zehntausenden von Krankheitsentitäten, die ambulanten/stationären Pharmako- und Physiotherapien, Heilbehandlung, Operationen, Injektionen/Infusionen, Kuren, Minimalinterventionen oder Hybrid-OPs: Bei Herz- und Hirn-Infarkten, ACS, Herzfehlern, Aneurysma, Miss- und Fehlbildungen, Lungenembolien, akutem Abdomen, eingeklemmten Hernien, KHK, systolischen/diastolischen/pulmonalen Hypertonien, Hyperlipidämien, PAVK, Mesenterialinfarkten, Tumorkrankheiten, Kachexie und Marasmus, zerebralen Krampfanfällen, Gallenstein- und Nierensteinkoliken, entgleisten Typ-1 und 2-Diabetes Krankheiten und Komplikationen, Addison-Krisen, Thyreotoxikosen, Nierenversagen, dekompensierter Herzinsuffizienz, Infektionen mit Viren/Bakterien/Pilzen/Parasiten oder chronischen Schmerzen.

E-Health und Telemedizin bzw. die gesamte Digitalisierung des Gesundheitswesens sind nur Hilfsmittel und sicher notwendige Accessoires. Prozess- und Ergebnisqualität in der gesamten Humanmedizin werden aber mehr durch analoge Kommunikations-, Interaktions-, Kontemplations-, Empathie- und Reflexionsfähigkeit bzw. selbstkritische Wahrnehmungsfähigkeit bei Ärzten und Patienten definiert.

Doch Digitalisierung der gesamten Medizin, Telemedizin-Anwendungen und E-Health-Gesetz berücksichtigen gar nicht unsere bewegungseingeschränkten, teilhabegeminderten, bio-psycho-sozial benachteiligten, EDV-fernen, älteren, multimorbiden Patientinnen und Patienten. Ärztliche, psychotherapeutische, pflegerische und physiotherapeutische Professionen, deren Empathie und therapeutisch interventionellen Fähigkeiten sind da gar nicht gefragt.

Zielgruppen des E-Health-Gesetzes, der GKV-Kassen, der GEMATIK und einer völlig verblendeten Gesundheitspolitik sind eher kerngesunde, Teilhabe-optimierte, Sport- und Ausdauer-gestählte Mitbürger, die locker 10 verschiedene PIN-Nummern unterschiedliche Passwörter, Zugangsdaten und Codes memorieren, um sich in scheinbar sicherer informationeller Selbstbestimmung zu wähnen. Bei ihnen sind Gesundheits- und Krankheitsdaten immer zugänglich, o h n e je gebraucht zu werden. Bei Multimorbiden, in akuten Notsituationen, bei Kommunikations-, Interaktions- und Teilhabe-gestörten Kranken bzw. Polytraumatisierten dagegen sind Gesundheits- und Krankheitsdaten gerade dann nicht zugänglich, wenn sie besonders dringend gebraucht werden!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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