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Arztgruppengleiche MZV: „Eine Chance bei der Suche nach Praxisnachfolgern“

Dienstag, 7. Juli 2015

Berlin – Jan-Peter Jansen arbeitet in einem fachübergreifend ausgerichteten Schmerzzentrum. Dennoch findet er: „Wenn jetzt auch facharztgruppengleiche MZV gegründet werden können, zum Beispiel Hausarzt-MVZ, die dann von mehreren Ärzten von acht bis 20 Uhr besetzt sind, wäre das im Sinne der Ärzte und der Patienten.“

5 Fragen an Jan-Peter Jansen, Ärztlicher Leiter Schmerzzentrum Berlin

DÄ: Sie sind kein Gegner arztgruppengleicher Medizinischer Versorgungszentren (MVZ), arbeiten selbst aber in einem arztgruppenübergreifenden Schmerzzentrum und schätzen diesen Ansatz. Warum?
Jansen: Wir haben unser MVZ schon vor zehn Jahren gegründet, und zwar zu zweit, obwohl wir eigentlich beide Anästhesisten sind. Das ging damals nur, weil ich mich 1990 noch als Praktischer Arzt hatte nieder­gelassen können. Deswegen sitze ich auf einem Hausarztsitz, mein Partner auf einem Facharztsitz, und wir konnten 2005 das MVZ gründen. Ich sehe aber generell große Vorteile in fachübergreifenden MVZ, vor allem die Interdisziplinarität, die den Patienten nutzt.

Wir sind ein sogenanntes Themen-MZV, das heißt: Wir behandeln chronische Schmerzpatienten, etwa 10.000 im Quartal. Das tun wir gemeinsam mit  acht Fachrichtungen in einem Haus.  Die Zusammenarbeit ist niedrigschwellig: Man muss nur nach nebenan gehen oder kann einen Kollegen mal schnell hinzuholen. Das ist nicht nur praktisch, sondern dadurch entsteht auch eine Art Hausmeinung. Alle beteiligten Kollegen nähern sich in ihrer Behandlung aneinander an und entwickeln gemeinsame Überzeugungen.

Ein Beispiel: Der Neurochirurg, der sonst unter Fachkollegen vielleicht mit großem Interesse auf Röntgenbilder guckt oder auf MRT-Aufnahmen und ein Wirbelgleiten erkennt, misst dem im interdisziplinären Team eine andere Bedeutung bei. Denn da sind Kollegen anderer Disziplinen vertreten, die darauf hinweisen, dass bei vielen Patienten ein Wirbelgleiten feststellbar ist, dieser Befund allein für Schmerzpatienten aber nicht aussagekräftig ist.

DÄ: Kommen zu Ihnen die richtigen Patienten? Und können Sie sie im Schmerzzentrum besser zu den richtigen Kollegen steuern?
Jansen: Wir versuchen es. Wir nutzen zum Beispiel unsere Homepage, um interessierten Patienten zu erläutern, was wir anbieten und was nicht. Derjenige, der sich für eine antroposophisch orientierte Behandlung interessiert, erfährt, dass wir die nicht anbieten. Bei Neupatienten versuchen wir über Fragebögen mehr herauszufinden, um sie besser innerhalb des Schmerzzentrums steuern zu können.

DÄ: Inwiefern haben dann arztgruppengleiche MVZ auch Vorteile?
Jansen: Wir wissen doch, dass derzeit zig tausend Ärztinnen und Ärzte Praxisnachfolger suchen und viele jüngere Kolleginnen und Kollegen lieber angestellt arbeiten wollen. Da sind arztgruppengleiche MVZ eine Chance. Hinzu kommt, dass Sie in arztgruppengleichen wie in fachübergreifenden MVZ  arztnahe Berufsgruppen integrieren können, die Ihnen die Arbeit erheblich erleichtern. Ich finde, dass wir jegliche Hemmnisse abbauen müssen, die Ärztinnen und Ärzte daran hindern, für und an den Patienten zu arbeiten. Bei uns arbeitet beispielsweise ein Physician Assistent. Das ist eine erhebliche Erleichterung, weil dieser zahlreiche delegierbare Aufgaben erledigen kann und somit den Arzt entlastet.

DÄ: MVZ finden mehr Zustimmung als früher. Aber manche Ärzte bedauern auch, dass man als Angestellter in einem größeren MVZ viel von dem aufgibt, was viele als wesentlich für den Arztberuf halten: die Selbstständigkeit und einen großen Entscheidungsfreiraum. Wie sehen Sie das?
Jansen: Ich halte viele Vorträge, auch vor jüngeren Kollegen, und stelle dabei fest, was uns ja auch Umfragen bestätigen: Der größte Teil von ihnen will nicht mehr in einer Einzelpraxis arbeiten. Auch unsere früher gelebte Auffassung, dass man täglich von acht bis 20 Uhr für seine Patienten da sein muss, teilen sie nicht mehr. Wenn jetzt auch facharztgruppengleiche MZV gegründet werden können, zum Beispiel Hausarzt-MVZ, die dann von mehreren Ärzten von acht bis 20 Uhr besetzt sind, wäre das im Sinne der Ärzte und der Patienten.

Allein in eigener Praxis zu arbeiten, beinhaltet zudem immer auch, sehr stark nur nach eigenen Überzeugungen zu arbeiten. Das betrifft leider auch medizinisches Wissen und Können. Wenn Sie viele Ärzte kennen und jeweils länger mit ihnen zu tun haben, dann erleben Sie, dass manche Überzeugungen entwickelt haben, die sie nicht mehr überprüfen. Sie kennen dann beispielsweise Leitlinien nicht und wenden sie deshalb auch nicht an, Motto: Wozu? Ich mache das schon immer so wie heute. So entsteht eine Versorgung, die sich keinerlei Kontrolle mehr stellt. Das ist in großen Zentren anders. Wir können unsere Qualität eher messen und vor allem mit der von Kollegen  vergleichen.

Natürlich soll es Einzelpraxen weiter geben. Aber der poliklinische Gedanke und der Zusammenschluss fördern meiner Meinung nach auch ein kollektives ärztliches Wissen, was ja auch einen Reichtum darstellt. Das sollten wir weiterentwickeln.

DÄ: Sind größere Zusammenschlüsse wie MVZ auch deshalb attraktiv, weil die Kommunikation zwischen Einzelarztpraxen immer noch so kümmerlich und altmodisch läuft? Weil sicherer eArztbrief oder einfache elektronische Befundübermittlung nicht zum Alltag aller gehören?
Jansen: Bin ich bei Ihnen. Unsere Praxisverwaltungssoftware stammt von einem großen Anbieter. Er weiß genau, wer in meinem Umfeld noch Kunde ist und dieselbe Software benutzt. Jeder Radiologe mit demselben System könnte mir theoretisch also einen Befund elektronisch zuschicken und mir noch einen Vermerk in die Patientenakte schreiben. Das macht aber keiner.

Wir versuchen gleichwohl, uns unter uns behandelnden Ärzten eines Patienten schon gut zu informieren und elektronische Kommunikationswege zu nutzen. Wenn ein Patient beispielsweise vom Orthopäden mitbehandelt werden soll, maile ich dort Befunde ebenso hin wie eine Art Visitenkarte des Patienten mit den Daten, wo und wie er erreichbar ist. Das erleichtert dem Kollegen die Terminvereinbarung. Und wir bekommen rasch eine Information, wenn es mit dem Termin geklappt hat. © Rie/aerzteblatt.de

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Avatar #36428
brodowski
am Mittwoch, 8. Juli 2015, 08:56

Mailen von Patientendaten

...maile ich dort Befunde ebenso hin wie eine Art Visitenkarte des Patienten mit den Daten, wo und wie er erreichbar ist.
Wie verschlüsseln Sie die Emails?

Gruß,

Ch. Brodowski
LNS

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