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„Terminservice­stellen sind kein Kommunika­tionsersatz“

Donnerstag, 9. Juli 2015

Bad Hersfeld – Roland Sporleder hält kurzfristige Termine für Patienten frei, deren Arzt um eine dringliche Mitbehandlung bittet. Doch der niedergelassene Neurologe weiß auch: Es gibt etliche Patienten, „die meinen, mal zum Neurologen zu müssen, obwohl die Notwendigkeit einer solchen Konsultation meist gar nicht gegeben ist“.

5 Fragen an Roland Sporleder, Neurologe in Bad Hersfeld

DÄ: Warum halten Sie nichts von den einzurichtenden Terminservicestellen?
Sporleder: Ich denke, dass das nur wieder mehr Verwaltungsaufwand bedeuten würde, ohne dass der Mangel reduziert wird. Allenfalls würde es vielleicht die Koordination ein bisschen verbessern. Was ich auch negativ finde: Man hätte dann nicht nur die Anrufe der Patienten zu verkraften, die einen Termin wollen, sondern auch noch die Anfragen der Stelle, womöglich für den gleichen Patienten. Wir brauchen keine Terminservicestellen, sondern eine bessere Koordination und Verteilung der Patienten über die Hausärzte an die Fachärzte.

DÄ: Wie vergeben Sie denn in Ihrer Praxis die Termine?
Sporleder: Ich trenne zwischen der langfristigen Terminvergabe für Routinekontrollen und nicht dringliche Krankheitsbilder und kurzfristigen Terminen. Für die lasse ich Lücken, um Patienten mit ein bis zwei Wochen Vorlauf sehen zu können. Das hat dazu geführt, dass sich die normalen Wartezeiten auf einen Termin bei mir auf etwa sechs Monate verlängert haben. Patienten, denen das zu lange dauert, sage ich: Wenn Ihr Hausarzt die Dringlichkeit einer schnellen Vorstellung sieht, kann ich Ihnen einen kurzfristigen Termin vergeben.

Ich halte mein System für sinnvoll. Der Hausarzt ist ein ärztlicher Kollege, der seinen Patienten kennt und der viel eher sagen kann: Der Schwindel, über den der Patient klagt, muss dringend neurologisch abgeklärt werden – oder eben auch kardiologisch. Er ist derjenige, der die richtige Zuweisung vornehmen kann. Das Problem ist natürlich, dass der Hausarzt auch nicht mehr als arbeiten kann.

Mein Angebot  an Patienten, sich vom Hausarzt die Dringlichkeit eines Termins bestätigen zu lassen,  verpufft aber häufig. Das zeigt das hohe Potenzial an Patienten, die meinen, mal zum Neurologen zu müssen, obwohl die Notwendigkeit einer solchen Konsultation meist gar nicht gegeben ist. Deshalb finde ich ja, dass wir eigentlich eine ärztlich geführte Koordination der Facharztkonsultationswünsche von Patienten brauchen. Aber das ist nicht mit einem Telefonservicecenter zu leisten. Die Terminservicestellen sind kein Kommunikationsersatz. Wir brauchten eine andere Kommunikationsstruktur zwischen den Zuweisern und den entsprechenden Facharztkollegen, um quasi die Spreu vom Weizen zu trennen.

DÄ: Die Ärzte betonen: Wenn es wirklich dringend ist, bekommt man beim Kollegen rasch einen Termin für den Patienten. Stimmt das? Und wie empfinden es die Patienten Ihrer Meinung nach?
Sporleder: Das ist bei mir auch so. Ein hausärztlicher Kollege von mir, den ich ganz gut kenne, macht davon regelmäßig Gebrauch. Dafür habe ich auch immer noch ein bisschen Luft. Umgekehrt mache ich das genauso, wenn ich für einen Patienten beispielsweise rasch eine Bildgebung benötige. Dann rufe ich, wenn es eilt, auch den Kollegen an. Das funktioniert ebenfalls.

Die Patienten kommen mit meinem System zurecht, soweit ich höre – zumindest die, die das reflektieren. Die Leute, die vorn am Tresen stehen und erst Monate später einen Termin angeboten bekommen, sind natürlich wenig verständnisvoll. Hinzu kommt, dass manche ja einen Überweisungsschein mithaben, aus dem aber meist nicht hervorgeht, wie dringend es ist. Deshalb finde ich das System der A-B-C-Überweisungen nicht schlecht, mit dem Hinweise auf die Dringlichkeit einer Behandlung gegeben werden. Denn von der entsprechenden Kennzeichnung erfahren ja auch die Helferinnen. Das würde uns wahrscheinlich mehr nutzen als eine Servicestelle.

: Wie könnte man den Informationsfluss unter Ärzten über Patienten und die Dringlichkeit ihrer Mitbehandlung denn verbessern?
Sporleder: Das ist schwierig, weil das natürlich Zeit bindet. Ein kollegiales Gespräch über die Notwendigkeit einer Mitbehandlung ist gut und wahrscheinlich durch nichts zu ersetzen. Man müsste ein solches Gespräch besser honorieren und zum Beispiel eine Ziffer für das Vorab-Konsil vorsehen.  Derzeit ist das gar nicht vorgesehen. Andererseits sollte das Honorar für den akut zu versorgenden Patienten ja nicht erheblich besser sein als das für den Chroniker. Sonst würden die chronisch kranken Patienten ja nicht mehr versorgt. Ein kleiner Anreiz wäre aber sinnvoll.

Dass wir zu wenig miteinander über die notwendige Behandlung von Patienten sprechen, liegt in erster Linie am wirtschaftlichen Druck in den Praxen. Wir hetzen von einem Patienten zum nächsten, und zwischen zweien haben wir nicht die Zeit, mit Kollegen ein Telefonat zu führen. Wenn wir es versuchen, führt das häufig zu einem Telefon-Ping-Pong: Man versucht sich gegenseitig vergeblich zu erreichen.

Wir müssten alle auf ein sicheres Netzwerk für Ärzte zurückgreifen wie das KV Safenet und uns darüber austauschen. Das wäre sinnvoller als eine Telefonservicestelle, die ja im Grunde auch schon antiquiert ist. Wenn ich den Kollegen drei Ecken weiter bitten könnte, mir eine Mail zu schicken, und da stünde: Ich brauche in zwei Tagen einen Termin für einen Patienten, dessen Zustand ist mir nicht geheuer, dann könnte ich schnell antworten, dass der Patient sich dann und dann melden soll. Das wäre eine Erleichterung.

DÄ: Aber das KV Safenet besteht, und die Nutzerzahlen wachsen.
Sporleder: Ja, aber noch nutzen alle KV Safenet vor allem für die Abrechnung. Es gibt weitere sinnvolle Anwendungen, aber ehrlich gesagt: Ich kann mich nicht auch noch ständig darum kümmern. Toll wäre ein einfaches Tool, mit dem ich alle Kollegen sicher erreichen und mit ihnen Befunde austauschen könnte. Ein sicheres "Whatsapp für Ärzte". "KV Safeapp" statt telefonischer Terminvergabe über die Servicestelle – das wäre es. Dann könnte ich Kollegen anklicken und um einen raschen Termin bitten. Oder schnell rückmelden, dass die eilige Überweisung in dem und dem Fall nicht nötig gewesen wäre. Das würde mittelfristig mehr nutzen für eine gerechte und vernünftige Terminvergabe. © Rie/aerzteblatt.de

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