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„Geld für Terminservice­stellen, aber nicht für die normale Versorgung – das kann ich nicht nachvollziehen“

Montag, 6. Juli 2015

Georgsmarienhütte – Jens Schweizer hält Terminservicestellen für teuer und überflüssig. Seiner Meinung nach bekommen Patienten rasch einen Termin, wenn es wirklich sein muss. Was den niedergelassenen Gynäkologen wurmt, sind Terminuntreue und Unpünktlichkeit von Patientinnen – ­ beides keine Seltenheit.

5 Fragen an Jens Schweizer, Gynäkologe in Georgsmarienhütte

DÄ: Wieso sind Terminservicestellen bei den Kassen­ärztlichen Vereinigungen (KVen) für Sie der falsche Weg, um Wartezeiten auf einen Facharzttermin abzubauen?
Schweizer: Ich halte solche Servicestellen für Bürokratiemonster, die unnötig Geld verschlingen. Den Kostenschätzungen nach wird die Einrichtung der Terminservicestellen 13 bis 20 Millionen Euro kosten. Der jährliche Unterhalt wird bei schätzungsweise 16,5 bis 20 Millionen Euro liegen. Das ist eine Menge Geld, das im Grunde den Versicherten für ihre medizinische Versorgung entzogen wird.

Ich weiß, dass die Krankenkassen in Sachsen, wo es bereits eine Terminservice­vermittlungsstelle gibt, für die zusätzliche Terminvergabe Geld in die Hand genommen haben und die Kollegen dort einen Zuschlag zum Honorar bekommen. Das heißt: Das Geld für Terminservicestellen und für die Honorarverbesserung der Kollegen, die noch Patienten annehmen, ist vorhanden, aber für die normale Finanzierung der Versorgung nicht. Das kann ich nicht nachvollziehen.

Ich finde es weiterhin falsch, dass medizinische Laien in Callcentern die Dringlichkeit einer Suche nach einem Facharzttermin beurteilen sollen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass das funktioniert. Natürlich können meine Fachangestellten, die Termine vergeben, schon ziemlich gut entscheiden, ob eine Patientin nun dringlich angenommen werden muss oder nicht. Aber wenn es für sie nicht klar ist, können sie mich fragen.

DÄ: Meinen Sie, dass es für die Mitarbeiter einer Terminservicestelle einfacher ist, wenn der Patient auf der Suche nach einem Facharzttermin eine speziell gekennzeichnete Überweisung vorlegen kann, die damit schon Hinweise auf die Dringlichkeit enthält?
Schweizer: Davon halte ich gar nichts. Ich denke, dass die Terminvermittlung in notwendigen Fällen doch gut klappt. Wenn eine Überweisung wirklich dringend ist, ruft man den Kollegen an, schildert den Fall und bittet um einen raschen Termin. Das funktioniert doch zu 99 Prozent hervorragend.

Monatelange Wartezeiten auf einen Facharzttermin, der nicht dringend ist, sind sicher auch die Folge dessen, was ich als Flatrate-Medizin bezeichne. Wenn eine Patientin schon einmal bei mir gewesen ist und will, für mich erkennbar wegen einer Bagatelle, ein zweites Mal einen Termin, dann überlege ich, ob das nicht Zeit hat bis zum nächsten Quartal. Wir haben nun einmal quartalsbezogenen Budgets.

DÄ: Wie erleben Sie das Problem Wartezeiten denn konkret in Ihrer Praxis?
Schweizer: Ich habe eine sehr gut funktionierende Terminsprechstunde. Wir haben keine allzu langen Wartezeiten, und bei akuten Beschwerden bekommen wir die Patientin auf jeden Fall in maximal 48 Stunden noch unter. Probleme haben wir aber mit der Unpünktlichkeit mancher Patientinnen.

Ich habe vor kurzem eine bundesweite Umfrage unter Kollegen mit gynäkologischen Praxen gestartet und mittlerweile rund 800 Rückmeldungen bekommen. Danach kommt jede Praxis im Durchschnitt auf  58 Termine im Monat, die nicht eingehalten werden. Wenn die Patientinnen so fair wären, diese Termine rechtzeitig abzusagen, dann hätten wir mehr auch Luft, Patientinnen mit Beschwerden noch schneller dranzunehmen.

DÄ: Wie reagieren Ihre unpünktlichen Patientinnen?
Schweizer: Manche, die ich darauf anspreche, zeigen schon Verständnis und sagen: Kommt nicht wieder vor. Aber andere interessiert das gar nicht. Vor kurzem habe ich in der Frauenzeitschrift Brigitte folgende Passage gelesen: Neulich habe ich einen Arzttermin sausen lassen, weil mir mein kleiner Sohn sein neues Lied auf der Gitarre vorspielen wollte. Am Ende tanzten wir wild und glücklich durch sein Zimmer und sangen, so laut wir konnten. Das ist ja schön. Aber einen Arzttermin einfach so sausen zu lassen und das in einer Zeitschrift auch so zu äußern, fand ich doch hart.

DÄ: Was sollte man Ihrer Meinung nach unternehmen, damit die Diskussion um zu lange Wartezeiten endet?
Schweizer:
Ich fände erst einmal eine Ausfallentschädigung angemessen, wenn Patienten einen vereinbarten Termin nicht wahrnehmen. Das würde eine Änderung im Sozialgesetzbuch V voraussetzen. Aber bei Psychotherapeuten oder Ergotherapeuten ist das ja auch zulässig.

Außerdem würde ich eine Eigenbeteiligung der Patienten bei jedem Arztbesuchen befürworten. Ich könnte mir vorstellen, dass man so unnötige Arztbesuche vermeiden kann. Gerade heute hat eine Patientin angerufen, die einen Termin wollte – nur zur Sicherheit, sagte sie, ihre Beschwerden seien abgeklungen. Das zeigt doch, wie hoch das Anspruchsdenken in der Bevölkerung ist. Es könnte wieder auf ein Normalmaß gebracht werden. Und vor allem bin ich dafür, dass die Budgets abgeschafft werden. Dann würden viele Ärzte auch länger arbeiten und mehr Patienten aufnehmen.

Und was wäre denn, wenn die KVen die Aufforderung zur Gründung von Terminser­vicestellen einfach ignorieren würden? In meinen Augen haben sie nichts mit dem Sicherstellungsauftrag zu tun. Eine Verweigerung wäre mal eine provokative Aktion, aber eine angemessene. Alternativ könnte man Folgendes überlegen: Wir notieren für die Patienten, die nicht erscheinen, eine eigene Ziffer in der Abrechnung. Damit könnten wir sehr gut nachweisen, in welchen Fachgruppen das gehäuft vorkommt, und auch in welchen Regionen. Wir könnten dann auch überprüfen, ob Patienten einen Termin nicht eingehalten haben, aber dann später bei der Terminservicestelle anrufen und sich schnell einen vermitteln lassen. © Rie/aerzteblatt.de

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Avatar #97238
adsawin
am Dienstag, 7. Juli 2015, 05:35

Ausfallentschädigung

wenn Hr. Dr. Schweizer der Meinung ist eine Ausfallentschädigung verlangen zu dürfen so sollte man aber auch den Arzt verpflichten bei Wartezeiten trotz vereinbarten Termin dem Patienten Entschädigung zu gewähren. Selbst erlebt: trotz Termin 3,5 Stunden Wartezeit und das nicht nur einmal.
LNS

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