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Politik

Experten fordern mehr Respekt vor Antibiotika­verordnungen

Montag, 6. Juli 2015

Berlin – Die Politik will Anreize dafür setzen, dass Pharmaunternehmen vermehrt in die Forschung und Produktion neuer Antibiotika investieren. Das erklärte Bundesgesund­heitsminister Hermann Gröhe (CDU) am Mittwoch auf einer Veranstaltung der Unionsfraktion in Berlin. „Im Rahmen des Pharmadialogs haben wir eine Unterarbeitsgruppe ‚Antibiotika‘ gegründet, die nun entsprechende Vorschläge erarbeitet“, sagte Gröhe.  

Zurzeit seien fast 800 Krebsmedikamente allein von US-Unternehmen in der klinischen Erprobung, aber weltweit nur 41 Antibiotika, ergänzte der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Georg Nüßlein (CSU). „Wir brauchen deshalb Anreize, damit die Hersteller auch in neue Arzneimittel investieren, die keine großen Renditen versprechen. Das ist die eigentliche politische Aufgabe.“

Infektionsraten mit gramnegativen Bakterien steigen ein
Der neue Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, erklärte, dass durch Anstrengungen, die Hygiene in Krankenhäusern zu verbessern, die Zahl der Infektionen mit Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA) gesunken sei. „Anders sieht es bei den gramnegativen Bakterien aus“, mahnte Wieler. „Hier steigen die Infektionsraten kontinuierlich an. Das ist eine Situation, die ernsthaft betrachtet werden muss.“

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„Wir müssen Respekt vor dem Einsatz von Antibiotika entwickeln, eine Bewusstseinsänderung herbeiführen“, betonte der RKI-Präsident. Antibiotika seien günstig, aber so systemrelevant, dass sie eine höhere Wertigkeit einnehmen müssten, für Ärzte, Tierärzte und Patienten. Das Bewusstsein für die Wertigkeit von Antibiotika sei in den vergangenen Jahren jedoch bereits gestiegen.

Montgomery: „Nicht jeder Temperaturerhöhung mit einem Antibiotikum begegnen“
Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Frank Ulrich Montgomery, betonte, dass die Ärzte ihr Verordnungsverhalten bereits hinterfragten. Das Problem einer unkritischen Abgabe von Antibiotika im Rahmen der Dynamik des ärztlichen Alltags sei bekannt, und es könne nur durch Aufklärung gelöst werden. Dies sei Sache der Ärztekammern. „Die zentrale Aufgabe der Ärztekammern ist eine Bildungsaufgabe“, so Montgomery. „Wir müssen versuchen, Ärzten und Patienten zu vermitteln, dass nicht jeder Temperaturerhöhung mit einem Antibiotikum begegnet werden muss.“

Auch Minister Gröhe bezeichnete „eine bestmögliche Information der Bevölkerung“ als wichtige Aufgabe. Eltern dürften nicht bei jeder vermuteten Erkältung so lange Druck auf die Ärzte ausüben, bis sie ein Antibiotikum erhielten, das sie dann möglicherweise zu früh absetzten.

Montgomery betonte, dass sich bereits viele Fortbildungsveranstaltungen mit Antibiotikaresistenzen befassten. Wichtig seien darüber hinaus die Entwicklung von Leitlinien zum rationalen Einsatz von Antibiotika sowie die Einrichtung von Lehrstühlen für Krankenhaushygiene. „Wir müssen das Fach wieder attraktiver machen“, sagte Montgomery. „Und wir müssen darüber nachdenken, warum der öffentliche Gesundheitsdienst so große Nachwuchsprobleme hat.“

70 Prozent der Krankenhausinfektionen sind nicht vermeidbar
Nüßlein zitierte den Hygieneexperte Franz Daschner mit der Aussage, dass nur 30 Prozent aller Krankenhausinfektionen vermeidbar seien. 70 Prozent seien der Tribut an eine moderne, lebensrettende Medizin. „Die Politik kann und sollte nur eingreifen, wo vermeidbare Infektionen bestehen“, meinte Nüßlein. „Dafür brauchen wir mehr Ärzte und mehr Pflegekräfte, die gut qualifiziert sind.“ Zudem solle man offen sein für neue Vorschläge, zum Beispiel, dass Antibiotika nur in Zusammenarbeit mit Fachärzten verordnet werden dürften.

Er betonte, dass es zur Bekämpfung der Resistenzen eines internationalen Ansatzes bedürfe. Denn ich vielen Ländern seien die Infektionsraten deutlich höher als in Deutschland. Häufig brächten Urlauber resistente Keime mit nach Deutschland.

Auch Montgomery wies darauf hin, dass Krankenhausinfektionen in der Regel gar nicht in Krankenhäusern entstünden, sondern dass Patienten Infektionen in Krankenhäuser mitbrächten, wo sie dann manifest würden.

© fos/aerzteblatt.de

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