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Medizin

Phase-1-Studien: Geringes Risiko für gesunde Probanden

Donnerstag, 9. Juli 2015

dpa

Philadelphia – Die Teilnahme an einer Phase-I-Studie, in der neue Wirkstoffe erstmals am Menschen getestet werden, ist für die gesunden Probanden weniger riskant als allgemein angenommen wird, wie die Auswertung der Daten von mehr als 11.000 Teilnehmern im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2015; 350: h3271) zeigt.

Viele werden sich an die Studie der Würzburger Firma Tegenero Immuno Therapeutics erinnern, die 2006 den monoklonalen Antikörper TGN1412 in einer Londoner Klinik einem ersten klinischen Test unterzog. Alle sechs Probanden entwickelten Minuten nach der Applikation ein systemisches inflammatorisches Response-Syndrom, das binnen weniger Stunden in ein Multiorganversagen mündete. Die Teilnehmer schwebten in Lebensgefahr und überlebten nur dank einer intensivmedizinischen Betreuung. Spätere Untersuchungen ergaben, dass der Wirkstoff im Körper der Probanden einen heftigen Zytokinsturm entfachte, der in den vorgeschalteten tierexperimentellen Studien niemals aufgetreten war.

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Die TGN1412-Katastrophe ist jedoch ein Einzelfall, glaubt man Ezekiel Emanuel von der Perelman School of Medicine in Philadelphia, und Mitarbeitern. Die Forscher haben die Daten von 4.620 Probanden ausgewertet, die während eines Zeitraums von sieben Jahren an 394 nicht-onkologischen Phase-I-Studien des Konzerns Pfizer teilgenommen hatten. Viele Probanden nahmen an mehreren Studien teil. Die Fallzahl betrug insge­samt 11.028. Nur in 34 Fällen (0,31 Prozent) sei es zu schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen gekommen, berichtet Emanuel. Von diesen 34 Ereignissen waren nur 11 auf die Studienmedikation und sieben weitere auf Begleitfaktoren zurückzuführen gewesen. Die anderen 16 schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse standen nicht mit der Prüfungsmedikation in Verbindung. Vier schwere Arzneimittelreaktionen traten sogar im Placebo-Arm auf.

Lebensgefährliche Situationen oder Todesfälle habe es nicht gegeben, versichert Ema­nuel. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Teilnahme an klinischen Studien nicht mit Unannehmlichkeiten verbunden ist. Schließlich haben die meisten Medikamente Neben­wirkungen, die zuerst in den klinischen Studien zutage treten. Laut Emanuel kam es bei 63,7 Prozent der Teilnehmer zu insgesamt 24.643 Nebenwirkungen. Die meisten (84,6 Prozent) wurden jedoch als milde eingestuft, 14,4 Prozent als mittelschwer und 1 Prozent als schwerwiegend. Am häufigsten kam es zu Kopfschmerzen (12,2 Prozent), Schläfrig­keit (9,8 Prozent), Durchfall (6,9 Prozent), Übelkeit (5,9 Prozent), Schwindel/Be­nommenheit (5,4 Prozent) und Erbrechen (2 Prozent).

Emanuel glaubt nicht, dass der Hersteller oder die Teilnehmer Komplikationen verschwie­gen haben. Für den Hersteller hätte dies nur Nachteile, weil die Komplikationen in späteren klinischen Studien auffallen würden mit höheren finanziellen Verlusten, sollte ein Abbruch der klinischen Entwicklung erforderlich sein. Die Teilnehmer hätten ebenfalls kein Interesse daran, die Nebenwirkungen zu verschweigen, da sie die Entschädigung auch dann erhalten, wenn sie die Prüfsubstanz gut vertragen haben. © rme/aerzteblatt.de

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