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Medizin

Tetris könnte posttraumatische Belastungsstörung lindern

Donnerstag, 9. Juli 2015

dpa

Cambridge – Tetris, ein Computerspielklassiker mit hohem „Suchtpotenzial“, könnte Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung helfen, ihre quälenden Erinnerungen zu vergessen, wie eine Studie in Psychological Science (2015; doi: 10.1177/0956797615583071) zeigt.

Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung leiden unter quälenden Erinnerungen an ein früheres traumatisches Erlebnis. Die Erinnerung treten oft ohne erkennbaren Anlass auf und graben sich bei vielen Patienten mit jeder Erinnerung tiefer in das Gedächtnis ein, wodurch sich die psychische, aber auch physische Belastung immer weiter verstärkt.

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Emily Holmes vom Cognition and Brain Sciences Unit des Medical Research Council in Cambridge glaubt, dass „eine Dosis Tetris“ helfen könnte. Tetris stellt die Spieler vor die an sich einfache Aufgabe, aus herabfallenden Steinen eine Mauer zu bilden. Jede lückenlose Reihe verschwindet. Das Spiel nähme kein Ende, wenn nicht durch eigene Fehler und eine langsame Beschleunigung des Spiels die Zeit für den Bau der Mauer immer weiter verkürzt würde. Das Spiel ist dafür bekannt, dass es den Ehrgeiz herausfordert und die Aufmerksamkeit fesselt.

In früheren Experimenten hatte Holmes bereits gezeigt, dass diese „kognitive Blockade“ genutzt werden kann, um nach einem traumatischen Ereignis die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung zu vermeiden. Dies ist wenig bekannt, und die meisten Patienten melden sich erst mit einer gewissen Verzögerung beim Therapeuten. Eine effektive Therapie besteht dann in einer bewussten Erinnerung an das Trauma, die mit Interventionen verbunden wird, die das erneute Abspeichern im Gedächtnis möglichst stressfrei gestalten sollen. Beta-Blocker sind eine etablierte Therapie. Tetris könnte nach dem aktuellen Experiment ebenfalls wirken.

Die Forscher baten 56 gesunde Probanden, sich emotional stark belastende Filme anzusehen (Das 9/11-Trauma und zuletzt das Attentat beim Bostoner Marathon zeigen, dass allein die stundenlange wiederholte Berichterstattung in den Medien eine posttraumatische Belastungsstörung auslösen kann). Nach den schockierenden Filmen wurden die Probanden nach Hause geschickt. Am nächsten Tag kehrten sie ins Labor zurück, um sich dieses Mal Fotos von dem belastenden Ereignis anzusehen. Dies weckte die Erinnerungen und öffnete nach der Rekonsolidierungs-Hypothese ein Zeitfenster, um die Erinnerungen oder ihre emotionale Bedeutung abzuschwächen. Dies geschah in einem Teil der Gruppe durch eine 12-minütige Tetris-Session, während die andere Gruppe Zeit zum Grübeln hatte. Danach wurden beide Gruppen nach Hause entlassen. Sie wurden aber gebeten, an den folgenden sieben Tagen in einem Tagebuch festzuhalten, wie häufig sich ihnen die Erinnerung an die Filme aufdrängte.

Die Teilnehmer der Tetris-Gruppe hatten die Erinnerungen schon nach zwei Tagen verdrängt, während die Teilnehmer der Kontrollgruppe weiterhin über belastende Rückblicke berichteten. Die Zahl der sich aufdrängenden Erinnerungen war im Tetris-Arm um die Hälfte gesenkt und am Tag sieben bewerteten die Teilnehmer die Ereignisse in einem Fragebogen für die posttraumatische Belastungsstörung als weniger belastend.

In einem zweiten Experiment kann Holmes zeigen, dass die Kombination aus dem gezielten Erinnern (Rekonsolidierung) und dem Tetris-Spiel notwendig ist, um die Verarbeitung des Traumas zu fördern. Weil die Experimente an gesunden Probanden durchgeführt wurden, ist unklar, ob Tetris (oder vergleichbare Spiele) auch bei Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung eine Wirkung erzielen würde. Die Forscher wollen dies jetzt in klinischen Studien prüfen. Dazu sollen Patienten, die gerade einen Verkehrsunfall überstanden haben, bereits in der Notfallaufnahme zum Spiel auf Konsolen ermuntert werden./rme

http://pss.sagepub.com/content/early/2015/07/01/0956797615583071.full.pdf+html|PDF der Studie

http://www.mrc-cbu.cam.ac.uk/blog/2015/07/computer-game-play-reduces-intrusive-memories/|Pressemitteilung der Universität Cambridge

© rme/aerzteblatt.de

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Avatar #111441
borgmann4
am Donnerstag, 9. Juli 2015, 20:34

Eine wirksame, da umfassende und nachhaltige Traumatherapie...


... besteht aus weitaus mehr als dem stressfreien Abspeichern belastender Erinnerungen. Gerade bei komplexen Traumatisierungen gehört Stabilisierung und das Reflektieren und Validieren der begleitenden bzw. auslösenden Umstände zur Therapie unbedingt dazu. Das Aufarbeiten von Schuldgefühlen, das Neuformieren des Selbst- und Fremdbildes, das Bearbeiten der Nähe- und Distanzregulierung, der Umgang mit Angst und so genannten "Triggern" sind unerlässlich.
Bei einer PTBS handelt es sich um eine sinnvolle Reaktion auf ein gefährliches Ereignis. Wären wir als Menschen auf "Vergessen" trainiert, gäbe es uns schon längst nicht mehr. Wir sind wie keine andere Art auf Erden in der Lage, Probleme zu lösen. Auch Angriffe auf Laib und Leben. Daraus zu lernen und den Erkenntnisgewinn an unsere Mitmenschen und Nachfahren weiter zu geben. Opfer können Anderen wertvolle Informationen liefern. Ohne die erinnerten Erfahrungen von Missbrauchsopfern über Taten, Täter und Tatumstände wäre der Schutz von Kindern zum Beispiel nicht möglich. Sexuelle Übergriffigkeit ist ein Teil unserer Sexualkultur. Das mögen viele Menschen ausblenden. Vergessen sollte man es keineswegs. Das wäre fahrlässig und unverantwortlich.
Bei der Überwindung einer PTBS geht es um Anpassungsleistungen an neue Erfahrungen. Mögen sie auch noch so schrecklich sein. Das PC-Spiel "Tetris" hat sicherlich einen fokussierenden Effekt. Vermutlich kann es zukünftig bei der Traumatherapie sinnvoll eingesetzt werden. Wie Achtsamkeitsübungen oder Skillstraining.
Infos zu konzeptioneller Traumatherapie gibt es auf den Homepages der Fachgesellschaften DeGPT und EMDRIA.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

LNS

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