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Krankenkassendaten zeigen jährliche Zunahme psychischer Diagnosen – ­ epidemiologische Daten hingegen nicht

Donnerstag, 9. Juli 2015

Berlin – Während die Routinedaten der Krankenkassen seit Jahren eine deutliche Zunahme psychischer Diagnosen belegen, zeigen epidemiologische Daten, dass psychische Erkrankungen in den letzten zwanzig Jahren nicht zugenommen haben. Diesen Widerspruch versuchten Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbands, und der Wissenschaftler Frank Jacobi, Psychologische Hochschule Berlin, bei der Vorstellung des BKK Gesundheitsatlas‘ 2015 mit dem Titel „Blickpunkt Psyche“ zu erläutern.

Bei den Betriebskrankenkassen haben sich dem Gesundheitsatlas zufolge die Kranken­tage wegen psychischer Erkrankungen gegenüber 2003 mehr als verdoppelt. Die Falldauer bei Krankschreibungen ist in den zehn Jahren bis 2013 um 25 Prozent gestiegen. Bei Depressionen, die einen großen Teil psychischer Diagnosen ausmachen, liegt die Ausfallzeit im Schnitt sogar bei 58 Tagen je Fall.

„Wir sehen dagegen keine Zunahme der 12-Monats-Prävalenz psychischer Störungen in den letzten zwanzig Jahren, wenn wir die repräsentativen Bevölkerungsstudien mitein­ander vergleichen“, betonte Jakobi. Verglichen hat er die DEGS-Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland beziehungsweise das Zusatzmodul psychische Gesundheit (DEGS-MH) des Robert Koch-Instituts mit dem Bundesgesundheitssurvey 98 aus dem­selben Haus. „Die Diagnoseraten haben sich den wahren Prävalenzen über die letzten Jahre angenähert, sie scheinbar sogar überholt – insbesondere bei Depressionen. Möglicherweise haben wir es auch mit einer Überdiagnostizierung zu tun“, sagte Jacobi, der die DEGS-MH mitverfasst hat.

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Weniger Angst vor Stigmatisierung
Als Gründe für die Zunahme von psychischen Diagnosen sieht der Wissenschaftler folgende: Psychische Erkrankungen würden nicht mehr so häufig wie früher „übersehen“. Die Menschen hätten weniger Angst vor Stigmatisierung und würden psychiatrische und psychotherapeutische Hilfe häufiger in Anspruch nehmen. Eine unspezifizierte Depressionsdiagnose würde von Hausärzten häufig gestellt, um überhaupt Unterstützung anbieten zu können, wenn zeitnah kein Platz bei einem Psychotherapeuten zu finden sei.

Der Trend der ständigen Zunahme von Krank­schreibungen aufgrund psychischer Probleme könnte auch dazu führen, dass Menschen auch bei „normalen“, vorüber­gehenden psychischen Belastungen das Hilfesystem aufsuchten. Und auch die fortschreitende Digitalisierung spielt nach Jacobi eine Rolle: „Digital erfasste Daten bleiben in den Krankenakten, das heißt wer einmal eine psychische Diagnose erhalten hat, den wird diese weiter verfolgen“.

Mögliche Korrelation zwischen Arztdichte und psychischen Diagnosen
BKK-Dach­ver­­bands-Vorstand Knieps stellte einen möglichen Zusammenhang zwischen der Arztdichte in bestimmten Regionen in Relation zu den psychischen Diagnosen zur Diskussion. „So sehen wir beispielsweise im Landkreis Ansbach in Bayern einen besonders hohen Anteil an Depressionsdiagnosen – gleichzeitig hat das dortige Bezirks­klinikum eine psychiatrische Institutsambulanz.“ Dennoch sei bei solchen Korrelationen Vorsicht geboten. „Wir sehen hier aber auf jeden Fall großen Forschungsbedarf“, sagte Knieps.

Knieps hob weitere Besonderheiten zu psychischen Diagnosen aus dem Gesundheits­atlas hervor: Danach gibt es signifikante regionale Unterschiede: Im Westen und insbesondere in Süddeutschland diagnostizieren die Ärzte mehr psychische Erkrankungen als im Osten und in Norddeutschland. In Ostdeutschland verordnen die Ärzte zudem weniger Antidepressiva als im Westen. In Großstädten wie Berlin, Hamburg und München werden signifikant mehr psychische Diagnosen gestellt als in ländlichen Gegenden. Spezifiziert nach Berufen liegen Gesundheitsberufe an der Spitze für Depressionsdiagnosen. Die höchste Quote psychischer Diagnosen haben jedoch Arbeitslose.

Akutsprechstunden ohne Wartezeiten einrichten
Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGPPN) führt die großen regionalen Unterschiede bei der Diagnostik, Krankschreibung und auch Therapie, insbesondere bei Depressionen, nicht allein auf bestehende lokale Risikofaktoren zurück. Vielmehr seien sie auch auf Unterschiede in der Versorgungsstruktur und in der Bedarfsplanung zurückzuführen.

„Hier sind die Politik und die ärztliche Selbstverwaltung gefordert, die in der Bedarfs­planung dringend sicherstellen müssen, dass psychisch erkrankte Menschen überall in Deutschland die notwendigen Hilfen erhalten“, heißt es in einer Pressemitteilung der DGPPN. Zur Abklärung des individuellen Bedarfs sollten Akutsprechstunden ohne Wartezeiten bei Fachärzten eingerichtet werden, die Diagnostik und passgenaue Therapien sicherstellten. © pb/aerzteblatt.de

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