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Medizin

Zoonotische Enzephalitis durch neu entdecktes Bornavirus

Donnerstag, 9. Juli 2015

Foto: Jerry Oldenettel/Flickr/dpa

Insel Riems – Der Tod von drei Haltern von Bunthörnchen, zu dem es in den letzten Jahren in Sachsen-Anhalt kam, ist mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine Infektion mit einem bisher unbekannten Bornavirus zurückzuführen. Dies ergaben umfangreiche molekularbiologische und immunhistochemische Untersuchungen, die jetzt im New England Journal of Medicine (2015; 373: 154-62) vorgestellt wurden.

Die drei Männer im Alter von 62, 63 und 72 Jahren waren zwischen 2011 und 2013 an einer Enzephalitis erkrankt und 2 bis 4 Monate später gestorben. Bei allen dreien nahm die Erkrankung einen ähnlichen klinischen Verlauf mit Fieber, Schüttelfrost, progressiver psychomotorischer Verlangsamung, Verwirrung; Gangstörungen, Myoklonus und Augen­parese. Alle drei hatten chronische Vorerkrankungen. Bei allen kam es außerdem zu einer Thrombose in den Beinvenen. Alle drei starben innerhalb weniger Monate trotz intensivmedizinischer Behandlung.

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Die Ärzte vermuteten eine Infektion als Ursache. Doch während der Behandlung und auch nach dem Tod konnten zunächst keine Krankheitserreger bei den Patienten gefunden werden. Eine weitere Gemeinsamkeit der drei Patienten brachte die Mediziner schließlich auf die richtige Spur. Alle drei waren Halter von Bunthörnchen (Sciurus variegatoides). Es handelt sich um eine Säugetierart aus Mittelamerika, die mit den Eichhörnchen verwandt ist. Hinzu kam, dass sich alle drei Halter untereinander kannten und deshalb Kontakt zu dem gleichen Tier gehabt haben könnten, das als Überträger einer Zoonose infrage käme.

Ein Team um Martin Beer vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) untersuchte die Bunthörnchen genauer. Bei einem Tier wiesen die Forscher die Gene einer bisher nicht bekannten Variante des Bornavirus nach, das sie als „Variegated Squirrel Bornavirus“ oder VSBV-1 bezeichnen. Im Gehirn aller drei Patienten wurden dann postmortal nahezu identische Gene des Erregers nachgewiesen. Damit sind die Koch’schen Postulate noch nicht erfüllt. Die Forscher sind sich jedoch sicher, dass die Patienten mit dem gleichen Erreger wie die Tiere infiziert waren und dass die Infektion bei ihnen den Tod herbeigeführt hat.

Durch moderne Tiefensequenzierung gelang den Wissenschaftlern auch die Einordnung in die Systematik bisher bekannter Bornaviren. Demnach entwickelte sich der neue Vertreter höchstwahrscheinlich aus der Säugetierlinie der Bornaviren und bildet den nächsten Verwandten zum Bornavirus der Pferde.

Zum jetzigen Zeitpunkt sei nicht bekannt, ob es sich dabei um Einzelfälle handelt und ob die verschiedenen Vorerkrankungen der bereits älteren Patienten eine Infektion begünstigten, teilt Privatdozent Dennis Tappe vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNI) in Hamburg dem Deutschen Ärzteblatt mit. Tierärzte und Ärzte werden deshalb aufgefordert, nach weiteren möglichen Erkrankungen zu suchen. Das FLI hat einen Test entwickelt, mit dem Infektionen mit dem neuen Bornavirus auch bei lebenden Bunthörnchen nachgewiesen werden können. Tierärzte sind aufgefordert, bei einem Verdacht Maultupfer und Blutproben an das FLI einzusenden.

Das BNI hält zur Abklärung akuter unklarer Enzephalitiden einen Test auf der Basis der Polymerase-Kettenreaktion (real time-PCR) vor, mit dem Gene des neuartigen Bornavirus in Liquor oder Hirngewebe nachgewiesen werden können. Zusätzlich steht ab sofort am BNI ein serologischer Test für nicht-akut erkrankte Personen zur Verfügung. Er kann genutzt werden, um einen etwaigen vorausgegangenen Kontakt zu dem neuartigen Virus abzuklären.

Eine solche Untersuchung ist nach Ansicht von Tappe sinnvoll bei (aktuellen oder früheren) Haltern von Bunthörnchen oder ihren Haushaltsangehörigen sowie bei Tierpflegern mit direktem Bezug zu Bunthörnchen, beispielsweise in Tierparks.
Bornavirus-Infektionen der Tiere sind schon seit mehr als 100 Jahren bekannt und kommen üblicherweise bei Einhufern vor, wo sie als Borna-Krankheit bezeichnet werden. Die Viren befallen insbesondere das zentrale Nervensystem und lösen eine Gehirnentzündung aus, die Todesrate ist hoch und liegt bei ungefähr 90% der infizierten Tiere. Neben Pferden können Bornaviren auch bei einer Reihe anderer Tiere auftreten. Erst 2008 konnte eine Nervenerkrankung mit tödlichem Ausgang bei Papageien und Sperlingsvögeln auf ein neues vogeltypisches Bornavirus zurückgeführt werden. © rme/aerzteblatt.de

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